Ärger um geplante Abholzaktion Sind Wiesenvögel wichtiger als Rotkehlchen & Co.?
Bäume und Büsche am Kolk in St. Georgiwold sollen verschwinden, um Wiesenbrüter besser vor Fressfeinden zu schützen. Jagdpächter Hero Schulte hält die Pläne von Kreis und Nabu für völlig ineffektiv.
St. Georgiwold - Landwirt Hero Schulte aus St. Georgiwold ist Jäger und Naturschützer aus Leidenschaft. Daher ärgert er sich über die Pläne von Nabu und Landkreis Leer. Sie planen, den Baumbewuchs rund um den Swartwolder Kolk, seinem Jagdrevier, komplett zu entfernen. Nach Schultes Informationen wollen Nabu und der Landkreis Leer mit dieser Maßnahme, Krähen und Greifvögeln die Ansitzmöglichkeiten nehmen, um ihnen das Jagen von Wiesenbrütern zu erschweren. Schulte hält die Maßnahme für völlig ineffektiv und nicht mit dem Natur- und Klimaschutz vereinbar.
Was und warum
Darum geht es: um Konflikte zwischen Wiesenvogelschutz und dem Schutz anderer Arten
Vor allem interessant für: Naturfreunde
Deshalb berichten wir: Landwirt Hero Schulte hat uns auf die Problematik aufmerksam gemacht. Die Autorin erreichen Sie unter: t.gettkowski@zgo.de
Warum sollen die Bäume weg?
Ziel von Nabu und Landkreis ist es, im Vogelschutzgebiet Rheiderland die Lebensbedingungen für Wiesenvögel zu verbessern. „Die im Frühjahr gegründete Ökologische Nabu-Station Leer (ÖSNL) bereitet derzeit in Zusammenarbeit mit der unteren Naturschutzbehörde verschiedene Pflegemaßnahmen vor“, teilt Landkreissprecher Philipp Koenen auf Nachfrage mit. „Das Thema wurde und wird kontrovers diskutiert. Konflikte zwischen Wiesenvogelschutz und dem Schutz von Singvögeln, Fledermäusen und Klimaanpassung sind nicht von der Hand zu weisen“, so Koenen weiter. Es werde aber immer im Einzelfall abgewogen, welches naturschutzfachliche Ziel bei der konkreten Maßnahme im Vordergrund stehe und wie man Konflikte bestmöglich lösen könne.
Welche Kritik gibt es?
„Wenn man die Büsche und Bäume entfernt, bringt das gar nichts“, sagt Hero Schulte. Greifvögel würden vor Ort genügend anderweitige Ansitzmöglichkeiten finden. Als Beispiele nennt er die Beobachtungshütte, Weidezaunpfähle und den Baumbestand am Middelweg. Eine weitere Bedrohung sieht er in den vielen Grau- und Silberreihern, die in immer größerer Anzahl auf den Flächen auf Beutezug gingen und viele Wiesenbrütergelegen plündern würden. Schulte ärgert sich, dass Landkreis und Nabu die Landwirte, ihn als Jagdpächter, Hegeringvertreter und auch die Stadt Weener als Eigentümer des Areals nicht in die Pläne mit einbezogen hätten. Der Jäger will sämtliche jagdliche Fallen dort abbauen und auf die Prädatorenbejagung verzichten, um Druck zu machen. „Wieso sollen in Zeiten des Klimawandels Bäume und Büsche, die sich dort ganz von allein entwickelt hätten, verschwinden, obwohl sie sich zu einem Lebensraum für viele Arten entwickelt haben?“, fragt er sich.
Wie ist die Haltung des Nabu?
Der Nabu Niedersachsen verteidigt das Projekt. „Das Vogelschutzgebiet Rheiderland ist eines von wenigen verbliebenen Schwerpunktgebieten in Niedersachsen, in dem Arten wie Kiebitz, Uferschnepfe und Rotschenkel noch regelmäßig brüten“, teilt Kristin Schaper von der Nabu-Pressestelle mit. Weil selbst hier immer mehr Lebensraum verloren gehe, nehme die Population ab. Grund sind nach Einschätzung der Nabu-Experten zu viele Bäume und Gebüsche. „Durch jahrzehntelange Forschung ist bekannt und belegt, dass Wiesenvögel horizontale Strukturen wie Bäume und Sträucher meiden.“ Ein 100 Meter langer Gehölzstreifen könne bis zu sechs Hektar Land, das grundsätzlich als Wiesenvogelbrutgebiet geeignet wäre, unbrauchbar machen.
Hinzu komme, dass Prädatoren wie Marder, Fuchs & Co. in Gehölzen viele Versteckmöglichkeiten hätten und aus der Deckung heraus Bodenbrüter leicht erbeuten können. Es bestehe kein Zweifel, dass das ein Grund für den geringen Bruterfolg der Wiesenbrüter sei, der zu einem Rückgang der Arten führe. In anderen Regionen seien Gehölzentfernungen bereits durchgeführt worden. „Mit Erfolg“, wie Scheper betont. Als positives Beispiel nennt sie die Barsteder Meeden. „In diesem Jahr wurden dort 55 Uferschnepfenpaare gezählt, während es im Jahr 2013, ein Jahr vor der Maßnahme, nur noch 13 Paare waren. Aus den damals gezählten 24 Kiebitzpaaren seien mittlerweile über 120 geworden „All das zeigt die Dringlichkeit von Maßnahmen. Deswegen wollen wir mit der Gehölzeentfernung zu dem Schutz all dieser Arten beitragen“, sagt Scheper.
Wie geht es nun weiter am Swartwolder Kolk?
Nach den Worten von Landkreissprecher Philipp Koenen habe es inzwischen ein Gespräch mit dem Jagdpächter gegeben. „Er hat als Kompromiss vorgeschlagen, lediglich die Gehölze um die Aussichtsplattform am Kolk freizuschneiden“, so Koenen. Diesem Vorschlag wolle man zunächst folgen. Ob und inwieweit darüber hinaus künftig noch zusätzliche Maßnahmen am Swartwolder Kolk durchgeführt werden, hängt vom weiteren Abstimmungsprozess und der weiteren Meinungsbildung ab.