Däne drehte in Strackholt  Geschichte von Strackholter Sau wird als Film um die Welt gehen

Ole Cordsen
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Von Ole Cordsen
| 17.10.2023 16:02 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Rosalie hat gefühlt immer Hunger und freut sich, wenn Maren Osterbuhr mit Kleinigkeiten zum Mampfen vorbeikommt. Fotos: Archiv/Cordsen
Rosalie hat gefühlt immer Hunger und freut sich, wenn Maren Osterbuhr mit Kleinigkeiten zum Mampfen vorbeikommt. Fotos: Archiv/Cordsen
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Extra aus Kopenhagen ist der dänische Filmemacher Miki Mistrati nach Strackholt gekommen – um Sau Rosalie zu filmen: Sie wird Hauptfigur eines internationalen Dokufilms über Schweine.

Strackholt/Kopenhagen - Die Geschichte einer Sau aus Strackholt könnte demnächst sogar die Welt bewegen. Zumindest die Teile, die einen neuen Dokumentarfilm des dänischen Regisseurs Miki Mistrati gesehen haben werden, der im kommenden Frühjahr veröffentlicht werden soll. Der 55-Jährige hatte unter anderem vor etwa zehn Jahren mit seiner Doku „Schmutzige Schokolade“ über Kinderarbeit auf Kakaoplantagen für viel Aufsehen gesorgt. Der Streifen wurde in 23 Ländern weltweit ausgestrahlt und in Deutschland unter anderem für den Grimme-Preis nominiert.

Aktuell nun arbeitet Mistrati wiederum an einem großen Filmprojekt – an einem, das auf neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen aufbaut und die Sicht der Menschen auf Schweine grundlegend verändern könnte, wie er sagt. Und bei Recherchen für dieses Projekt war der Kopenhagener im Netz auf die Geschichte der Sau Rosalie gestoßen. Deren anrührende, fast märchenhafte Geschichte hatte nach einem Bericht in der Ostfriesen-Zeitung dazu geführt, dass auch der Norddeutsche Rundfunk einen Filmbeitrag über das Schwein drehte und auch die Deutsche Presse-Agentur auf den Hof von Maren Osterbuhr in Strackholt kam.

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Vom Viehwagen ausgebüxt

Zur Erinnerung: Als Rosalie dem Tod von der Schippe sprang, war sie kaum vier Wochen alt und sollte eigentlich nie einen Namen bekommen. DE AUR sowie eine siebenstellige Ziffer standen auf einer Marke, die in ihr Ohr geklipst war – wie in die Ohren von rund 200 weiteren Absetzferkeln, mit denen gemeinsam sie abends mit einem Viehwagen von einem Schweinehof in Strackholt in einen anderen Stall gebracht werden sollte. Zur weiteren Mast. Rosalie aber büxte aus, sprang vom Transporter und verschwand unbemerkt in die bittere Kälte der Winternacht. Draußen fror es, eisige Böen bissen, minus 10 Grad zeigte das Thermometer, und das Ferkel tapste sich vorwärts. Irgendwie schaffte das Kleine es bis zu einem einige Kilometer entfernten Stall zwischen Strackholt und Bagband, wo Landwirtin Maren Osterbuhr im Winter ihre Kühe hält, den zitternden Zwerg dort völlig unterkühlt fand – und aufnahm.

Das kleine Schwein hatte Schwein: Es durfte zunächst in der Küche der Familie auf dem Hof einziehen, in einen Pappkarton mit Wärmflasche an der Heizung, von wo aus das Ferkel zum Ärger der Haushaltshilfe Stühle umwarf und die Zeitung vom Küchentisch klaute und in seinem Karton zermampfte. Maren Osterbuhrs Freund Jan-Peter baute dem Ferkel eine Box mit Wärmelampe im Stall, kleidete sie mit Stroh aus. Maren Osterbuhr und das Ferkel spielten Fangen auf der Diele des Stalls. Rosalie tobte durch die Boxen der Jungrinder nebenan und freundete sich mit ihnen an. Hofhund Ellie war hingegen völlig überfordert, weil Schweine tun, was sie wollen, und sich von ein bisschen Bellen nicht beeindrucken lassen.

Regisseur reiste extra aus Kopenhagen an

Heute hat Rosalie, wie Maren Osterbuhrs Schwester das Ferkel taufte, einen selbst gebauten Auslauf, vielleicht 300 Quadratmeter groß, den sie nach Herzenslust durchwühlen und in eine matschige Seenplatte verwandeln kann. „Rosalie darf hier alt werden“, sagt Maren Osterbuhr, dank der Rosalie auch zu einem kleinen Star auf der Internet-Plattform Instagram geworden ist. Rund 23.500 Menschen folgen dem Konto @maren.opunkt, und Rosalie – inzwischen mehr als 400 Kilo schwere, grunzende Wuchtbrumme – gehört im bunten Reigen tierischer Begegnungen im Kosmos der jungen Landwirtin zu den ganz besonders beliebten Figuren.

