Hannover  Heizen mit Wärmepumpe: So weit sind andere Länder im Vergleich zu Deutschland

Sophia Zimmermann
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Von Sophia Zimmermann
| 20.10.2023 17:30 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 9 Minuten
Das Ziel der EU ist es, bis zum Jahr 2030 insgesamt 60 Millionen Wärmepumpen installiert zu haben. Foto: dpa/Doreen Garud
Das Ziel der EU ist es, bis zum Jahr 2030 insgesamt 60 Millionen Wärmepumpen installiert zu haben. Foto: dpa/Doreen Garud
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Das Heizungsgesetz der Bundesregierung soll Wärmepumpen fördern. Während die Technik hier noch eine Nische ist, sind andere Ländern bereits weiter. Doch europaweit spürt auch der Wärmepumpen-Markt Inflation und gestiegene Lebenshaltungskosten.

Die Heizungen laufen wieder an. Und die sind energiehungrig. Um unsere Räume warm und gemütlich zu halten, wenden wir in unseren Breiten etwa zwei Drittel unseres gesamten Energieverbrauchs auf.

Der Wärmesektor ist also entscheidend für eine gelingende Energiewende. Immerhin will die Bundesrepublik bis 2045 komplett klimaneutral sein. Noch dominieren hier die fossilen Energieträger, allen voran Gas. Das ist nicht nur aus ökologischer Sicht problematisch, sondern bringt auch unliebsame Abhängigkeiten mit sich. Als Hoffnungsträger gilt die Wärmepumpe. Sie ist momentan die von der Politik bevorzugte Heiztechnik und wandelt die Wärme aus der Umgebung zu Heizenergie um. Dazu braucht sie allerdings Strom.

Je nachdem, wo der herkommt, kann man mit der Technik also praktisch klimaneutral heizen. Der Wärmemarkt in Deutschland ist allerdings träge. Momentan stehen den mehr als 14 Millionen Gas-Heizungen nicht einmal zwei Millionen Wärmepumpen gegenüber, wie Zahlen des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft belegen. In immer noch knapp der Hälfte der deutschen Wohnungen sorgt Gas für warme Räume, die Wärmepumpe kam Stand 2022 nur auf einen Anteil von drei Prozent. Sie steckt hierzulande also immer noch in der Nische.

Und auch die aktuellen Verkaufszahlen deuten nicht auf eine rasante Trendumkehr: So konnten die Wärmepumpenhersteller zwar im ersten Halbjahr 2023 knapp 200.000 dieser Geräte absetzen – was einer Steigerung von 105 Prozent im Vergleich zum Vorjahr entspricht – Gasheizungen verkauften sich allerdings noch deutlich besser. Sie kamen auf eine Stückzahl von 385.000. Das ist beinahe doppelt so viel. Doch wie sieht es eigentlich bei unseren europäischen Nachbarn aus?

Hier ergibt sich ein sehr differenziertes Bild. Wie stark die Wärmepumpe verbreitet ist, hängt von verschiedenen Kriterien wie den Energiekosten, staatlichen Vorgaben und Förderungen sowie der dominanten Heizform ab. In manchen Ländern kommen mehrere Faktoren zusammen. Allen voran sind das die Nordländer.

Die Marktdurchdringung ist hier besonders hoch. Der europäische Verband für Wärmepumpen (European Heat Pump Association – EHPA) gibt jährlich Marktdaten heraus. Die Stückzahlen setzt der Verband dabei auch in Bezug zu 1000 Haushalten (Datenbasis: 2022). Spitzenreiter ist hier Finnland: Auf 1000 Haushalte kamen 2022 demnach knapp 70 installierte Wärmepumpen, gefolgt von Norwegen mit gut 60 Stück pro 1000 Haushalte und Schweden mit knapp 40. Deutschland liegt hier mit nicht einmal 6 Wärmepumpen pro 1000 Haushalte auf den letzten Plätzen – gemeinsam mit Ungarn (4) und Großbritannien (2).

Laut Internationaler Energieagentur (IEA) sind in Norwegen etwa 60 Prozent der Gebäude mit Wärmepumpen ausgestattet, in Schweden und Finnland sind es über 40 Prozent. Das ist deshalb besonders interessant, weil Wärmepumpen immer wieder mit dem Vorurteil kämpfen, nicht effizient genug unter kälteren Bedingungen zu arbeiten.

Musterschüler Norwegen hat bereits im Jahr 2015 verboten, fossile Heizarten in neue Gebäude zu integrieren. Seit 2020 sind zudem Ölheizungen in den meisten Gebäuden verboten. Strom ist hier mit über 80 Prozent längst der Wärmelieferant Nummer 1. In großen Städten spielt zudem Fernwärme eine entscheidende Rolle. In Finnland ist die Fernwärme gleich die wichtigste Heizform, was auch für Schweden gilt. Hier sind obendrein Biomasse-Heizungen deutlich stärker vertreten als Gas- und Ölgeräte.

