Braunschweig Warum der Sänger von Fury in the Slaughterhouse immer noch Lampenfieber hat
Musik ist ein schwieriges Geschäft. Kai Wingenfelder, Sänger von Fury in the Slaughterhouse, erzählt im Interview, bei welchem dubiosen Unternehmer er während einer Bandpause mal anheuerte und wie er heute finanziell dasteht.
Kai Wingenfelder, Sänger der Band Fury in the Slaughterhouse, hat vor Live-Auftritten noch immer Lampenfieber. „Wenn ich nicht aufgeregt bin, dann wird es auch kein gutes Konzert“, erklärt der Musiker im Interview unserer Redaktion. Auf die Frage, wie er sich für die Bühnen-Shows fit halte, antwortet der 63-Jährige scherzhaft: „Ich gucke mir morgens eine Orange an – das war’s.“
Allerdings merke er schon, dass er keine 23 mehr sei. „Blöde ist nur, dass ich außer beim Blick in den Spiegel oder beim Versuch, mit dem Junior Fußball zu spielen, häufig denke, dass ich noch gar nicht so alt bin. Die Birne ist ja immer noch die Gleiche.“
Lesen Sie hier das komplette Interview:
Frage: Herr Wingenfelder, wir sprechen wenige Stunden vor einem Konzert miteinander. Sind Sie ein wenig aufgeregt oder kennt ein Profi wie Sie kein Lampenfieber mehr?
Antwort: Doch, doch – Lampenfieber kenne ich schon. Ich bin vor Konzerten immer ein bisschen aufgeregt. Jetzt nicht mehr ganz so schlimm wie früher, aber wenn ich nicht aufgeregt bin, dann wird es auch kein gutes Konzert.
Frage: Klassiker wie „Won’t forget these Days“ und „Time to wonder“ oder Stücke von Ihrem neuen Album „Hope“: Worauf freuen Sie sich mehr?
Antwort: Das kann ich gar nicht genau sagen. Auf die Klassiker freuen sich wahnsinnig viele Leute im Publikum, weil das so Stücke sind, die für ihr Leben wichtig waren und mit denen sie schöne Erlebnisse verbinden. Die neuen Stücke sind für uns sehr spannend, weil wir sie noch nicht so oft gespielt haben und weil es interessant zu beobachten ist, wie die Leute darauf reagieren. Ich freue mich auf beides, aber auf einen Moment stets ganz besonders: Bei „Time to wonder“ gibt es am Ende so einen Part, wo das Publikum singt. Ich nehme mir dann immer meine Ohrhörer raus, weil ich das so gerne höre und so schön finde. Das ist schon immer ein sehr bewegender Moment.
Frage: Wie verbringt „Fury in the Slaughterhose“ die letzten Stunden vor dem Auftritt?
Antwort: Wir sind meist sehr rechtzeitig vor Ort, machen einen Soundcheck und stimmen uns gemeinsam ein.
Frage: Und anschließend? Party oder pennen?
Antwort: Meist bleiben wir noch ein bisschen im Backstagebereich, kommen ein wenig runter, nehmen einen Gin-Tonic oder einen Wein oder auch ein Wasser – je nachdem, wie man gerade so drauf beziehungsweise gesundheitlich am Start ist. Danach geht’s ins Hotel und da mit den Jungs noch kurz an die Bar oder man geht einfach schlafen.
Frage: Sie haben das Thema Gesundheit angerissen und sind selbst jetzt 63 – spüren Sie Ihr Alter bei den Konzerten?
Antwort: Ich bin doch erst 23 (lacht). Nein, im Ernst: Ich merke schon, dass ich eben keine 23 mehr bin. Blöde ist nur, dass ich außer beim Blick in den Spiegel oder beim Versuch, mit dem Junior Fußball zu spielen, häufig denke, dass ich noch gar nicht so alt bin. Die Birne ist ja immer noch die Gleiche. Ich gebe mir Mühe, das auf der Bühne so gut zu machen, wie es geht. Ich bin jetzt allerdings auch nicht der Typ Berufsjugendlicher à la Mick Jagger und werde sicher nicht versuchen, mit 80 über die Bühne zu hüpfen und den Luftikus zu markieren.
