Frankfurt  Salman Rushdie: Schreiben ist immer ein optimistischer Akt

Stefan Lueddemann
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Von Stefan Lueddemann
| 20.10.2023 15:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Der britische Autor Salman Rushdie, Träger des diesjährigen Friedenspreises des Deutschen Buchhandels, spricht auf der Frankfurter Buchmesse während einer Pressekonferenz. Foto: dpa
Der britische Autor Salman Rushdie, Träger des diesjährigen Friedenspreises des Deutschen Buchhandels, spricht auf der Frankfurter Buchmesse während einer Pressekonferenz. Foto: dpa
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Seine öffentlichen Auftritte sind selten. Salman Rushdie entging bei einem Attentat nur knapp dem Tod. Auf der Frankfurter Buchmesse verteidigt er die Unabhängigkeit der Literatur und sieht die Welt in keinem guten Zustand.

Kann ein Mensch seinen Humor behalten, wenn ihn die zehn Messerstiche eines Attentäters beinahe ums Leben gebracht hätten? Salman Rushdie hat seinen Humor nicht nur bewahrt, er zelebriert ihn geradezu. Ob er nach dem Angriff der Hamas auf Israel noch optimistisch in die Zukunft schauen könne? „Schreiben ist immer eine Form des Optimismus. Ich widme einem Buch Jahre und möchte es auch beenden“, sagt der Autor vor der Presse auf der Frankfurter Buchmesse mit leiser, feiner Stimme und erntet prompte Lacher aus dem Publikum.

Dabei hätte Salman Rushdie allen Anlass, mehr als nur angestrengt zu sein. „Es war ein hartes Jahr. Jetzt bin ich froh, hier zu sein“, sagte Rushdie im Rückblick auf die Messerattacke vom 22. August 2022, als ein junger Islamist im amerikanischen Chautauqua (US-Bundesstaat New York) auf ihn einstach.

Polizisten geleiten ihn auf dem Gelände der Frankfurter Buchmesse. Am Sonntag, 22. Oktober 2023, soll er mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet werden. Sicherheitsleute durchsuchen die Taschen der für das Pressegespräch akkreditierten Journalisten. Jeder geht durch den Scannerbogen. Es fühlt sich an wie vor dem Antritt einer Flugreise. Alle bleiben diszipliniert. Rushdie bleibt cool. Zumindest nach außen.

„Ich danke den Ärzten, die mich achteinhalb Stunden lang operiert haben. Sie haben mein Leben gerettet“, erzählt Rushdie von der Zeit, die auf das Attentat folgte. Die Fatwa, das Todesurteil der iranischen Religionsführer habe er nie vergessen.

1989 verurteilten ihn die Mullahs für seinen Roman „Die satanischen Verse“ zum Tode. Rushdie verwandelt in seinem berühmtesten Buch das Leben des Propheten Mohammed in eine wilde, alle Grenzen der Kulturen überschreitende Fantasiereise. Zuviel für verstockte Religionsführer, die mit Rushdies Roman den Koran verunglimpft sahen.

Seitdem lebt Rushdie gut geschützt. Seine öffentlichen Auftritte sind selten, werden als Ereignisse gefeiert. Auch im Presseraum auf der Frankfurter Buchmesse schlägt ihm spontaner Applaus entgegen, als die Tür endlich aufgeht und Rushdie erscheint. Das verdunkelte Augenglas trägt er seit dem Attentat wie ein Erkennungszeichen, das er sich nicht aussuchen konnte. Seit der Attacke ist der britisch-indische Autor auf einem Auge erblindet.

Der Angriff hat seinen Körper verwundet, seinen Geist offenbar nicht. Salman Rushdie bleibt souverän. Er will ein Autor sein, kein Kämpfer für irgendeine Sache. Und kein Prophet der Weltlage. Israel, die Hamas, das Wachsen der Diktaturen überall auf der Welt? „Ich bin schlecht in Voraussagen“, nimmt sich Rushdie zurück, wenn es um die großen politischen Themen geht.

Und wird dann doch sehr deutlich. Die Welt sei in keinem guten Zustand. Diktaturen seien auf dem Vormarsch, Demokratie in Gefahr. Und ihn erfülle der Angriff der Hamas auf Israel mit Entsetzen. Was wird daraus folgen? Salman Rushdie, der mit Fantasie begabte Autor, will sich das lieber nicht ausmalen.

Klar bleibt er, wenn es um die Freiheit geht, vor allem im Hinblick auf die Freiheit der Literatur. Er will sie nicht festgelegt wissen auf eine politische Botschaft, einen gesellschaftlichen Nutzen – trotz aller politischer Krisen. „Literatur ist nutzlos. Welchen Nutzen sollte etwa „Der Herr der Ringe“ haben?“. Bücher hätten den Geist anzuregen, sonst nichts. „Ich mag keine Bücher, die mir sagen wollen, wie ich zu denken habe. Ich mag Bücher, die mich zum Denken bringen“, trifft Salman Rushdie den Punkt.

Die Freiheit der Literatur, sie ist für ihn die eigentliche, eminent politische Frage. Rushdie wendet sich klar gegen die Cancel Culture. Es mache keinen Sinn, wenn nur noch Frauen über Frauen schreiben dürften. Es gehe im Roman ja gerade darum, fremde Menschen zu erfinden. „In meinen Kursen ermutige ich junge Autoren, genau das auch weiterhin zu tun“, sagt Rushdie.

Dabei lässt er sich nicht beirren. Auch nicht von künstlicher Intelligenz (KI). Ob ihn ChatGPT beunruhige? „ChatGPT ist ein lausiger Autor. Und es hat keinen Humor“, analysiert Rushdie hellsichtig und schiebt dann noch nach: „Das Problem: ChatGPT lernt verdammt schnell. Fragen Sie mich deshalb in zehn Minuten noch einmal. Vielleicht antworte ich dann anders“.

Salman Rushdie lässt sich davon nicht beirren, ebenso wie von der politischen Weltlage. Im nächsten Frühjahr soll sein neues Buch erscheinen, kündigt er an. Er habe es gerade erst vor zehn Tagen beendet, plaudert der Autor aus seiner Schreibwerkstatt. „Was soll ich auch anderes machen, ich habe kein anderes Talent“, sagt der Autor mit einem Schmunzeln und wirkt very british dabei.

Was stört die Mullahs an Rushdies „Satanischen Versen“ eigentlich? Der Humor der Geschichte und ihres Autors. Er hat ihn nicht verloren. Salman Rushdie zelebriert den Humor als die feine Kunst, persönliche Unabhängigkeit zu bewahren. Wie er seine Zeit in Frankfurt verbringe, wird er noch gefragt, und ob er sich dabei sicher fühle? „Ich verbringe diese Zeit exklusiv mit Journalisten“, kontert er. Einfach entwaffnend, dieser Salman Rushdie.

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