Dabei erzeugt vor allem Norwegen seinen Strom CO2-arm. 90 Prozent der norwegischen Stromproduktion kommen aus der Kraft des Wassers. In Finnland und Schweden sieht es etwas anders aus, hier ist die Kernkraft stark, gefolgt von Wasserkraft und Windkraft.

Mit Blick auf Deutschland haben diese Länder auch vergleichsweise niedrigere Strompreise – genauer gesagt ein ausgewogeneres Verhältnis der Strom- und Gas/Öl-Preise. In Schweden kostet die Kilowattstunde Strom momentan etwa 18 Cent, Gas bekommt man hier für 16 Cent. Das begünstigt einen wirtschaftlich attraktiven Betrieb einer Wärmepumpe im Vergleich zu den fossilen Methoden. Denn eine Wärmepumpe kann effizienter arbeiten als etwa eine Gas-Brennwerttherme. Wärmepumpen erreichen heute Leistungszahlen (COP – Coefficient of Performance) von etwa vier. Aus einer Kilowattstunde elektrischer Energie machen sie also etwa vier Kilowattstunden Wärme. Der Wirkungsgrad einer Gas-Brennwerttherme liegt im Optimalfall bei etwa 100 Prozent. Aus einer Kilowattstunde Gas macht sie also circa eine Kilowattstunde Wärme.

Grafik: Drei Arten, mit Wärmepumpen zu heizen

Geht man also davon aus, dass die Kilowattstunde Strom für die Wärmepumpe wie in Schweden bei etwa 15 Cent liegt, kommt man auf einen Wärmepreis von 3,7 Cent pro Kilowattstunde. Mit Gas liegt man dagegen bei 16 Cent. Geht man davon aus, dass ein Einfamilienhaus einen Wärmeverbrauch von 25.000 kWh hätte, dann würden die Energiekosten der Wärmepumpe bei etwa 750 Euro im Jahr liegen. Mit der Gasheizung käme man auf mehr als das Vierfache.

In Deutschland liegt der Strompreis momentan übrigens bei etwa 30 Cent. Mit einer Wärmepumpe mit Leistungszahl vier käme man hier auf einen Wärmepreis von etwa 7,5 Cent (Heizstromtarife außenvorgelassen). Der Gaspreis liegt nahezu gleichauf bei 9 Cent. Dabei hat Deutschland momentan einen reduzierten Steuersatz für Gas – allerdings nur noch bis zum 31. März 2024.

Das Verhältnis zwischen Strom- und Gaspreis ist deshalb so entscheidend, weil die Anschaffungskosten für eine Wärmepumpe in der Regel höher liegen als für eine Gastherme. Das muss man über die Betriebskosten aufholen und das geht umso besser, je niedriger die Strompreise sind.

Doch die Nordländer haben hier teils einen weiteren Vorteil, wie die Daten der Internationalen Energieagentur belegen. In Schweden oder Dänemark können die Anschaffungskosten für eine einfache Luft-Luft-Wärmepumpe sowie für Luft-Wasser-Wärmepumpen unter denen für eine Gasheizung liegen. Das liegt hier in besonderem Maße daran, dass die Installationskosten in diesen bereits gereiften Märkten vergleichsweise niedrig sind.

Während die Nordländer also bereits eine vergleichsweise hohe Marktdurchdringung zeigen, tun sich vorrangig zwei europäische Länder als Stückzahlenspitzenreiter hervor. In Frankreich wurden im vergangenen Jahr knapp 622.000 Wärmepumpen verkauft. Pro 1000 Haushalte sind das etwa 20 Stück. Italien kam in diesem Jahr auf 510.000 abgesetzte Wärmepumpen, was 20 Stück pro 1000 Haushalte entspricht.

In besonderem Maße liegt das an einer intensiven Förderung. Diese sorgt laut Internationaler Energieagentur hier ebenfalls dafür, dass Anschaffungspreise für eine Wärmepumpe unter denen einer Gasheizung liegen können. In Frankreich und Italien kommt zudem eine reduzierte Mehrwertsteuer für Geräte hinzu, die im Rahmen einer Renovierung eingebaut werden. Diese liegt dann bei nur 5 und 10 Prozent.

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Dass Förderung den Markt zwar stark voranbringt, aber auch eklatante Probleme mit sich bringen kann, zeigt das Beispiel Italien. Das Land kurbelte den Wärmepumpenmarkt mit dem Förderprogramm „Superbonus 110“ massiv an, das die Regierung unter Giuseppe Conte 2020 einführte. Demnach konnten Immobilienbesitzer eine Steuergutschrift von 110 Prozent auf ihre Investition bekommen. In der Folge entwickelte sich ein Handel mit Steuergutschriften, aufgrund fehlender Kontrollen kam es obendrein zu immensem Betrug. Laut Frankfurter Allgemeiner Zeitung kostete das Programm das Land wohl mehr als 100 Milliarden Euro. Die aktuelle Regierung hat es mittlerweile gestoppt und den Fördersatz nach unten korrigiert. Der Markt ist daraufhin stark eingebrochen: Die Verkäufe von Wärmepumpen im ersten Halbjahr 2023 gingen im Vergleich zum Vorjahr um 34 Prozent zurück.