Frage: Wie halten Sie sich fit?
Antwort: Ich gucke mir morgens eine Orange an – das war’s.
Frage: Und ernsthaft?
Antwort: Na ja: Ich gehe ein bisschen spazieren, jogge aber jetzt nicht durch die Gegend. Ich habe zwei Hunde, die wollen auch mal raus und so drehe ich dann mit ihnen meine Runden. Unsere Konzerte dauern meist so zwei Stunden und das kann ich locker machen.
Frage: „Hope” ist auf Platz 1 der Album-Charts eingestiegen. Das gab es bei Fury noch nie. Wie erklären Sie sich diesen späten, aber großartigen Erfolg?
Antwort: Wir waren selbst ganz erstaunt und freudig überrascht. Ich glaube, in Zeiten wie diesen sehnen die Menschen sich einfach nach guter, handgemachter Musik. Es gibt so eine Art Retro-Bewegung hin zu Bands, die Gitarre spielen, Songs schreiben und Alben machen, was ich sehr schön finde. Vielleicht sind auch viele Fans dabei, für die wir so ein bisschen der Soundtrack fürs Leben geworden sind, weil wir ein paar Songs geschrieben haben, mit denen sie schöne Momente verbinden. Da haben sich wohl einige gedacht: Ich gucke mal, was die alten Nasen noch drauf haben.
Frage: Wann wussten Sie, dass Sie hauptberuflich Musiker werden?
Antwort: Ohhh, 1984 sah das mit der ersten kleinen Band in Hannover schon ganz gut aus. 1986 kam dann noch mein Bruder Thorsten dazu und dann haben wir zwei, drei Jahre Vollgas gegeben. Wir waren einigermaßen erfolgreich, unsere Songs liefen im Radio und wir dachten: Hey, da geht was.
Frage: Und wie fanden Ihre Eltern das so ohne Ausbildung beziehungsweise Studium?
Antwort: Unser Vater hat schon nicht mehr gelebt und unserer Mutter hat uns machen lassen. Was hätte sie auch machen sollen? Sie wusste halt: Die Jungs machen doch sowieso, was sie wollen. Jedenfalls saß unsere Mutter dann bei einem unserer Auftritte mal im Capitol in Hannover und hat gesehen, was wir so machen und wie die Leute das finden und da war sie doch ziemlich stolz auf ihre beiden Söhne.
Frage: Würden Sie jungen Menschen, die Musiker werden wollen, gut zureden oder ihnen eher davon abraten?
Antwort: Klare Antwort: Werdet Klempner. Wenn Du einem die Heizung reparierst, verdienst Du wahrscheinlich mehr Geld als die meisten Musiker in einem Jahr. Die Musikmacherei ist wirklich ein schwieriges Ding geworden. Klar ist: Du musst leiden können und dafür brennen. Tust Du das nicht, wirst Du auch niemals ein Feuer entzünden.
Frage: Kann man denn reich werden als Musiker? Oder anders: Was fahren Sie privat für ein Auto und wie lebt ein Star wie Sie? Auf großem Fuß?
Antwort: Nee, ich lebe ganz normal. Von dem Geld, das ich mit Fury verdient habe, habe ich mir ein schönes, großes Haus in Schleswig-Holstein gekauft. Das ist auch bezahlt. Ich habe jetzt nicht wahnwitzige Mäuse auf’m Konto liegen, aber das Haus habe ich und das ist meine Absicherung. Ansonsten fahre ich einen kleinen Volvo und lebe eher bodenständig. Es geht mir gut, aber ich drehe nicht durch. Ich habe meine Kohle nicht verballert, sondern gut angelegt in dem Haus und auch immer schön in die Künstlersozialkasse eingezahlt. Insofern bin ich eher der spießige Typ ohne wilde Drogeneskapaden oder sowas.
