Energieerzeugung in Emden  Statkraft plant mit 200-Megawatt-Wasserstoffanlage

Stephanie Schuurman
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Von Stephanie Schuurman
| 18.10.2023 12:13 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Unspektakulär, aber effektiv: Die Pilotanlage zur Wasserstoffproduktion vor dem Kraftwerk. Dieses retuschierte Foto zeigt die Container, in denen die Elektroktrolyseanlagen produzieren sollen. Tanklastwagen nehmen den Wasserstoff auf und verteilen ihn an die Tankstellen. Visualisierung: Statkraft
Unspektakulär, aber effektiv: Die Pilotanlage zur Wasserstoffproduktion vor dem Kraftwerk. Dieses retuschierte Foto zeigt die Container, in denen die Elektroktrolyseanlagen produzieren sollen. Tanklastwagen nehmen den Wasserstoff auf und verteilen ihn an die Tankstellen. Visualisierung: Statkraft
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Auch Statkraft sieht Emden als geeignet für die Produktion des CO2-freien Treibstoffs. Die Norweger stecken zunächst 30 Millionen Euro in eine Pilot-Anlage.

Emden - Emden soll die Wasserstoffdrehscheibe für Europa werden - an diesem Ziel feilt jetzt nicht nur der Oldenburger Energieversorger EWE, sondern auch das norwegische Energie-Unternehmen Statkraft. Die Realisierung einer 10 Megawatt (MW)-Elekrolyse-Anlage zur Herstellung von Wasserstoff am Emder Kraftwerk ist dabei wohl nur der Anfang. Dafür allein werden schon 30 Millionen Euro investiert. Bis Ende des Jahrzehnts soll vom Emder Statktaft-Standort darüber hinaus Wasserstoff aus einer Produktionsanlage mit mindestens 200 Megawatt Leistung für die Industrie und den Transportsektor weit über Ostfriesland hinaus fließen.

Was und warum

Darum geht es: um ein neues Wasserstoff-Projekt in Emden

Vor allem interessant für: alle, die sich für erneuerbare Energien interessieren und/oder sich mit umweltfreundlichen Transporten beschäftigen.

Deshalb berichten wir: Die Dekarbonisierung ist ein klimarelevantes Thema. Sauberer Treibstoff wie Wasserstoff kann dazu beitragen.

Die Autorin erreichen Sie unter: s.schuurman@zgo.de

Entsprechende Pläne haben die verantwortlichen Projektbetreiber von Statkraft am Mittwoch im Emder Kraftwerk bekanntgegeben. „Das 10-MW-Pilotprojekt ist nur unser erster Schritt in die Wasserstofflandschaft“, sagte Projektleiter Franz-Leon Amerkamp.

Grüner Wasserstoff

Der Begriff grüner Wasserstoff bezeichnet mittels Elektrolyseur gewonnenen Wasserstoff, bei dem der Energiebedarf für die Elektrolyse aus erneuerbaren Energien wie Windenergie oder Sonnenenergie gedeckt wurde. Als Rohstoff dient dabei Wasser. Grüner Wasserstoff gilt als die einzige umweltfreundliche, klimaneutrale Möglichkeit der Wasserstoffgewinnung.

Perspektivisch soll damit zumindest ein Teil des heutigen Verbrauchs von fossiler Energie (Erdöl, Erdgas, Kohle usw.) ersetzt werden.

Im Gegensatz zu Strom wird mit Wasserstoff speicherbare Sekundärenergie gewonnen. Auf diese Weise kann eine zeitliche und örtliche Entkopplung zwischen Erzeugung und Verbrauch erreicht werden.

Grüner Wasserstoff ist von Natur aus ein farbloses, durchsichtiges Gas. Wasserstoff gilt als ein Treibstoff der Zukunft.

Von kleinen Schritten zum ganz großen

Bei der Pilotanlage geht aber weniger um die Technologie - damit kennen sich die Norweger offenbar schon aus - als vielmehr um das Genehmigungsprozedere zur Errichtung entsprechender Anlagen, wie Jens Thomas, erläuterte. Der langjährige Kraftwerksleiter ist der Koordinator vor Ort. Er sprach von Neuland bei Baugenemigungsverfahren, entsprechenden Prozessen und Fristen seitens der Behörden sowie von Erfahrungen, die man jetzt sammeln wolle. Die Anträge seien im März dieses Jahres gestellt worden. Zeitgleich, so betonte Amerkamp, würden jetzt die Pläne für die 200 Megawatt-Anlage erarbeitet: „Wir fangen klein an und gehen dann weiter.“

Sie wollen grünen Wasserstoff in Emden herstellen: Franz-Leon Amerkamp, Jens Thomas und Helge-Jürgen Beil, alle Statkraft. Foto: Schuurman
Sie wollen grünen Wasserstoff in Emden herstellen: Franz-Leon Amerkamp, Jens Thomas und Helge-Jürgen Beil, alle Statkraft. Foto: Schuurman

