Pflege von Heimtieren  Neues Gesetz legt Hundefriseuren Fesseln an

Gabriele Boschbach
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Von Gabriele Boschbach
| 18.10.2023 19:10 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
An diesem Hundekopfmodell übt Gottfried Rotter bestimmte Schneidetechniken. Fotos: Ortgies
An diesem Hundekopfmodell übt Gottfried Rotter bestimmte Schneidetechniken. Fotos: Ortgies
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Betreiber von Hundesalons fühlen sich durch eine neue Verordnung drangsaliert. Sie dürfen keine Vibrissen mehr schneiden. Das ist besonders bei einigen Rassen ein Problem.

Moordorf - Zorro zittert. Der schmale Leib des Pudels ist sichtbar in Aufruhr. Doch an der Fellpflege geht an diesem Dienstagmorgen für den Vierbeiner kein Weg vorbei. Petra Rotter nimmt den Kopf des Tieres zwischen ihren beiden Hände und schiebt mit einem Finger einen kleinen Bereich an der Schnauze frei. „Sehen Sie“, sagt die Hundefriseurin aus Moordorf und deutet auf eine rötliche Stelle. „Dort ist eine Entzündung. Deshalb hat der Tierarzt mich gebeten, das Fell wegzuschneiden. So kann die Wunde besser heilen.“ Doch dieser Schnitt kann heikel sein. Was ist, wenn Petra Rotter ein Sinushaar, auch Vibrisse genannt, entfernt? Darunter versteht man Tasthaare, die Tieren zur Orientierung dienen. Ohne sie würde ein Fuchsbau für einen Dackel zum Labyrinth. Laut einer Neufassung der Tierschutzverordnung aus dem September 2022 sind Hundefriseure gehalten, diese Vibrissen nicht mehr zu entfernen. Wenn sie gegen diese Vorgabe verstoßen und das Veterinäramt wird darauf aufmerksam, kann das Abmahnungen zur Folge haben. „Im äußersten Fall wird das als Ordnungswidrigkeit gewertet, die mit einer Zahlung von bis zu 25.000 Euro geahndet werden kann“, sagt Gottfried Rotter. Der Hundefriseur betreibt mit seiner Frau zwei Hundesalons in Moordorf.

Bei der Fellpflege von Zooro, einem kleinen Pudel, muss Petra Rotter sehr behutsam vorgehen.
Bei der Fellpflege von Zooro, einem kleinen Pudel, muss Petra Rotter sehr behutsam vorgehen.

Warum sind die Sinushaare so streng geschützt? Die Vibrissen sind mehr als nur Haare, es sind hochspezialisierte Tastorgane. Mit ihnen findet ein Hund unter anderem heraus, aus welcher Richtung ein Geruch kommt. Der Lehrstuhl für Tierschutz, Verhaltenskunde, Tierhygiene und Tierhaltung an der Ludwig-Maximilian-Universität München hat in einem Gutachten vom Dezember 2021 herausgefunden, dass der Hund durch die Vibrissen besonders bei Dunkelheit, aber auch sonst im direkten Mund-Nasenbereich jede noch so kleine Berührung verstärkt wahrnimmt „Hunde können Gegenstände unter ihrer Schnauze nicht sehen, sie haben keine Hände, mit denen sie Gegenstände aufheben oder manipulieren können, und ihre Augen sind nicht wie die des Menschen auf nahes Fokussieren spezialisiert. Daher ist davon auszugehen, dass der Tastsinn im Schnauzenbereich eine besondere Bedeutung hat“, heißt es in dem Gutachten.

An Missi, dem Mischlingshund von Petra Rotter, kann man gut die weit abstehenden Vibrissen erkennen.
An Missi, dem Mischlingshund von Petra Rotter, kann man gut die weit abstehenden Vibrissen erkennen.