Damit sticht Italien zwar hervor. Doch es ist nicht das einzige europäische Land, in dem sich die Aussichten für Wärmepumpen eintrüben. Auch Finnland meldet einen Rückgang um 17 Prozent, Polen um etwa sechs Prozent. Der EHPA sieht hier maßgeblich die sich ändernde Fördersituation verantwortlich. Das trifft auch auf Deutschland zu. Mit dem neuen Gebäudeenergiegesetz (GEG) will die Regierung den Heizungstausch ab 2024 zwar mit bis zu 70 Prozent (inklusive Einkommensbonus) fördern, allerdings sinkt der maximal förderfähige Betrag für eine Heizung im Einfamilienhaus oder der Etagenwohnung von bisher 60.000 auf 30.000 Euro.

Diese sich ändernden Rahmenbedingungen führten dazu, „dass Verbraucher, die zudem mit Inflation, hohen Zinsen und steigenden Lebenshaltungskosten zu kämpfen haben, weniger Vertrauen in den Markt für Wärmepumpen haben“, so die EHPA.

In Deutschland rechnet der Bundesverband Wärmepumpe 2023 dennoch mit einem Gesamtabsatz von 330.000 bis 350.000 Einheiten. Das wäre ein deutliches Wachstum im Vergleich zum Vorjahr, das mit gut 280.000 verkauften Geräten endete. Der Schein trügt allerdings, denn die guten Zahlen seien der Nachfrage aus dem Jahr 2022 und den ausgebauten Produktionskapazitäten der Hersteller geschuldet. Ein besserer Indikator für den aktuellen Markt sei die Wärmepumpenförderung der Bundesanstalt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA), denn die Anträge würden unmittelbar vor Beauftragung einer neuen Wärmepumpe gestellt. Doch Anzahl der monatlichen Förderanträge ist im Vergleich zum Vorjahr um 73 Prozent zurückgegangen, so der BWP.

Das Ziel der EU ist es, bis zum Jahr 2030 insgesamt 60 Millionen Wärmepumpen installiert zu haben. Angesichts der momentanen Entwicklungen ist das sehr ambitioniert.

Europa ist laut Internationaler Energieagentur nicht nur der größte Wachstumsmarkt für Wärmepumpen, sondern auch ein wichtiges Produktionszentrum für die Geräte. Mit etwa 170 Wärmepumpenfabriken verfügt der Kontinent demnach über etwa 15 Prozent der weltweiten Produktionskapazität. Dabei ist die EU laut einem Bericht der EU-Kommission in der Lage, gut 70 Prozent seines Bedarfs an Wärmepumpen selbst zu decken.

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Zu den großen Playern zählen hier etwa Nibe, Danfoss, Bosch, Stiebel Eltron oder auch Viessmann. Und die wollen in den kommenden Jahren stark in das Geschäft investieren. Laut Internationaler Energieagentur plant etwa Bosch hier mit 300 Millionen, Nibe mit etwa 460 Millionen Euro und Stiebel Eltron mit circa 600 Millionen.

Doch die europäischen Platzhirsche stehen zunehmend im Konkurrenzkampf, insbesondere mit asiatischen Unternehmen. Bereits jetzt werden laut Internationaler Energieagentur etwa 40 Prozent aller Wärmepumpen in China produziert. Das Land ist damit größter Produzent und Exporteur der Technik. Wenig überraschend gehen die meisten Exporte nach Europa.

Und das schlägt sich schon in mancher Produktkategorie nieder. Laut Wärmepumpenverband EHPA kommen heute schon die meisten Luft-Luft-Wärmepumpen (siehe Split-Klimaanlage) für Wohngebäude in Europa aus Asien. Luft-Wasser- aber auch Sole-Wasser-Wärmepumpen (Erdwärmepumpen) kommen dagegen noch vorwiegend aus Europa. „Gemessen am Gesamtumsatz wird mehr als die Hälfte der in Europa installierten Wärmepumpen zumindest in Europa montiert“, so die EHPA gegenüber heise online.

Die EHPA gibt sich optimistisch, was die Perspektive angeht. Die EU-Produkte hätten ein hohes Ansehen unter den heimischen Kunden und auch bei den Fachbetrieben: „Die lokalen Installateure schätzen die schnelle Lieferung, die Unterstützung durch die Hersteller und die Verfügbarkeit von Ersatzteilen. Daher sind die Möglichkeiten für Marktteilnehmer, die nur aus Asien/China importieren, begrenzt.“

Dieser Artikel erschien zuerst bei Heise-Online in Hannover.

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