Milchvieh-Weidehaltung elektrisiert Wolfssicherer Zaun, der Solarstrom produziert – bald in Ostfriesland?
Die Bundesregierung macht landwirtschaftliche Solaranlagen attraktiver. Im Kreis Leer gibt es eine erste Bauvoranfrage. In Wiesmoor wird am 25. Oktober über Photovoltaik-Systeme informiert.
Ostfriesland - Solaranlage oder Milchvieh-Weide? Diese Frage war gestern. Jetzt geht Solaranlage und Milchvieh-Weide beziehungsweise Solaranlage auf der Milchvieh-Weide. Verschiedene Hersteller bieten spezielle Photovoltaik-Anlagen für die Landwirtschaft – für Viehweiden, Kartoffeläcker, Beerenfelder und Obstplantagen. Außer der Stromerzeugung versprechen Anbieter und Wissenschaftler positive Nebeneffekte – beispielsweise Schutz vor Hagel, Wind und Sonne.
Die Bundesregierung macht den Bau von solchen Solaranlagen (Agri-PV-Anlagen) attraktiver. Auf einer Fläche von bis zu 2,5 Hektar können sie in der Nähe von Bauernhöfen, die sich außerhalb von Ortschaften im sogenannten „Außenbereich“ befinden, ohne Bebauungsplan errichtet werden – es bedarf künftig nur noch einer Baugenehmigung. Agri-PV-Anlagen sind zu privilegierten Bauvorhaben erklärt worden. Darüber hinaus sollen die landwirtschaftlichen Solarstrom-Erzeuger auf Grundlage des überarbeiteten Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) finanziell profitieren.
Info-Tag in Wiesmoor – anschließend Besichtigung einer Anlage in Elsfleth
Landwirt Dirk Hanken aus der Wesermarsch (Elsfleth) hat bereits eine Agri-PV-Anlage. Sie soll im Rahmen des Themenforums „Photovoltaik auf landwirtschaftlich genutzten Flächen“ im Projekt „Innovative Landwirtschaft Ostfriesland“ (ILO) am 25. Oktober besichtigt werden. Es handelt sich demnach um eine Anlage auf einem Moor-Standort mit Beweidung, wie es in der Ankündigung heißt. Über Hankens bisherige Landwirtschaft auf Moorflächen hat der NDR berichtet.
Hankens Sonnenstrom-Kraftwerk ist eine Pilotanlage, wie der Hersteller informiert – die Firma Sunfarming Projekt GmbH aus dem brandenburgischen Erkner. „Die Anlage wurde in Kooperation mit dem Grünlandzentrum in Övelgönne dort platziert und wird im Rahmen eines gemeinsamen Forschungsprojektes untersucht, unter anderem hinsichtlich der Minderung von Kohlenstoffdioxid-Emissionen sowie auch der Transpirationsminderung durch die Anlage“, berichtet das Unternehmen auf Anfrage unserer Redaktion.
Landwirtschaftliche Fläche bleibt trotz Photovoltaik-Anlage erhalten
Der Hersteller erklärt: „Da die Anlagen ja in Deutschland erst mit dem ,Solarpaket 1‘ auf Weideland möglich sind und die Genehmigungsverfahren circa drei Jahre dauern, werden die ersten Großanlagen dieser Art von uns ab Beginn 2024 gebaut.“ Im brandenburgischen Rathenow und bei Landwirt Hanken in der Wesermarsch könne man sie aber schon „als Einzeltische“ sehen.
