Wie die Niederlande oder Schweden  Nur noch mit 80 auf der Landstraße – was bringt das?

Vera Vogt
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Von Vera Vogt
| 19.10.2023 09:31 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
An so mancher Stelle gilt schon Tempo 80 auf der Landstraße. Foto: Sabine Schönfeld/Adobe-Stock
An so mancher Stelle gilt schon Tempo 80 auf der Landstraße. Foto: Sabine Schönfeld/Adobe-Stock
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Beim Thema Tempolimit kochen die Emotionen hoch. Nun gab es einen Vorstoß bei den Landstraßen: Ist die Geschwindigkeit der Grund, dass Personen hier im Verkehr sterben?

Kreis Leer/Niederlande - Es wird wieder hitzig diskutiert: Die Idee von Verkehrsminister Olaf Lies, dass auf Landstraßen Autos und auch schwerere Laster einheitlich Tempo 80 fahren, fand nicht nur Anklang. Lies ist der Überzeugung, dass bei weniger Überholdruck und weniger Geschwindigkeit auch weniger Menschen zu Schaden kommen.

57 Prozent aller Getöteten im Straßenverkehr kamen im Jahr 2022 auf Landstraßen ums Leben, teilt der Verkehrssicherheitsrat mit. Insgesamt waren es 1593 Menschen, das seien fast doppelt so viele wie in Ortschaften und sogar fünfmal so viele wie auf Autobahnen.

Was und warum

Darum geht es: Es wird wieder über ein Tempolimit diskutiert, dieses Mal geht es um eines auf der Landstraße.

Vor allem interessant für: Verkehrsteilnehmer

Deshalb berichten wir: Im ländlichen Raum gibt es jede Menge Landstraßen.

Die Autorin erreichen Sie unter: v.vogt@zgo.de

So ist es im Landkreis Leer

Wie steht es um die Sicherheit auf den Landstraßen im Kreis Leer? Erstmal muss man klären, worüber gesprochen wird, wenn das Wort Landstraßen genutzt wird, sagt Polizeisprecherin Frauke Bruhns: Der Begriff „Landstraße“ umfasse Bundes-, Landes-, Kreis- und auch teilweise Gemeindestraßen außerhalb geschlossener Ortschaft. Die Frage, wie viele der Unfälle sich auf diesen Straßen ereignen, lasse sich nur schwer herausfiltern. Denn die Straßen und Abschnitte, die bereits geschwindigkeitsreduziert sind, wären nicht zu berücksichtigen – „zum Beispiel die L 30.“ Auf Landstraßen befinden sich die Unfallschwerpunkte oftmals an Einmündungen und Kreuzungen. Dort sei die Geschwindigkeit vielfach schon reduziert.

Es wäre wünschenswert, dass sich jede Autofahrerin und jeder Autofahrer vor Fahrtantritt ins Gedächtnis rufe, dass gesund am Ziel anzukommen keine Selbstverständlichkeit ist, mahnt die Sprecherin. „Überholverstöße als Unfallursache auf Landstraßen sind aktuell hier im Bereich kein Thema“, aber je höher die gefahrene Geschwindigkeit bei einem Verkehrsunfall ist, „umso schwerer sind die Folgen, auch wenn der Unfall eventuell eine andere Ursache hat.“ Neben reduzierter Geschwindigkeit sieht die Sprecherin weitere Möglichkeiten, die Landstraßen sicherer zu machen: „Aufklärung über die besonderen Gefahren, gerade hier im ländlichen Raum auch im Hinblick auf die vielen Wildunfälle.“ Und nicht zuletzt eine Geschwindigkeitsüberwachung dort, wo bereits eine Reduzierung angeordnet sei.

Stimmen gegen Limit

Der ADAC zeigt sich wenig begeistert von den Plänen für ein Tempolimit, Straßen sollten so ausgebaut werden, dass sie auch bei Tempo 100 sicher sind, berichtet der NDR. Ebenso gehe es der Opposition im Niedersächsischen Landtag. Die Zahl der Verkehrstoten in Deutschland liege unter dem EU-Schnitt, so die AfD. Auf gefährlichen Abschnitten gebe es bereits Tempo-Limits, so die CDU.

