Berlin Wim Wenders: Ich sehe in Anselm meine eigene Kindheit gespiegelt
In der Doku „Anselm – Das Rauschen der Zeit“ porträtiert Wim Wenders den Künstler Anselm Kiefer. Ist der Film ein heimliches Selbstporträt? Wir haben mit Wenders darüber gesprochen.
Wim Wenders und Anselm Kiefer sind beide Jahrgang 1945. Und seine Doku „Anselm – Das Rauschen der Zeit“ hat Wenders mit der eigenen Verwandtschaft besetzt: Die Szenen aus Kiefers Kindheit spielt Anton Wenders, der Großneffe des Regisseurs. Bei so viel Nähe zwischen dem Regisseur und dem Gegenstand seines Films stellt sich die Frage: Ist die Künstler-Doku ein heimliches Selbstporträt von Wim Wenders?
Frage: Herr Wenders, in Ihrem Anselm-Kiefer-Film wird der junge Künstler von Anton Wenders gespielt und der Künstler in mittleren Jahren von Daniel Kiefer. Wer sind die beiden?
Antwort: Anton ist der Sohn meines Neffen – also mein Großneffe. Erst hatte ich die irrige Idee, dass mein Kinderdarsteller badisch sprechen müsste. Ich habe lange gesucht, aber kein Kind gefunden, dass diese Wachheit, Neugier und Intelligenz in den Augen hatte, die ich mir für den jungen Anselm gewünscht habe. Dann kam die Idee von Anton ins Spiel und ich habe mich erinnert, wie selbstbewusst er einem die Welt erklären kann – und plötzlich fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Der war’s!
Frage: Und Daniel Kiefer?
Antwort: Daniel Kiefer ist Anselms ältester Sohn. Er spielt im Film alles, was er als Kind bei seinem Vater im Odenwald erlebt hat: die Fahrradtouren, das Fotografieren und Malen. Er war auch oft oben auf dem Speicher, wo sein Vater gemalt hat. Die Mutter hat als Lehrerin die Familie ernährt, Anselm hat gemalt und sich natürlich auch um die Kinder gekümmert. Für diese Phase war Daniel mein einziger ‚Zeitzeuge‘. Und als Daniel so vor mir saß und erzählt hat, habe ich ihn gefragt: Hast du Lust, das zu spielen? Er war in Sorge, was sein Vater davon hielte, aber da konnte ich ihn beruhigen: Der hatte mir ja nur eine einzige Ansage gemacht, nämlich, dass ich ihn überraschen möge. Da waren wir also auf dem richtigen Weg.
Frage: Dass Sie den jungen Kiefer mit einem eigenen Verwandten besetzen, stellt eine große Nähe zwischen Ihnen und dem Künstler her.
Antwort: So spontan, wie die Idee war, so richtig kam es mir dann vor, dass es eine Art ‚Familienfilm‘ würde. Ich sehe in Anselm auch meine eigene Kindheit gespiegelt. Wir haben so viele parallele Erfahrungen gemacht. Wir sind derselbe Jahrgang 45 und sind in dasselbe, nicht existierende Land hineingeboren. Wir haben am selben Fluss gestanden, ich ein bisschen weiter nördlich. Umso wichtiger war es dann aber, dass ich mich als Person ansonsten ganz aus dem Film rausnehme und nicht als Erzähler oder sonstwie auftauche.
Hier sehen Sie den Trailer der Wenders-Doku „Anselm – Das Rauschen der Zeit“
Frage: Finden Sie sich auch in Anselm Kiefers Werk?
Antwort: Durchaus. Mir ist erst an der Arbeit am Film aufgefallen, wie sehr uns die Fotografie verbindet, wie sehr Anselms Werk fotobasiert ist, realitätsbasiert. Er hat Hundertausende Fotos gemacht, auf die er in seiner gesamten Malerei zurückgreift. Aber vieles ist natürlich auch völlig anders. Ich wollte immer weg, ich wollte dieses Land gern hinter mir lassen. Anselm hatte den gegenteiligen Ansatz: sich darüber beugen, sich hineinbohren, sich auseinandersetzen. Ich habe die Auseinandersetzung erst viel später gesucht, brauchte den Umweg über Amerika. Erst in den Jahren meines vergeblichen Versuchs, Amerikaner zu werden – von 1978 bis 1984 – habe ich mich als Deutschen akzeptiert. „Der Himmel über Berlin“ war ein Heimkehrerfilm. Anselm ist von seiner Natur her konfrontativer. Er sucht die Auseinandersetzung, das treibt ihn an; ich mache das nur, wenn es wirklich sein muss.