„Die Potenziale in Ostfriesland sind insgesamt groß“, schreibt der Agri-PV-Anlagen-Hersteller „Next2Sun“ aus dem saarländischen Dillingen. Das Unternehmen wirbt für Anlagen, die „bestens geeignet für die Milchviehhaltung“ seien: „Dank seines minimalen Überbauungsgrades (circa 1 Prozent) bleibt bei unserem Agri-PV-System die Weidefläche erhalten und es gibt weiterhin die Möglichkeit, die Flächen zwischen den Reihen für Heu und Silage zu nutzen. Die Anlage kann so an die Bedürfnisse des Landwirts angepasst werden, dass er die Flächen mit seinem bestehenden Fuhrpark weiter bewirtschaften kann. Der Solarzaun wiederum kann als Weidezaun dienen.“
Den Solarzaun gibt es sogar als wolfssichere Variante
Unsere Redaktion hat nachgefragt, ob es den Solarzaun auch als wolfssichere Variante gibt. Next2Sun antwortete: „Ja, es ist möglich, unsere Modulreihe mit Stabgitterelementen (und optional Stromzäunen, Übersteigschutz) zu einem komplett ,dichten‘, bis zu drei Meter hohen ,echten Zaun zu schließen.“ Next2Sun merkt an: „Der Solarzaun ist sicherlich gut geeignet, um auch Schafe – zum Beispiel entlang des Deiches – einzuzäunen.“
Bisher gebe es Next2Sun-Anlagen in Irland und in den Niederlanden, in denen Kühe gehalten werden, teilt das Unternehmen mit. „Besonders interessant ist das System auch für den Eigenverbrauch von Milchviehbetrieben. Mit Ost-West-Ausrichtung haben wir den Schwerpunkt der Stromproduktion in den Morgen- und Abendstunden – genau dann, wenn der größte Strombedarf beim Melken auftritt. Unsere Anlage in Irland zeigt, dass damit ein optimaler Autarkiegrad erreicht wird.“
Mit diesen Investitionskosten ist bei Agri-PV-Anlagen zu rechnen
Die Wirtschaftlichkeitsrechnung hänge „sehr stark von der Größe der Anlage und dem Netzanschluss ab“, erläutert Next2Sun. „Bei mittelgroßen Anlagen in Norddeutschland können Sie grob Erstellungskosten von 1000 Euro pro Kilowatt unterstellen und eine Stromproduktion von 1000 Kilowattstunden pro Jahr. (Mit) einer Einspeisevergütung von sieben Cent pro Kilowattstunde sind Sie dann bei einer Amortisationsdauer von etwa 14 Jahren, bei einem hohen Eigenverbrauch mit 30 bis 40 Cent pro Kilowattstunde macht das natürlich sehr schnell noch viel mehr Spaß.“
Landwirte aus Niedersachsen seien durchaus interessiert an Agri-PV, schreibt der Anbieter: „Wir haben in Niedersachsen mehrere Projekte in der Pipeline, aber noch keine fertige Anlage, da es vom ersten Kontakt bis zum Zeitpunkt, zu dem die Anlage ans Netz geht, durchschnittlich etwa drei Jahre dauert.“ Das erste Projekt wird laut Next2Sun voraussichtlich in Dörverden umgesetzt werden.
Genehmigungsverfahren verzögern offenbar den Agri-PV-Ausbau
Das Unternehmen weist auf folgendes hin: „Die Schwierigkeit in Niedersachsen ist vor allem die Tatsache, dass es sich teilweise mehrere Jahre zieht, bis Kommunen Kriterienkataloge aufgestellt haben, auf welchen Flächen sie Photovoltaik genehmigen möchten. Daher müssen wir mit vielen Projekten erst einmal auf diese Ausweisung von Gunstflächen warten, selbst wenn diese Kriterienkataloge oft nicht zwischen konventioneller Photovoltaik und Agri-PV differenzieren, also für uns nicht direkt anwendbar sind.“
In Ostfriesland soll es laut Landwirtschaftskammer und Next2Sun Bauern geben, die über den Bau von Agri-PV-Anlagen nachdenken. Unsere Redaktion hat aber noch keinen gefunden, der bereit gewesen wäre, im Stadium der Vorüberlegungen an die Öffentlichkeit zu gehen. Am weitesten gediehen scheinen die Planungen eines Agri-PV-Projekts im Landkreis Leer: „Es liegt eine Bauvoranfrage für die Errichtung einer solchen Anlage vor“, berichtet die Kreisverwaltung.
Diese Infos über Agri-PV gibt es am 25. Oktober in Wiesmoor
Eine Möglichkeit zur Information gibt es am Mittwoch, 25. Oktober, ab 10 Uhr im Café „Blumenreich“ in Wiesmoor – im Rahmen des Projekts „Innovative Landwirtschaft Ostfriesland“. Das Grünlandzentrum Niedersachsen/Bremen und der Landwirtschaftliche Hauptverein laden ausweislich des Ankündigungsplakats dazu ein.
Edith Brasche von Sunfarming wird dort über Agri-PV, Biodiversitäts-PV und Moor-PV für Acker, Grünland und Moorstandorte informieren. Danach spricht Helmut Wahl von der Landwirtschaftskammer Niedersachsen über Wirtschaftlichkeit und rechtliche Aspekte von Photovoltaik auf landwirtschaftlichen Flächen. Nach dem Mittagessen steht eine Fahrt zum Hof Hanken in Elsfleth an, auf dem die Pilotanlage von Sunfarming installiert ist. Anmeldung bei Simon Schoon per E-Mail: simon.schoon@gruenlandzentrum.de.