Die anderen Tiere und Maren Osterbuhrs Familie sind zu einer Art Herdenersatz für Rosalie geworden, für die die Strackholter im Frühjahr vergangenen Jahres sogar einen eigenen Auslauf bauten mit viel Platz zum Wühlen und einer mit Stroh gefüllten Hütte; Rosalies Reich. Dieses Reich wollte sich nun auch Miki Mistrati näher ansehen – und schrieb Maren Osterbuhr eine Mail. „Als ich die bekommen habe und las, dass jemand einen Dokumentarfilm drehen und Rosalies Geschichte zum roten Faden dieses Streifens machen möchte, dachte ich erst: Der verarscht mich“, sagt die Strackholterin und lacht.

Altbackenes Brot ist einer von Rosalies Lieblingssnacks.
Altbackenes Brot ist einer von Rosalies Lieblingssnacks.

„Man kriegt ja viele dubiose E-Mails. Da war ich schon skeptisch.“ Dann aber habe sie gegoogelt, Infos zu den Dokumentarstreifen des Dänen gefunden, „und relativ schnell wurde mir klar, dass das ernst gemeint zu sein scheint“. Sie antwortete, der Däne erzählte von seinem Vorhaben, „und nach einer Videokonferenz übers Internet, wo wir uns unterhalten haben, war mir klar: Er ist es, er meint es ernst, und ich fand die Idee so charmant, dass ich zugesagt habe“, sagt die Landwirtin. Vor Kurzem dann kam der Journalist und Regisseur dann höchstpersönlich gemeinsam mit einem Kameramann aus Kopenhagen für zwei Drehtage nach Strackholt – „mit einem ganzen Auto, bis obenhin vollgepackt mit Equipment“, sagt Osterbuhr. „Das war schon aufregend und besonders, spannend als Erfahrung.“ Sie selbst hat dafür Rosalies besondere Geschichte nochmal vor der Kamera erzählt. „Für das Interview habe ich mich auf die Diele im Stall gesetzt, und allein der Aufbau der ganzen Kameras und der gefühlt Millionen Lichter hat etwa eine Stunde gedauert. Genauso lang war auch das Interview – hat sich aber angefühlt wie fünf Minuten“, erzählt die Strackholterin.

Etwa eine Stunde lang erzählte Maren Osterbuhr im Interview nochmal die Geschichte von Rosalie vor der Kamera und beantwortete Fragen. Foto: privat
Etwa eine Stunde lang erzählte Maren Osterbuhr im Interview nochmal die Geschichte von Rosalie vor der Kamera und beantwortete Fragen. Foto: privat

Rampen-Sau genoss die Dreharbeiten

„Dann sind wir auch gemeinsam nochmal den Weg abgelaufen, den Rosalie damals mutmaßlich durch die klirrend kalte Nacht getapst ist, nachdem sie vom Transporter gesprungen ist. Und natürlich gab es auch eine ganze Reihe von Aufnahmen mit ihr selbst, was ihr sehr gefallen hat.“ Das 400-Kilo-Schwein ist schon eine Rampensau. „Sie genießt die Aufmerksamkeit, mag es, wenn man mit ihr spricht und Quatsch macht, wenn man sie einbezieht. Sie wird dann ganz neugierig und will immer alles inspizieren, hat auch an Miki Mistrati und am Kameramann rumgeschnüffelt. Männer findet sie sowieso gut“, sagt Maren Osterbuhr und lacht.

Etwas Sorge sei anfangs bei ihr auch mitgeschwungen, räumt die Strackholterin ein. „Ich hatte immer im Hinterkopf, das ist ne große Nummer, die da gemacht wird. Der Film wird ja wiederum international ausgestrahlt: in Deutschland voraussichtlich über die ARD und die Dritten, dann in den weiteren deutschsprachigen Ländern, aber auch in Dänemark, Schweden, Norwegen und voraussichtlich zudem in Asien.“ Nun hat sich die 35-Jährige auch einen Namen damit gemacht, dass sie als Landwirtin in ihrem Instagram-Konto ihre Sicht auf den Umgang mit Tieren erklärt. „Klar stehe ich, weil ich Tiere liebe, auch vielen Haltungsformen kritisch gegenüber. Aber da war ich schon ein wenig in Sorge: Denn ich möchte in keiner Weise die sein, die als Landwirtin andere Landwirte anprangert. Ich weiß durchaus: Das ist das System“, sagt sie und ergänzt: „Das ist nicht, was ich möchte. Aber diese Sorge hat mir Miki Mistrati genommen. Es war überhaupt ein sehr positiver Dreh, und er hat auch gesagt, er möchte hier selbst positive Beispiele zeigen. Er sei von Rosalies Geschichte so fasziniert, als wäre man in einem Märchen gefangen, weshalb er sie als eben dieses positive Beispiel in den Mittelpunkt stellen will. Daher bin ich sehr gespannt, was daraus am Ende wird.“

Regisseur Miki Mistrati (links) beobachtete den Aufbau des Licht fürs Interview mit Maren Osterbuhr. Foto: privat
Regisseur Miki Mistrati (links) beobachtete den Aufbau des Licht fürs Interview mit Maren Osterbuhr. Foto: privat

Und in dem noch geheimnisumwobenen Streifen, den der Däne zusammenschneiden wird, wird womöglich sogar in Stockholm, Oslo, vielleicht auch in Seoul oder Hanoi eben diese märchenhafte Geschichte eines ausgebüxten und aufgenommenen Schweins in Strackholt über Bildschirme flimmern.

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