osnabrück Jon Fosse: Die starke menschliche Stimme der Literatur
Jon Fosse: Der Literaturnobelpreis 2023 geht an einen Autor, der seit Jahren für diese Auszeichnung gehandelt wird. Die Schwedische Akademie zeichnet einen Autor aus. Ein politisches Signal ist das nicht.
Es hätte Ngugi Wa Thiongo sein können. Oder Ljudmilla Ulitzkaja. Ein Zeichen für Afrika, ein Statement für die Meinungsfreiheit? Der Literaturnobelpreis 2023 geht an den Norweger Jon Fosse. Die Schwedische Akademie verpasst die Chance, mit dem Literaturnobelpreis 2023 ein politisches Zeichen zu setzen. Das werden Kritiker jetzt monieren. Dabei gilt der Preis der Literatur, keinem noch so honorigen Engagement.
In diesem Sinn geht das Votum für Fosse nicht nur in Ordnung, es war von vielen Literaturliebhabern längst erwartet worden. Die Jury hat sich für ein starkes literarisches Werk entschieden und für einen Autor, der ähnlich populär und geschätzt ist wie Margaret Atwood und Haruki Murakami, die seit Jahren für die höchste literarische Auszeichnung der Welt gehandelt werden.
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Nach der Französin Annie Ernaux, die 2022 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet worden war, geht der Preis wieder an eine Autorenpersönlichkeit, die präsent und prominent ist. Fosses Bücher werden, ähnlich wie die von Annie Ernaux, wirklich gelesen. Vorüber scheint vorerst jene Zeit, in der Stockholm Autoren wie die Amerikanerin Louise Glück auszeichnete, in Fachkreisen anerkannt, dem Lesepublikum unbekannt.
Jetzt werden sich viele Leser und Theatergänger mit Jon Fosse freuen. Seine Werke begleiten viele Menschen seit Jahren, eröffnen ihnen Erfahrungen, die das eigene Leben wirklich prägen und verändern. Fosses Texte atmen jene existenzielle Kraft, die ein Landsmann, der Maler Edvard Munch, vor Jahrzehnten in große Bilder fasste.
Der Nobelpreis 2023 mag kein politisches Signal setzen, nicht das erwartete Zeichen für bedrohte Meinungsfreiheit sein. Aber er ist ein Signal für Literatur als starke menschliche Stimme. Wer will, mag auch das politisch verstehen. Der Literaturnobelpreis 2023 gilt einem großen Namen der Literatur. Und das mag allemal konsensfähig sein.