Osnabrück  Wim Wenders: Pompöses Filmporträt über den Künstler Anselm Kiefer

Stefan Lueddemann
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Von Stefan Lueddemann
| 10.10.2023 12:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Anselm Kiefer (l), Künstler, und Wim Wenders, Regisseur, stehen bei der Deutschland-Premiere des Films «Anselm - Das Rauschen der Zeit» auf dem Roten Teppich. Foto: picture-alliance/dpa
Anselm Kiefer (l), Künstler, und Wim Wenders, Regisseur, stehen bei der Deutschland-Premiere des Films «Anselm - Das Rauschen der Zeit» auf dem Roten Teppich. Foto: picture-alliance/dpa
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Seine Bilder formt er zu gigantischen Landschaften deutscher Mythen: Anselm Kiefer ist Spezialist für Kunst als Erinnerung. Wim Wenders macht aus seinem Kiefer-Film eine bildgewaltige Hymne in 3D.

Sein Skulpturenpark im südfranzösischen Barjac erstreckt sich über 35 Hektar. Aber was ist schon diese gigantische Ausstellungsfläche gegen die Unendlichkeiten deutscher Mythen, die Anselm Kiefer seit Jahrzehnten wortwörtlich durchpflügt? Diesen Künstler als Maler oder Bildhauer zu bezeichnen, wäre in jedem Fall eine Untertreibung. Kiefer inszeniert visuelles Totaltheater mit historischem Tiefensog.

Ob Parsifal oder Hermannschlacht oder Deutschlands Untergang in der Katastrophe von Zweitem Weltkrieg und Holocaust – der inzwischen 78 Jahre alte Kiefer ist der Spezialist für deutsche Traumata.

Aufklärer oder Neofaschist? Kiefers Kunst zwingt nicht nur als politisches Statement zu radikaler Reaktion. Auch die Gigantomanie seiner mit Erde, Stroh, Blei und Asche zu riesigen Trauertafeln aufgepolsterten Bildern und Plastiken polarisiert.

Wim Wenders hat sich für seinen Film „Anselm – Das Rauschen der Zeit“ klar entschieden. Er hat keinen Dokumentarfilm über Anselm Kiefer gedreht, er feiert ihn mit einer Bildsinfonie, die vor allem eines sein will: kongenial.

Entsprechend verzichtet Wenders auf jedes Interview. Er lässt Anselm Kiefer sinnen, schreiten, schauen, kurz so erscheinen, wie er sich selbst gern sieht und inszeniert – als Seher und Künder. So viel Affirmation sichert diesen 93 Minuten in 3D suggestive Bildgewalt. Auf der anderen Seite verzichtet Wenders vollständig darauf, das Phänomen Kiefer kritisch zu beleuchten.

Filmemacher wie Bildkünstler teilen das Geburtsjahr. Beide kommen 1945, mit dem Kriegsende auf die Welt. Wim Wenders sieht sich mit Anselm Kiefer offenbar in einer Schicksalsgemeinschaft. Sie kommen beide von der deutschen Katastrophe nicht los. Wie auch. Kiefers obsessive Befragung deutscher Geschichte und ihrer Projektion in nationalen Mythen entfaltet einen Sog, dem sich Wenders gar nicht erst entziehen möchte.

Der Filmemacher inszeniert Kiefer auf seinem gewaltigen Kunstgelände in Frankreich, er lässt ihn als Kind und als jungen Mann durch die frühe Bundesrepublik wandern. Kiefers Sohn Daniel und Wenders‘ Großneffe Anton spielen diese frühen biografischen Stationen. Wenders bedient sich ansonsten nur sparsam bei dokumentarischem Material, zeigt Kiefers Präsentationen im New Yorker Museum of Modern Art, bei der Biennale von Venedig oder in Berlins Neuer Nationalgalerie.

Vorbei die Zeiten, in denen Kiefer für seine „Herrmannschlacht“, einen Bilderbogen deutscher Künstler und Helden von Wagner bis Novalis, als vermeintlicher Reaktionär ähnlich wie Georg Baselitz mit seinen Helden-Bildern und Markus Lüpertz mit seinen Stahlhelm-Motiven in den sechziger und siebziger Jahren quer zum Zeitgeist stand. Der Künstler ist inzwischen mit Preisen, vom Praemium Imperiale bis zum Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, geradezu überhäuft und als Klassiker kanonisiert. Wenders Film überhöht den Künstler Kiefer endgültig zu einem Mythos seiner selbst.

Dabei ist es beeindruckend zu sehen, wie Kiefer seine gigantischen Depots mit dem Fahrrad durchquert, vor seinen Bildern mit dem Hubwagen auf- und abfährt, Kunstwerke mit dem Flammenwerfer attackiert. Anselm Kiefer scheint kein Aufwand zu groß, kein Volumen ausreichend zu sein. Eine künstlerische Materialschlacht, die befremdlich hineinragt in das digitale Zeitalter.   

Aber wer bewegt dieses Riesentheater wirklich? Wer finanziert es? Wie ist Kiefers geradezu unheimlich beherrschende Stellung in der Kunstwelt gewachsen? Wim Wenders stellt all diese Fragen nicht, er wirft keinen Blick auf das Beziehungsgeflecht hinter dem Künstler, der sich mit Wenders wieder als erratischer Mythenbeschwörer inszenieren darf. Keine Nachfrage, nirgends, nur das Wispern ferner Stimmen und das Rauschen im Mythenwald.

Hat sich Wim Wenders nie die Frage gestellt, ob ein solches Maß an kritikloser Bewunderung gerade bei Anselm Kiefer unzulässig sein muss? Offenbar nicht. Stattdessen schickt er den Künstler auf das Hochseil, lässt ihn, mit einer schwarzen Sonnenblume als Balancierstange über den Trümmerwüsten deutscher Städte 1945 schweben. Was soll das sein? Der Künstler als Schlafwandler? Die Anselm-Apotheose? Oder gleich der Tiefschlaf jeder kritischen Vernunft? Vorsicht, Absturzgefahr!

Wim Wenders: Anselm – Das Rauschen der Zeit. 93 Minuten. DCM. 3D. Ab 12. Oktober 2023. FSK Zwölf Jahre.

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