Berlin  Wim Wenders: Was die Studios mit 3D machen, ist ein Skandal

Daniel Benedict
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Von Daniel Benedict
| 12.10.2023 06:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Wim Wenders bei der Premiere zu seiner Doku „Anselm – Das Rauschen der Zeit“. Foto: imago-images//Revierfoto
Wim Wenders bei der Premiere zu seiner Doku „Anselm – Das Rauschen der Zeit“. Foto: imago-images//Revierfoto
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Kaum ein Arthouse-Regisseur umarmte das 3D-Kino so leidenschaftlich wie Wim Wenders. Was Hollywood inzwischen aus der Technik macht, findet der 78-Jährige allerdings empörend. Was läuft falsch? Ein Interview zum Filmstart von „Anselm – Das Rauschen der Zeit“.

Wim Wenders gehört zu den Pionieren des 3D-Kinos. Als James Cameron 2009 mit „Avatar“ den 3D-Boom auslöst, arbeitet Wenders schon an seiner stereoskopischen Doku über die Choreografin Pina Bausch. Auch Regisseure wie Martin Scorsese oder Ang Lee experimentieren danach ein paar Jahre lang mit 3D.

Jetzt kommt Wenders‘ „Anselm – Das Rauschen der Zeit“ ins Kino, ein Porträt des Künstlers Anselm Kiefer. Wieder liefert er dreidimensionale Bilder. Inzwischen aber ist Wenders fast der einzige im Arthouse-Segment, der noch an die Technik glaubt. Warum eigentlich? Wir haben ihn gefragt.

Frage: Herr Wenders, mit „Anselm“ haben Sie wieder einen 3D-Film gemacht. Im Arthouse-Bereich stehen Sie damit fast allein da. Sind Sie enttäuscht von der Entwicklung?

Antwort: Als wir 2011 den Film über Pina Bausch in 3D gedreht haben, waren unsere Kameras noch Prototypen und lediglich HD-Videokameras. Die 3D-Rigs waren selbstgebaut; es war ein Abenteuer. (Mit 3D-Rigs werden zwei Kameras zu einem 3D-System zusammengebaut, Anm. d. Red.) Viele haben mich für verrückt erklärt. „Wer soll Deinen 3D-Film denn zeigen?!“ Aber während wir „PINA“ geschnitten haben, kam James Camerons Avatar raus – wofür ich dem Mann ewig dankbar bin. Wegen seines Films haben viele deutsche Kinos auf 3D umgerüstet, auch einige im Arthouse-Bereich, sodass wir unseren Film gut zeigen konnten. Den Kinobesitzern habe ich damals hoffnungsvoll erzählt: Das ist die Zukunft – Eure Anschaffung wird sich lohnen!

Frage: Und dann?

Antwort: Dann kam nicht mehr viel. Scorsese hatte „Hugo Cabret“ in 3D gedreht und Ang Lee seinen „Schiffbruch mit Tiger“ – aber wirklich genutzt wurde die Technologie dann nur noch für Animation, Superhelden und Blockbuster. Der eine oder andere Kinobesitzer war geradezu sauer auf mich, weil eben fürs Arthouse so gut wie nichts mehr nachkam. „Was hast Du uns denn da versprochen?!“ Tja. Es ist in der Tat ein großer Skandal der Filmgeschichte, dass die großen Studios dieses Medium willentlich heruntergewirtschaftet haben, vor allem, um damit mehr Geld zu verdienen. Aber 3D ist kein Gimmick, es ist eine eigene Filmsprache. Aber das konnte das Medium nur ganz selten beweisen.

Frage: Warum bleiben Sie trotzdem bei 3D?

Antwort: Ganz einfach, weil man im 3D-Film viel mehr sieht. Es setzt das Sehen sozusagen ins Quadrat. 3D kann ein ungeheuer poetisches Mittel sein! Das ist aber nie ins Bewusstsein der Zuschauer gedrungen. Denen wurde beigebracht: 3D ist ein Spektakel, für das du mehr bezahlen musst. Und in der Action wird es nur selten sinnvoll genutzt. Man merkt auch sofort, warum die so schnell geschnitten sind: damit man die ganzen Fehler nicht sieht.

„Anselm – Das Rauschen der Zeit“: Hier sehen Sie den Trailer der Wenders-Doku:

Frage: Was fällt Ihnen da auf?

Antwort: Was vorne sein sollte, ist hinten, die Dimensionen hauen nicht hin, verschiedene Tiefenebenen überkreuzen sich. Blenden Sie mal die Handlung aus und gucken Sie nur in die Ecken der Bilder. Sie werden über die vielen Ungereimtheiten staunen. James Cameron ist fast der einzige, der noch natives 3D dreht; dabei werden die Bilder wirklich mit zwei Kameras fotografiert, physiologisch korrekt. Er wirbt gerade mit einer großen Kampagne dafür und verdammt, was die meisten inzwischen tun: Die drehen nur noch mit einer Kamera und machen den Rest am Computer. Das tut in den Augen weh und macht Matsche aus Ihrem Hirn.

„Anselm – Das Rauschen der Zeit“ startet am 12. Oktober 2023 in den Kinos. 

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