Osnabrück  Arena der Freiheit: Frankfurter Buchmesse positioniert sich politisch

Stefan Lueddemann
|
Von Stefan Lueddemann
| 17.10.2023 15:14 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Juergen Boos (l-r), Direktor der Buchmesse, Gaia Vince, britische Umweltjournalistin und Sachbuchautorin, und Karin Schmidt-Friderichs, Vorsteherin des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, bei der Eröffnungspressekonferenz der Frankfurter Buchmesse. Foto: picture-alliance/dpa
Juergen Boos (l-r), Direktor der Buchmesse, Gaia Vince, britische Umweltjournalistin und Sachbuchautorin, und Karin Schmidt-Friderichs, Vorsteherin des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, bei der Eröffnungspressekonferenz der Frankfurter Buchmesse. Foto: picture-alliance/dpa
Artikel teilen:

Marktplatz für Bücher und Arena des freien Austausches: Die 75. Frankfurter Buchmesse positioniert sich entschieden politisch. Zugleich macht ihr die Debatte um eine abgesagte Preisverleihung zu schaffen.

Was kann die Frankfurter Buchmesse sein – ein friedlicher Hafen der Freiheit in einer unruhigen Welt? Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) ist lieber in das vom Terror der Hamas erschütterte Israel geflogen, anstatt in Frankfurt die Buchmesse zu eröffnen. Karin Schmidt-Friderichs, Vorsteherin des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, stellte die Buchmesse unterdessen als „Ort der Meinungsvielfalt und des friedlichen Miteinanders“ heraus.

Juergen Boos, Direktor der Buchmesse, unterstrich in der Eröffnungspressekonferenz die Kontinuität der Buchmesse in einer Welt, die „aus den Fugen geraten“ sei. „Unser Mitgefühl gilt den Menschen, deren Angehörige Opfer dieses Gewaltexzesses wurden, und allen Menschen in Israel und Palästina, die unter dem Krieg leiden“, positionierte Boos die Buchmesse klar im Hinblick auf die Massaker der Hamas in Israel.

Die Buchmesse als Hort der Menschenrechte und des freien Austauschs: Schmidt-Friderichs und Boos haben die Buchmesse wieder klar politisch positioniert. Zugleich muss sich die Messe nach der Absage der Verleihung eines Literaturpreises an die Autorin Adania Shibli selbst an ihren Ansprüchen messen lassen.

In einem Manifest haben gerade 600 Autoren diese Verschiebung kritisiert, darunter die Nobelpreisträger Abdulrazak Gurnah, Annie Ernaux und Olga Tokarczuk. Kritiker wie der Autor Maxim Biller hatten Shiblis Roman über die Vergewaltigung und Ermordung eines Beduinenmädchens durch israelische Soldaten zuvor als antisemitisch kritisiert.

„Wir wollten die Autorin vor der Hetzmasse schützen“, begründete Juergen Boos die Entscheidung, die Ehrung der Autorin auf einen Zeitpunkt nach der Buchmesse zu verschieben. Die Frankfurter Buchmesse sei „eine Plattform für das freie Wort und den friedlichen Austausch“, sagte Torsten Casimir, Sprecher der Buchmesse. Die Verschiebung der Preisverleihung schmälere diesen Anspruch nicht.

Wie politisch sich die Buchmesse versteht, machte Karin Schmidt-Friderichs mit der Themenagenda deutlich, die sie in ihrer Rede abarbeitete. Zum 75. Geburtstag der Buchmesse erinnerte Schmidt-Friderichs an ihren Start in der Frankfurter Paulskirche. Im Geist des ersten deutschen Parlaments sei die Buchmesse der Freiheit verpflichtet, sagte die Vorsteherin und konkretisierte diese Positionierung umgehend tagesaktuell. „Ich danke allen Pol*innen, die richtig gewählt haben“, spielte sie auf den Wahlsieg von Oppositionsführer Donald Tusk bei den Parlamentswahlen in Polen an.

Zugleich verteidigte Schmidt-Friderichs das Lesen als unersetzliche Voraussetzung für Teilhabe und Freiheit. „Lesefähigkeit legt die Basis für Bildungskarrieren und für die Resilienz der Demokratie“, sagte sie und verwies auf die Effekte nachlassender Lesekompetenz. Dies führe zu „geschwächter Immunresistenz beim Angriff populistischer Erreger“.

Gerade kleine Buchverlage kämen derzeit an ihre wirtschaftlichen Grenzen, warnte die Rednerin vor einem Verlust literarischer Vielfalt. Zwar sei der Umsatz in den ersten neun Monaten dieses Jahres um vier Prozent gestiegen, es seien aber 1,1 Prozent weniger Bücher verkauft worden als im Vorjahreszeitraum und 7,4 Prozent weniger als vor der Pandemie. Schmidt-Friderichs kritisierte in diesem Zusammenhang jene Medien, die den Raum für eine Berichterstattung über Literatur einschränkten. Das Buch brauche mediale Sichtbarkeit, unterstrich Schmidt-Friderichs.

Juergen Boos hingegen betonte, dass das Sachbuch derzeit eine starke Konjunktur erlebe. Der Bedarf an fachlicher Expertise und gedanklicher Einordnung sei gerade in bewegten Zeiten groß, sagte er. Als langsames Medium vielfältiger Qualitätsprüfungen trage das Buch dazu bei, Fake News entgegenzuwirken.

Eröffnungsrednerin Gaia Vince demonstrierte umgehend, wie der Beitrag abgeklärter Sachkenntnis aussehen kann. Die Autorin des Buches „Das nomadische Jahrhundert“, untersucht den Zusammenhang von Klimawandel und Migration. In Frankfurt forderte sie eine weitsichtige Politik, die jene durch eine Veränderung des Klimas ausgelöste Wanderung von Menschen vom globalen Süden in den Norden nicht als Krise behandelt, sondern als Chance versteht.

Es gäbe nur eine global vernetzte menschliche Spezies, betonte Vince und präzisierte: „Unsere Sicherheit hängt nicht davon ab, dass wir Zäune aufrichten“. Einwanderung könne die Welt zu einem sichereren Ort machen, beschrieb die Wissenschaftsautorin ihre optimistische Sicht auf das Thema Migration und hob dabei die Rolle des Mediums Buch hervor: „Die Kraft des Buches liegt darin, unser Inseldasein verlassen zu können“. Wenn das kein Motto für eine Buchmesse ist.

Ähnliche Artikel