Hamburg  Die Instrumentalisierung des Schnitzels als Kampfbegriff muss aufhören

Julia Falkenbach
|
Von Julia Falkenbach
| 17.10.2023 11:16 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Rind, Schwein, Pute - oder doch Erbsenprotein? Was steckt unter dieser Panade? Foto: Imago images/Manfred Segerer
Rind, Schwein, Pute - oder doch Erbsenprotein? Was steckt unter dieser Panade? Foto: Imago images/Manfred Segerer
Artikel teilen:

Mit der Angst um Schnitzel und Bratwurst gehen rechte politische Kräfte auf populistischen Stimmenfang. Dabei hat niemand die Absicht, dem Schnitzel zu schaden – ganz im Gegenteil.

Umhüllt von einer knusprigen Panade, begleitet von einem Berg Pommes, wahlweise begraben unter brauner Soße oder einer Zitronenscheibe und dazu ein kleiner Alibi-Salat fürs Gewissen: Der Kultstatus des Schniposas (kurz für Schnitzel-Pommes-Salat) kommt nicht von ungefähr. Als König der Kinder-Speisekarte lernen wir noch vor dem Lesen oder Schreiben das Schnitzel zu schätzen. Es schmeckt nicht nur nach Fett, Salz, Zucker (im Ketchup), sondern nach kindlicher Unbeschwertheit. Denn erst kommt die Liebe zum Schnitzel, dann das Wissen über Kalorien, Ernährungsempfehlungen und Blutfette.

Diese emotionale Überfrachtung für populistische Zwecke auszunutzen, liegt auf der Hand. Man denke an Alice Weidel beim Wahlkampf-Auftritt in Bayern, die sich das Schnitzel nicht wegnehmen lassen wolle. Oder an Jens Spahn, der vergangene Woche fürchtete, dass mit der Rückkehr zum normalen Mehrwertsteuersatz in der Gastro das Schnitzel bald 35 bis 40 Euro kosten würde, was sich viele nicht mehr leisten könnten. Oder an die CDU Mecklenburg-Vorpommern, die Anfang des Jahres eine Fleischgarantie für öffentlichen Kitas, Schulen und Kantinen forderte. Oder an Hubert Aiwanger, der der „Deutsche Gesellschaft für Ernährung“ vorwarf, uns alle in die Mangelernährung treiben zu wollen, als sie den empfohlenen Tagesbedarf für Wurst und Fleisch nach unten korrigierte.

Nun geht es all jenen nicht darum, eine undogmatische und wissenschaftsbasierte Ernährungsaufklärung zu fördern. Es geht ihnen nicht darum, frei von ideologischen Scheuklappen die Vor- und Nachteile von Fleisch- und Fleischersatzprodukte zu diskutieren und zu erklären, warum das tägliche Schnitzel (ob aus Fleisch, Tofu oder Erbsenproteinen) aus gesundheitlichen Gründen keine so gute Idee ist. Das Schnitzel wird von konservativen bis rechtsextremen Kräften zur Gallionsfigur im Kampf gegen die woken, links-grün versifften Großstadteliten stilisiert, die angeblich alle zu Veganern umerziehen wollen. Es tut mir leid, aber diese politische Vereinnahmung hat das Schnitzel nicht nur nicht verdient – sie stimmt auch einfach nicht.

Nicht nur hat niemand vor, das Schnitzel zu verbieten oder jedes bisschen Fleisch durch Tofu zu ersetzen. Ganz im Gegenteil: Es ist nach wie vor deutlich leichter, sich mit Fleisch zu ernähren als mit den Ersatzprodukten. Dank der ungebrochen hohen Nachfrage für tierische Produkte sind jene günstiger als die Veggie-Pendants; obgleich intuitiv klar seien dürfte, dass es nicht billiger seien kann, ein Schwein großzuziehen und zu schlachten, als ein paar Bohnen anzubauen und in Form zu drücken.

Immerhin der Discounter Lidl hat vergangene Woche angekündigt, die Preise für Veggie-Schnitzel und veganen Würstchen auf den Preis des tierischen Pendants abzusenken. Echte Wahlfreiheit auch für Menschen mit kleinem Geldbeutel. Trotzdem: Der Standard ist das Original-Fleischprodukt, wer Veggie will, muss Veggie-Lasagne, Veggie-Burger oder eben Veggie-Schnitzel sagen.

Doch zeigen all diese Ersatzprodukte nicht gerade, dass die Konservativen sich keine Sorgen machen müssen um die Lieblingsgerichte unserer Kindheit und traditionelle Rezepte? Denn so wie der Anteil der Vegetarier und Flexitarier seit Jahren steigt, steigt auch der Umsatz der Ersatzprodukteindustrie. Wer kein oder weniger Fleisch essen möchte, wendet sich mit dieser Entscheidung nicht von traditionellen Gerichten ab, sondern entscheidet sich trotz der höheren Kosten für die pflanzlichen Alternativen für Wurst, Hack oder Schnitzel. Diese Ausweitung des vegetarischen Angebots tut der Popularität des klassischen Schnitzels keinen Abbruch (soll es ja auch nicht), sondern zelebriert die deutsche Tradition von Paniertem mit Frittiertem (Pommes). Von einer integrativen Kraft des Schnitzels zu sprechen, das sich an so gut wie alle Ernährungspräferenzen anpassen lässt, wäre vielleicht etwas zu viel – aber zutreffender, als es für den vermeintlichen Kampf gegen links zu missbrauchen.

Ähnliche Artikel