Immer im Auge der Öffentlichkeit

Dort wird allerdings auch differenziert. Nicht bei allen Rassen haben die Vibrissen diese herausragende Bedeutung. Beim Pudel etwa seien die Sinushaare durch das dichte und lockige Fell maskiert. Es sei unwahrscheinlich, dass sie bei dieser Rasse noch eine biologische Funktion erfüllten, so die Einschätzung der Wissenschaftler. Von einer differenzierten Betrachtung halten die Rotters sehr viel. Sie sagen, sie hätten nämlich große Not damit, den Pudel an der Schnauze zu trimmen oder zu kämmen, ohne dass Vibrissen beschädigt oder entfernt werden. „Das passiert schon alleine, wenn ich das Tier kämme“, sagt Petra Rotter und führt den Effekt an Zorro vor. Die Hundefriseurin argumentiert damit, dass sie mit ihrem Salon immer in der Öffentlichkeit stehe. Theoretisch könne sekündlich jemand hereinkommen, sie beobachten und anzeigen. Ihr Mann und sie wünschen sich, dass die Verordnung praxistauglich verändert wird. Sie würden niemals mutwillig Vibrissen entfernen, hätten aber auch keine Lust daran, immer an den Pranger gestellt werden zu können.

Vor dem Schnitt steht, wie bei den Zweibeinern, die Wäsche.
Vor dem Schnitt steht, wie bei den Zweibeinern, die Wäsche.

Die Moordorfer stehen mit ihrer Forderung nicht alleine. Die Medien sind voll mit Berichten über die Probleme, die durch die gesetzlichen Vorgaben entstehen. Auch andere Hundefriseure im Landkreis Aurich sind damit nicht einverstanden. Simone Schlinkert vom Auricher Salon Friesian′s ärgert sich ebenfalls über die Probleme, die sie mit der Verordnung hat. Die Fellpflege im Kopfbereich sei vielfach gar nicht mehr möglich. Die Vibrissen sitzen nämlich nicht nur an der Schnauze, sondern auch an den Augen und seitlich am Schädel. Das Fell des Hundes wächst unaufhörlich. Manche Rassen müssen alle vier bis sechs Wochen geschoren werden. „Wenn das am Kopf nicht passiert, verfilzt das Fell total“, sagt Gottfried Rotter. Es sei nicht möglich, um die Vibrissen herumzuschneiden. Die wachsen im Übrigen, genau wie das komplette Fell, nach. Dieser Prozess dauert im Schnitt 10 bis 14 Tage. Generell sei regelmäßige Fellpflege und Einkürzen des Fells für viele Rassen, aber auch für Mischlinge unabdingbar. Vor allem der Kopf bedürfe besonderer Aufmerksamkeit und Pflege, um Entzündungen im Augen-, Ohren- und Maulbereich zu verhindern.

Was sagt der Zentralverband Zoologische Fachbetriebe (ZZF), in dem die Hundefriseure organisiert sind, zum Thema? „Die Entscheidung darüber, ob im Zuge der Hundepflege das Kürzen von Vibrissen zulässig ist oder gegen das Tierschutzgesetz verstößt, liegt im Ermessen der zuständigen Veterinärämter. Der ZZF rät aus Gründen des Tierschutzes dazu, Vibrissen bei Hunden im Regelfall nicht zu kürzen. Sollte dies bei der Schur im Einzelfall im Sinne des Tierwohls nicht vermeiden lassen, so ist in jedem Fall sehr sensibel mit den Vibrissen umzugehen – keinesfalls dürfen diese ausgerissen werden“, sagt ZZF-Sprecherin Antje Schreiber. Ob im tiermedizinischen Sinne die Kürzung des haarigen Anteils der Vibrissen eine echte Amputation darstelle, sei derzeit wissenschaftlich umstritten.

Wie steht das Kreis-Veterinäramt in Aurich zu dem Thema? Es sei dort intern diskutiert worden, eine eindeutige Positionierung gebe es allerdings noch nicht, sagte Kreis-Sprecher Rainer Müller-Gummels auf Anfrage. Zu bedenken sei, dass das Fell wollhaariger Hunderassen wie Pudel, Tibet-Terrier oder Malteser gerade an der Schnauze schnell verfilze, wenn es nicht geschoren werde. Daraus resultierten dann häufig Ekzeme verbunden mit einer „entsprechenden gesundheitlichen Belastung der Tiere“. Daher stelle sich der Sachverhalt auch für das Veterinäramt durchaus differenziert dar. Ordnungsstrafen seien in diesem Zusammenhang noch nicht verhängt worden, sagte der Kreis-Sprecher.

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