Verbrechen  Ostfriesland im Visier krimineller Clan-Mitglieder

Manfred Hochmann
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Von Manfred Hochmann
| 09.10.2023 13:36 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Hier in Wittmund ist Mitte Mai ein Auto explodiert. Foto: Ullrich
Hier in Wittmund ist Mitte Mai ein Auto explodiert. Foto: Ullrich
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Die oft zitierte Clan-Kriminalität ist keine Besonderheit von Großstädten. Ein leitender Ermittler packt aus.

Wittmund - Der laute Knall des explodierenden BMW in der Wittmunder Ledastraße hallt auch Monate später nach im Leben vieler Menschen – von Polizisten, Ermittlern der Staatsanwaltschaft und nicht zuletzt von möglichen Verdächtigen und Beteiligten, die in den Sprengstoffanschlag im Mai irgendwie verwickelt sind. Die Polizei hat den Haupttäter inzwischen ermittelt. Und: Schon kurz nach der Tat gab es Hinweise auf Clankriminalität, sie haben sich mittlerweile verdichtet. Die Polizei ermittelt jetzt gegen mehrere Personen, wobei ein jüngerer Mann die Tat ausgeführt haben, also Sprengstoff an dem Fahrzeug angebracht und die Explosion ausgelöst haben soll. Weitere Personen könnten die Auftraggeber gewesen sein oder zu ihnen gehören.

Die Polizei musste ein Dickicht von Verästelungen verschiedener Familien und Geschäftemacher durchforsten, aber inzwischen wird deutlich: Bei der Explosion handelte es sich offenbar um einen „Denkzettel“ der besonders brutalen Art – wegen geschäftlicher oder familiärer Streitigkeiten im gastronomischen Bereich. Die Polizei untersucht noch, ob Schulden eingetrieben werden oder mit dem Sprengstoff-Anschlag vor unternehmerischen Aktivitäten/Einmischungen „gewarnt“ werden sollte. Die Ermittlungen jedenfalls laufen in diese Richtung.

Längst in Ostfriesland angekommen

Damit führen sie direkt in den Bereich der Clan-Kriminalität, die schon längst in Ostfriesland angekommen ist. „Wir befinden uns nicht im Dornröschenschlaf“, sagt der Leiter der Polizeiinspektion Aurich-Wittmund, Stephan Zwerg. Er hat vor Wochen schon darauf hingewiesen, dass es im Gebiet der Polizeiinspektion Aurich/Wittmund acht Familien und etwa 250 Mitglieder gibt, die der Clankriminalität zugeordnet werden können. Typisch für Delikte wie in Wittmund ist das kriminelle Umfeld, sind abgeschottete Strukturen, hinter denen die ostfriesischen Clans ihre eigenen justiziellen Mechanismen entwickeln, also ihre eigenen Strafmaßnahmen und Sanktionen festlegen.

Wer von Regel abweicht, wird konsequent bedroht

Beim Abweichen von den Clan-Regeln wird zunächst gewarnt oder bis in die Familien unterschwellig mit Gewalt gedroht. Dazu gehören auch Pöbeleien, Beleidigungen oder Sachbeschädigungen – die Explosion in Wittmund mit der Zerstörung eines 70.000-Euro-Autos sprengte die für Ostfriesland bisher bekannten Dimensionen.

In den acht besagten Familien in den Landkreisen Aurich und Wittmund sind die Betätigungsfelder, also die „Geschäftsmodelle“, breit gefächert. Einen großen Anteil nehmen Drogendelikte ein. Auch Geldwäsche ist ein wichtiger Teil dieser Kriminalität. Die Einnahmen aus illegalen Geschäften werden oftmals in der Gastronomie „umgewidmet“. Auch viele Kfz-Betrügereien sind auf Clans zurückzuführen. Fahrzeuge werden günstig aufgekauft; etwas aufgemöbelt und die Kilometerstände nach unten manipuliert. Danach werden Autos weit über Wert wieder verkauft.

Zusammenarbeit mit Kommunen

Die Polizei allein kann den Sumpf der Clan-Kriminalität nicht trockenlegen. Wegen der ethnisch stark abgeschotteten Strukturen haben Polizei und Staatsanwaltschaft im Sommer ihre Schlagkraft erhöht, bilden mit den Kreisverwaltungen, den Kommunen, dem Zoll und der Steuerfahndung ein breites Bündnis zur Bekämpfung der Clan-Kriminalität. So können, etwa über Genehmigungsverfahren illegale Geschäftsmodelle aufgespürt werden. Gemeinsame Kontrollen dienen dabei auch dem Aufspüren von unberechtigten Bezügen von Sozialleistungen.

So ist es nach Angaben von Stephan Zwerg binnen kurzer Zeit gelungen, Strafverfahren etwa wegen illegaler Beschäftigung, Steuervergehen einzuleiten. Regelmäßige Kontrollen führten auch schon zu Schließungen etwa im Gastronomie- oder Glücksspielbereich. „Wir kommen voran und lassen uns nicht an der Nase herumführen“, sagt Zwerg. Aber den Sumpf ganz trockenlegen? Das könne man nur, indem man die „Geschäftsmodelle“ und Gewinnstrukturen unattraktiv mache. Überdies müsse man auch Ausstiegsangebote unterbreiten für diejenigen, sie sich aus der Kriminalität lossagen wollten.

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