Frage: In einer Szene läuft Anselm Kiefer als Seiltänzer über Ruinen, mit einer riesigen Sonnenblume als Stab. War das Ihr Einfall oder seiner?
Antwort: Anselm hat sich radikal rausgehalten aus jeglicher Konzeption des Films. Er wollte ja wie gesagt überrascht werden. Das war sicher der Fall, als er sich eines Tages vor einem Greenscreen wiederfand, den wir in einer Ecke seines Studios aufgebaut hatten, und ich ihm erklärte, dass er jetzt Seiltänzer werden müsse. Ich weiß noch, wo diese Idee herkam: Vor dem Film hatten wir uns über einen gewissen Zeitraum täglich getroffen und geredet. Das Tonband lief jeden Tag fünf, sechs Stunden und ich habe Anselm gelöchert: zur Kindheit, zum Odenwald, zur Dichtung, zu Mythen, zu Religion, zu Wissenschaften. Alles. Mein armes Büro musste das transkribieren. Die 1200 Seiten waren dann meine Bibel. Auch über die Nachkriegszeit haben wir ausführlich geredet und bei meinen späteren Recherchen dazu bin ich auf das Foto einer Frau gestoßen, die 1945 auf einem Seil über eine zerbombte Stadt balanciert. Das Bild blieb mir im Kopf als sinnbildlich, als eine Art ‚Traumbild‘ für Anselm.
Frage: Solche Momente färben das Dokumentarische leicht fiktional ein. Heben Sie diese Grenze ganz bewusst auf?
Antwort: Letztlich weiß ich nicht, ob es irgendeine echte Grenze zwischen Fiktion und Dokumentarischem gibt. Der Himmel über Berlin ist mit seinen Engeln ja ein richtiger Fantasy-Film; und gerade darin haben die dokumentarischen Elemente am besten überlebt! Bei Dokumentarfilmen wiederum ist mir das Fiktionale wichtig. Ich drehe Dokumentarfilme immer so, als würde ich eine Geschichte erzählen, und Spielfilme, als müsste ich der Realität Tribut zollen. Ich kann das nicht trennen und ich will es auch nicht. Nur ‚dokumentarisch‘ kommst du an den Anselm auch gar nicht ran. Du musst auch in seine Kindheit rein, wo seine ganze Vorstellungswelt entstanden ist!
Frage: In der Schlussszene verschmelzen Sie die Zeitebenen und führen das Kind Anselm Kiefer und den Kiefer der Gegenwart in einer Szene zusammen. Steht dahinter die Überzeugung: Das Werk ist immer nur die Ausgestaltung dessen, was in der Kindheit schon angelegt ist?
Antwort: Ich glaube, ein Künstler muss sich trauen, das anzunehmen, was in ihm ist und immer schon da war. Anselm hat sein kindliches Malen als ein Erbe mitgenommen – schon insofern, als seine Malerei immer auf Realitäten beruht. Er hat zehn Jahre im Odenwald gearbeitet, in denen er nie ausgestellt hat und nie ein Galerist bei ihm war. In dieser Zeit hat er seinen Kanon entwickelt und ich glaube, dass er seine Kindheit dabei als Sprungbrett genommen hat. Er war immer schon ein Maler, auch als Kind.
Frage: Wie ist es bei Ihnen?
Antwort: Alle meine Ideen, das In-die-Ferne-Wollen, die Identitätssuche, das „Genau-Hinschauen“ – das war alles schon da, als ich klein war. Ich bin der geworden (oder geblieben?), der in mir angelegt war.
„Anselm – Das Rauschen der Zeit“ startet am 12. Oktober 2023 in den Kinos.