Dass grüner Wasserstoff der Energieträger der Zukunft sei, daran ließ auch der Leiter der Sparte von Statkraft, Helge-Jürgen Beil, keinen Zweifel. „Mit dem Wasserstoffpilotprojekt in Emden schaffen wir die Basis für eine zukunftsfähige Gestaltung unseres Kraftwerkstandortes und tragen zur nachhaltigen Entwicklung des ostfriesischen Verkehrssektors bei“, sagte er. Für den 200 Megawatt-Wurf zur potenziellen Wärmeversorgung durch Wasserstoff stellt er aber die Nutzung der Versorgungsnetze zur Bedingung. „Die Freigabe des Gasnetzes muss kommen. Das ist der größte Punkt für die Umstellung auf Wasserstoff.“

Wasserstoff für den regionalen Transport

Mit dem aus der Pilotanlage produziertem Wasserstoff sollen vorrangig entsprechende Tankstellen in der Region beliefert werden. Nach den Berechnungen von Statkraft kann der Elektrolyseur der 10-MW-Anlage 200 Kilogramm Wasserstoff pro Stunde erzeugen, hochgerechnet aufs Jahr entspricht das dem Bedarf von rund 100 emmisionsfreien Lastwagen. Die Mengen aus der Wasserstoffproduktion einer 200-MW-Anlage dagegen würden sicher nicht mehr per Tankwagen verladen, sondern müssten eben zwingend über ein Versorgungsnetz wie die bestehenden Gasleitungen vertrieben werden.

Dass Statkraft damit in Konkurrenz zur EWE gehen könnte, die im Borssumer Hammrich in Emden eine 320 MW-Anlage plant, wird von den Statkraft-Verantwortlichen verneint. Zum einen sei der Wasserstoffbedarf derart groß, dass das „gar kein Problem“ sei. Zum anderen sieht Amerkamp mit den EWE-Plänen noch Vorteile. „Das erhöht den Druck, das Gasnetz freizugeben und begünstigt die Infrastruktur noch.“

Der „Charme“ des Standorts Emden

Anders als die EWE als Gasversorger nutzt Statkraft bisher keine entsprechenden Netze. Statkraft bezeichnet sich aber als führend in Wasserkraft und als Europas größter Erzeuger erneuerbarer Energien. Der Konzern erzeugt Strom aus Wasser, Wind, Biomasse und Gas, produziert Fernwärme und betreibt Energiehandel.

Dass der Start der Wasserstoffproduktion von Statkraft in Emden erfolgen soll, ist dabei kein Zufall. Der Standort des Kraftwerks habe eine „tolle Infrastruktur“ mit Gasleitungsanschluss und Stromanbindung. Das mache den Charme aus, betonte Jens Thomas.

Nicht beim PV-Park im Polder beteiligt

Um grünen Wasserstoff zu produzieren, wird entsprechender Strom gebraucht. Und auch den habe Statkraft ausreichend im eigenen Portfolio, betonte Beil. Anders, als zunächst einmal im Gespräch war, werde sich Statkraft nicht an dem geplanten Solarpark im Wybelsumer Polder beteiligen. „Wir konzentrieren uns auf den eigenen Standort“, sagte Beil. „Für Vertrieb und Verbrauch von Wasserstoff sind wir aber gesprächsbereit.“ Diese Offerte zielt auf das Unternehmen H2Nord-Unternehmen, einem Zusammenschluss Emder Unternehmen, das unter anderem Wasserstoff an Tankstellen in Ostfriesland vertreiben will, aber auch mit dem besagten Solarpark eine entsprechende Infrastruktur für Wasserstoff aufbauen will.

Vor allem auf dem Verkehrssektor sieht Statkraft mittelfristig Absatzchancen für Wasserstoff. Der Schwerlastverkehr sei hinsichtlich des ökologischen Fußabdrucks noch sehr im Hintertreffen. Ziel sei es nun, jährlich etwa 4,3 Millionen Liter Diesel aus dem Markt zu drängen, so Amerkamp.

Pilot soll ab 2026 produzieren

In die Karten spiele, dass große Unternehmen wie Volkswagen inzwischen auch Druck auf die Zulieferer hinsichtlich der Dekarbonisierung mache. Wer also CO2-frei transportieren könne, mache das Rennen, meint der Wasserstoff-Experte Beil: „Das passt gut, und wir wollen liefern.“

Mit den Genehmigungen für die Aufstellung der Pilotanlage rechnen die Statkraft-Verantwortlichen Anfang 2024. Baugenehmigungen inklusive Lärmgutachten, Umweltverträglichkeitsprüfungen, Kampfmittelsondierungen etc. sind auch für die Aufstellung der Container nötig, in denen die Technik untergebracht wird. Die 10-MW-Anlage soll vor dem Kraftwerk und neben dem Umspannwerk entstehen. Auf den zwei Hektar großem Gelände ist noch ausreichend Platz für die avisierte Großanlage.

Mit dem Baubeginn der Pilotanlage wird Ende 2024 gerechnet, abhängig von der Lieferdauer der entsprechenden Technik-Komponenten. Die Produktion von Wasserstoff soll spätestens 2026 starten. Aber auch die Zeitspannen seien Erfahrungswerte, die die Pilotanlage dann liefern soll. Eine Entscheidung für das Großprojekt stellen die Statkraft-Verantwortlichen schon jetzt kaum noch infrage.

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