Böller-Alternative im Rheiderland  Einwohner fühlen sich Böllerei hilflos ausgeliefert

Tatjana Gettkowski
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Von Tatjana Gettkowski
| 06.10.2023 12:58 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Viele Leute wollen nicht aufs Feuerwerk verzichten und decken sich mit Böllern und Raketen ein, sobald der Verkauf beginnt. Archivfoto: Ortgies
Viele Leute wollen nicht aufs Feuerwerk verzichten und decken sich mit Böllern und Raketen ein, sobald der Verkauf beginnt. Archivfoto: Ortgies
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Geböllert wird im Rheiderland nicht nur Silvester, sondern auch die Tage davor und danach. Viele Bürger sind genervt. Sie fordern eine stärkere Kontrolle durch die Kommunen – funktioniert das?

Rheiderland - Silvester ohne Chinakracher und Raketen? Das geht ja gar nicht, sagen die einen, andere wiederum wünschen sich nichts sehnlicher als einen Jahreswechsel ohne Lärm. Das Silvesterfeuerwerk spaltet die Gesellschaft.

Was und warum

Darum geht es: Wie kann dafür gesorgt werden, dass bei der Silvesterböllerei der gesetzliche Rahmen eingehalten wird?

Vor allem interessant für: Fans und Gegner ausgiebiger Böllerei

Deshalb berichten wir: Die Böller-Alternative Rheiderland hatte die Bürgermeister der drei Rheiderland-Kommunen zum Gespräch eingeladen.

Die Autorin erreichen Sie unter: t.gettkowski@zgo.de

Doch in Zeiten des Klimawandels werden die Rufe lauter, diese Tradition abzuschaffen. Im Rheiderland hat sich daher eine Böller-Alternative gegründet, die die Menschen zum Umdenken bewegen möchte. Und dafür gibt es viele Gründe.

Was ist das Ziel der Böller-Alternative?

„Wir wünschen uns einen geregelten Jahreswechsel, bei dem jeder zu seinem Recht kommt, aber auch Rücksicht aufeinander genommen wird“, bringt Anita Weelborg-Leissen, das Anliegen auf den Punkt. Der bunt zusammengewürfelten Interessengemeinschaft geht es nicht darum, das Silvesterfeuerwerk zu verbieten.

„Wir wollen, dass die gesetzlichen Vorschriften eingehalten und kontrolliert werden – auch mit der Vergabe von Geldbußen, wenn das erforderlich ist“, macht Claudia Ploeger deutlich. Die Bölleralternative hatte daher die Bürgermeister der drei Rheiderland-Kommunen zum Gespräch eingeladen, um Möglichkeiten auszuloten, gegen unkontrollierte Böllerei vorzugehen.

Wo liegen die Probleme?

Silvesterfeuerwerk darf nur am 31. Dezember und 1. Januar abgefeuert werden. „Die Knallerei beginnt aber schon Tage vor Silvester und dauert bis ins neue Jahr“, sagt Monika Reinders. Viele Haustiere versetzt das ohrenbetäubende Pfeifen, Knallen und Krachen in Angst und Schrecken. Verängstigt verstecken sie sich im Haus. „Mein Hund traut sich drei Wochen nicht vor die Tür“, beschreibt eine Tierbesitzerin ihre Erfahrungen.

Die Silvesterzeit mit Böllerschüssen und Raketen ist für Tiere stressig. Foto: Pixabay
Die Silvesterzeit mit Böllerschüssen und Raketen ist für Tiere stressig. Foto: Pixabay

Aber auch bei Flüchtlingen oder älteren Menschen, die die Bombenangriffe und Kriege miterlebt haben, können durch die Böllerei grausame Erinnerungen wieder wach werden. So lange die Behörden nicht aktiv würden, sei man der tagelangen Böllerei gnadenlos ausgeliefert.

Was sagen die Bürgermeister?

„Um die Einhaltung der gesetzlichen Vorgaben zu kontrollieren, müssten wir sechs bis zehn Mitarbeiter mit entsprechender Sachkenntnis losschicken. Das Personal haben wir schlichtweg nicht“, machte Weeners Bürgermeister Heiko Abbas deutlich. Security-Firmen könnten diese Aufgabe nicht übernehmen, weil sie keine Ordnungsmacht hätten. Selbst wenn die Kontrollmöglichkeiten besser wären, sei bei der Böllerei eine Ordnungswidrigkeit schwer nachweisbar.

„Jeder einzelne Vorgang muss zweifelsfrei belegt werden.“ Nach Einschätzung von Hans-Peter Heikens, Bürgermeister von Jemgum, ließen sich Veränderungen nicht immer durch Gesetze und Verbote erzwingen. „Ich glaube, dass man für den Tierschutz und den Klimaschutz durch Einsicht und Verständnis eher ein Umdenken bewirken kann.“

Welche Handlungsmöglichkeiten gibt es?

In einigen Städten sind Feuerwerke verboten, um denkmalgeschützte Häuser mit Reetdächern oder aus Holz vor Bränden zu schützen, die Feuerwerkskörper verursachen können. „Im Rheiderland haben wir aber nichts, was so eine Allgemeinverfügung rechtfertigen würde“, machte Heiko Abbas deutlich. Er und seine Kollegen sehen aber durchaus Möglichkeiten einer Regulierung.

„Man könnte die Verkaufszeit für Feuerwerk auf zwei Tage vor Silvester verkürzen“, so Abbas. Dafür sei aber die Bundesgesetzgebung zuständig. Die Bürgermeister wollen bis Ende Oktober die Bundestagsabgeordneten anschreiben. Untermauert werden soll das Anliegen mit der von den Mitgliedern der Böller-Alternative gesammelten Liste von knapp 900 Unterschriften.

Im Dezember wollen die drei Bürgermeister über die gesetzlichen Vorgaben rund um das Silvesterfeuerwerk informieren. „Wir werden deutlich machen, was wann und wo erlaubt ist“, so der Bunder Bürgermeister Uwe Sap. „Wir werden einen langen Atem brauchen“, glaubt sein Kollege Heiko Abbas und bringt als Beispiel das Rauchverbot in Kneipen und Restaurants. Das habe sich trotz langer Diskussionen letztendlich auch durchgesetzt, auch wenn es ein längerer Prozess gewesen sei.

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