Osnabrück Plädoyer für vier Favoriten: Wer erhält den Literaturnobelpreis 2023?
Wer bekommt den Literaturnobelpreis 2023? Eine Autorin aus Afrika oder der jüngst attackierte Salman Rushdie? Zwei Autorinnen hätten ihn ebenfalls unbedingt verdient.
Selten ist die Vergabe so einhellig bejubelt worden wie im vergangenen Jahr. 2022 erhielt die französische Schriftstellerin Annie Ernaux den Preis. Die Autorin feministischer und sozialkritischer Romane wie „Der Platz“ oder „Die Jahre“ fand sich längst im engeren Favoritenkreis für die höchste literarische Ehrung der Welt. Ernaux verbindet zwei große Qualitäten: Sie spürt nicht nur mit seltener Präzision den geheimen Mechanismen sozialer Benachteiligung nach, sie fasziniert mit ihren Büchern gleichzeitig auch eine große Leserschaft.
Wer erhält den Literaturnobelpreis 2023? Am Donnerstag, 5. Oktober 2023, pünktlich um 13 Uhr wird Mats Halm, Ständiger Sekretär der Schwedischen Akademie die Antwort geben. Ganz gleich, welchen Namen er verlesen wird – die Entscheidung der Akademie wird nicht nur als literarisches Votum, sondern vor allem als gesellschaftliche, ja politische Richtungsentscheidung gelesen werden. Eine Frau, ein Mann? Europa oder doch endlich Afrika? Neutralität gibt es beim Literaturnobelpreis nicht.
Entscheidungen der zurückliegenden Jahre haben immer wieder polarisiert. Debatten um den Literaturnobelpreis zeigen, dass Literatur ein zentrales Medium der gesellschaftlichen Selbstverständigung bleibt – trotz digitaler Medien und zuletzt schwächelnder Verkaufszahlen auf dem Buchmarkt.
Die Auszeichnung Peter Handkes 2019 löste einen Proteststurm aus, weil das Verhältnis von Literatur und Moral zu verhandeln war. Kritiker kreideten dem österreichischen Autor an, sich während des Balkankrieges mit serbischen Kriegsverbrechern wie Slobodan Milosevic gemeingemacht zu haben. Gespalten reagierte die Öffentlichkeit auch auf die Auszeichnung des Songwriters Bob Dylan 2016. Was die einen für einen Akt der Befreiung vom Joch der Hochkultur hielten, kritisierten andere als Frevel an ernsthafter Literatur. Die Debatte um Dylan fand ihren thematischen Kern in der Frage nach den Grenzen von Literatur und Popkultur.
Aber wer steht 2023 ganz oben auf der Favoritenliste? Hier vier Tipps:
Aus Nigeria stammt die Autorin Chimamanda Ngozi Adichie, die mit Romanen wie „Blauer Hibiskus“ und „Americanah“ über Identität und Rassismus in der globalisierten Welt schreibt und dabei das Leben zwischen den Kulturen in den Blick nimmt. Sie trat am 22. September 2021 bei der Eröffnung des Ethnologischen Museums im Berliner Humboldt-Forum durch den Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier als Rednerin auf. Ein Zeichen für ihre Akzeptanz als Stimme Afrikas und seiner kulturellen Transformationen.
Salman Rushdie hat mit seinem Roman „Die satanischen Verse“ 1988 nicht nur einen modernen Klassiker geschrieben. Der britische Autor mit indischen Wurzeln steht seit der Fatwa, der Todesdrohung, die religiöse Führer des Iran 1989 gegen aussprachen, auch unter ständiger Bedrohung. Einen Messerangriff am 12. August 2022 überlebte Rushdie schwer verletzt. Rushdie erhält in diesem Jahr den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, als Ikone des freien Wortes und als Autor von Romanen, die als Grenzgänge der Kulturen faszinieren.
Literaturkritiker Denis Scheck nennt sie die „Nobelpreisträgerin der Herzen“: Die Kanadierin Margaret Atwood steht seit Jahren oben auf den Favoritenlisten, wenn es um den Literaturnobelpreis geht. Ihr Bestseller „Der Report der Magd“ von 1985 entwirft das Bild einer Gesellschaft, in der Frauen keine Freiheitsrechte mehr besitzen und verpflichtet sind, Kinder zu gebären. Atwood folgt ihrer Dystopie, engagiert sich seit Jahren für Frauenrechte und kämpft insbesondere für den Klimaschutz.
Wenn es um Kinder- und Jugendliteratur geht, tut sich die Schwedische Akademie schwer. Hätte Astrid Lindgren nicht seinerzeit ausgezeichnet werden müssen? Wie wäre es, der britischen Autorin Joanne K. Rowling den Literaturnobelpreis zu verleihen? Mit ihren Romanen rund um den Zauberschüler Harry Potter hat sie Generationen von Jugendlichen auf dem Weg zum erwachsenen und damit selbstbestimmten Leben begleitet. Ihre Bücher haben Millionenauflagen erreicht. Rowling ist populär – und hätte den Nobelpreis gleichfalls verdient.
Ob es eine dieser vier Autorenpersönlichkeiten sein wird? Am 5. Oktober wird das Geheimnis um den Literaturnobelpreis 2023 gelüftet werden. Ob sich die Schwedische Akademie für einen prominenten Namen entscheidet oder für einen, den alle Welt nach der Bekanntgabe erst einmal googeln muss – die Entscheidung wird wieder mit höchster Spannung erwartet.