Frage: Seit 2011 bilden Sie mit Ihrem Bruder auch das Pop-Duo Wingenfelder. Reichte Fury Ihnen beiden nicht mehr?
Antwort: 2008 hatten wir mit Fury eine Pause gemacht und ich habe sozusagen „richtig” gearbeitet. Um nicht in ein Loch zu fallen, habe ich bei Beluga-Shipping in Bremen die gesamte Medienabteilung aufgebaut.
Frage: Bei dem wegen Untreue und Bilanzfälschungen verurteilten Ex-Vorzeige-Reeder Niels Stolberg also?
Antwort: Genau bei dem. Ich habe ihn in einer Talkshow kennengelernt und wusste nicht genau, wer er ist, fand den Mann aber interessant, so wie viele andere ihn auch interessant fanden. Ich bin dann später ausgestiegen als ich festgestellt habe, dass man bei ihm sehr aufpassen muss. Vier Monate später ist er dann aufgeflogen.
Frage: Aber zurück zu Wingenfelder.
Antwort: Richtig. Meinem Bruder, er war als Fotograf unterwegs, und mir fehlte die Musik. Wir sind dann zusammen nach Dänemark gefahren und haben dort unseren ersten Song geschrieben. Wir haben uns für einen deutschen Text entschieden, weil wir uns so weit wie möglich von Fury entfernen wollten. Das entwickelte sich dann relativ erfolgreich und war für uns wie eine Zweitkarriere. Dann kam das Revival von Fury und wir haben Wingenfelder erstmal auf Eis gelegt, weil sich das gegenseitig behindert hätte. 2024 wird aber ein Fury-freies Jahr und Thorsten und ich planen dann, ein neues Wingenfelder-Album rauszubringen.
Frage: Nochmal zur Fury-Pause: Die Band hat etliche Streitereien und eben eine Trennung hinter sich. Wie ist die Stimmung aktuell?
Antwort: Die ist wirklich sehr gut und da sind wir sehr froh drüber. In den vergangenen fünf Jahren haben wir uns nur einmal in der Wolle gehabt. Das dauerte ungefähr fünf Minuten, dann haben wir uns gegenseitig entschuldigt und die Sache war erledigt. Im Gegensatz zu der Zeit vor der Trennung haben wir seit 2016 auch einen hervorragenden Manager. Das ist Holger Hübner, Mitbegründer und Chef des legendären „Wacken Open Air“. Er und die gesamte Wacken-Family kümmern sich um uns und seitdem geht es uns richtig gut.
Frage: Es folgt ein Zitat von Ihnen: „Mit zunehmendem Alter lernt man, dass es Dinge gibt, über die man sich nicht aufregen oder streiten muss, weil sie es nicht wert sind.“ Welche Dinge meinen Sie damit und worüber gab es früher öfter Streit in der Band?
Antwort: Ach, oft haben wir uns wirklich wegen Kleinkram gestritten. Das kennt doch jeder auch aus dem Privaten. Irgendein Blödsinn, über den man sich nur in die Wolle bekommt, weil man gerade keine anderen Sorgen oder einfach einen schlechten Tag hat. Es ist ja nicht alles schlecht am Älterwerden, denn mit den Jahren bekommt man die unglaubliche Lässigkeit des Alters.
Frage: Ihre Stimme ist unverwechselbar: Haben Sie jemals Gesangsunterricht genommen?
Antwort: In Hannover mal ganz kurz und in Amerika hat mir Cyndi Lauper einen Gesangscoach empfohlen, bei dem ich auch zwei, drei Mal war, aber dann mussten wir weiter. Ansonsten hatte ich nie Gesangsunterricht.