Nach einer ADAC-Studie von 2021 überschätzen die meisten Befragten die Sicherheit auf Landstraßen. Etwa jeder Zweite fährt dort schneller als erlaubt. Für strengere Regeln auf Landstraßen gebe es keine Mehrheit. Außerdem kam heraus, dass jeder fünfte Pkw-Fahrende beim Überholen auf Landstraßen (sehr) häufig kritische Situationen erlebe, und zwar eher als Überholter. Fahrerinnen und Fahrer von langsamen Kfz, Fahrrädern oder Pedelecs erlebten im Straßenverkehr häufig belastende Situationen. Besonders unsicher fühlen sie sich, wenn andere ihnen zu nahe kommen. Aber: „Die Höchstgeschwindigkeit von 100 km/h erachten 72 Prozent der Pkw-Fahrenden und 65 Prozent der Motorradfahrenden als sinnvoll. Ihr Absenken würde das Sicherheitsgefühl der Verkehrsteilnehmer nur eingeschränkt erhöhen. Vor allem Männer, Autofahrende unter 50 Jahren und solche, die viel fahren, würden sich von einer niedrigeren Höchstgeschwindigkeit beeinträchtigt fühlen.“

Ein generelles Überholverbot auf einspurigen Landstraßen befürworte nur gut ein Drittel der Pkw- und Motorradfahrenden. Damit halten sich Ablehnung und Befürwortung in etwa die Waage. Der ADAC spricht sich unter anderem für örtliche Tempobeschränkungen aus, „wo sicheres Überholen nicht möglich ist, sollte dies immer durch Überholverbote oder Fahrbahnmarkierungen deutlich gemacht werden“, überregional bedeutsame Landstraßen sollten abschnittsweise oder durchgängig dreistreifig mit sicheren Überholmöglichkeiten ausgebaut werden.

Stimmen für ein Limit

Die Landesverkehrswacht Niedersachsen begrüßt und unterstützt ausdrücklich den Vorstoß des Verkehrsministeriums. So heißt es in einer Pressemitteilung: Die Zahl der Getöteten im Straßenverkehr könne nicht erheblich verringert werden, ohne die Verkehrssicherheit auf Landstraßen deutlich zu verbessern.

Rund zwei Drittel der tödlichen Verkehrsunfälle in Niedersachsen ereigneten sich jedes Jahr auf Landstraßen. Unfallursachen: überhöhte Geschwindigkeit, Fahrfehler und Ablenkung. „Je schneller ein Fahrzeug unterwegs ist, umso länger werden Reaktions- und Bremsweg, was gleichzeitig bedeuten kann, nicht mehr rechtzeitig reagieren oder bremsen zu können. Je höher die Geschwindigkeit, desto größer sind die Kräfte, die auf Fahrzeug und Mensch wirken. Je größer die Kräfte, desto wahrscheinlicher werden schwere und lebensbedrohliche Verletzungen“, argumentiert die Verkehrswacht. Sie fordere seit längerem die Einführung einer Höchstgeschwindigkeit von 80 km/h außerorts, unabhängig von der zulässigen Gesamtmasse, verbunden mit einer Öffnungsklausel. „Eine Öffnungsklausel ermöglicht, dass auf gut ausgebauten und nicht unfallträchtigen Landes-/Bundesstraßen auch weiterhin Höchstgeschwindigkeiten von 100 km/h oder gar mehr möglich sind.“ Eine Höchstgeschwindigkeit von 80 km/h für alle Fahrzeuge reduziere den Überholdruck deutlich und werde der vielfachen Realität in Bezug auf die gefahrene Geschwindigkeit von Lkw auf den Landstraßen gerecht.

Andere Länder, andere Sitten

Wer von Bunde einige Autominuten lang fährt, weiß, dass die Regeln mit der Landesgrenze zu den Niederlanden andere sind. Dort gilt auf Außerortsstraßen Tempo 80. Neben Deutschland gilt nur in Österreich Tempo 100, in Portugal 90 oder 100. Alle anderen Länder schreiben langsameres Fahren vor. Auch in Deutschland, so sieht es auch Lies, müsse diese Entscheidung auf Bundesebene getroffen werden.

Unter anderem auch in Spanien, Frankreich oder der Schweiz gilt höchstens Tempo 80, so manches Land hat extra Regelungen je nach Jahreszeit und Alter des Fahrers. Sehr sicher sind seit Jahren die Straßen in Schweden: Hier gab es laut ADAC 2021 pro einer Million Einwohnerinnen und Einwohner 21 Tote zu beklagen. In Deutschland waren es 34. Schweden nutze dabei mehrere Stellschrauben, heißt es von der Deutschen Presseagentur: Unter anderem gehe es „verglichen mit anderen Ländern auf Schwedens Straßen langsam zu.“ Weil für den Ausbau der Straßen nicht so viel Geld da gewesen sei, habe man auf Landstraßen Barrieren zwischen den Spuren angebracht. So heißt Überholverbot dann auch Überholverbot.

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