Frage: Sie bekamen die Stimme also sozusagen in die Wiege gelegt.
Antwort: Das ist wohl so. Am Anfang konnte ich nur beschissen singen, jetzt bin ich live auf der Höhe. Dafür habe ich oben vielleicht ein paar Töne verloren, aber ansonsten habe ich bei den Tönen eine wesentlich bessere Trefferquote als früher.
Frage: Neben Fury gibt es noch eine berühmte und erfolgreiche Band aus Hannover: Die Scorpions. Gibt es eine Band-Freundschaft oder eher eine gegenseitige Abneigung?
Antwort: Wir kennen und schätzen uns. Ob man die Scorpions nun mag oder nicht: Diese Band ist einer der größten Rock’n-Roll-Exporte, die dieses Land je gehabt hat. Und die Kollegen füllen noch immer Stadien auf der ganzen Welt.
Frage: Lassen Sie uns noch ganz kurz einen Blick in die Politik werfen: Wie erklären Sie sich, dass die AfD in Umfragen und bei Wahlen momentan so stark ist?
Antwort: Mangelnde Bildung und soziale Medien. Man muss sich doch nur mal fragen, wie lange die Probleme schon bestehen und ob es realistisch ist, dass die jetzige Regierung innerhalb von zwei Jahren alles löst, was vorher vergurkt wurde. Rechte Demagogen nutzen die sozialen Medien professionell dazu, die Menschen systematisch anzustacheln und einzufangen – unterstützt von der Zeitung mit den vier großen Buchstaben, die eine schweinemäßige Propaganda macht, ohne zu wissen, in welche Scheiße sie uns damit reitet. Hinzu kommt, dass wir keine Steuersenkungen für Unternehmen brauchen, sondern viel mehr Geld in die Bildung stecken müssen, damit die Menschen die Probleme, die wir haben, erkennen, und in der Lage sind, sich reflektierend Lösungen zu komplexen Fragestellungen zu überlegen, statt auf Stammtischparolen hereinzufallen.
Frage: Was können Musiker wie Sie gegen einen drohenden Rechtsruck in Deutschland tun?
Antwort: Flagge zeigen. Das haben wir schon immer gemacht, machen wir auch weiterhin und nehmen dafür auch gern in Kauf, ein paar Platten weniger zu verkaufen. Jeder weiß, wo wir politisch stehen.
Frage: Nämlich?
Antwort: Jedenfalls ganz bestimmt nicht auf der Seite der AfD. Die gesamte Band steht auf der „No Nazis“-Seite und ich selbst war früher in der SPD. Ich war Juso-Vorsitzender in Großburgwedel, mittlerweile bin ich Mitglied der Grünen.
Frage: Wünschen Sie sich von Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) manchmal, dass er auf den Tisch haut und die Regierung stärker zusammenhält?
Antwort: Ich würde mir wünschen, dass Olaf Scholz überhaupt mal den Mund aufmacht. Der sitzt die Dinge ja noch mieser aus als Frau Merkel und die war schon ganz groß im Aussitzen. Ich würde mich freuen, wenn der Kanzler mal die Zähne auseinander bekommt und sagt, was er denkt und das dann auch so umsetzt. Klar ist jedenfalls, dass die SPD am meisten unter ihrem schweigenden Kanzler leidet. Und wir sehen genau, wer davon profitiert. Dumm gelaufen, Herr Scholz.
Frage: Scorpions-Sänger Klaus Meine sagte kürzlich auf dem Empfang beim Ministerpräsidenten: „Unsere Konzerte halten uns im Herzen jung. Der Stachel der Scorpions ist noch geschärft.“ Bleiben auch die Furys noch eine Weile im Geschäft?
Antwort: Das werden wir sehen, ich kann ja nicht in die Zukunft blicken. Was ich aber weiß, ist: Momentan haben wir richtig Spaß.