Schwerin  76-Jährige ist Oma ohne eigene Enkel: So wurde sie zur Wunschgroßmutter

Claus Oellerking
|
Von Claus Oellerking
| 30.09.2023 14:40 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
„Ich bin gerne Wunschgroßmutter“, sagt Hannelore Jenichen-Räther. Foto: Claus Oellerking
„Ich bin gerne Wunschgroßmutter“, sagt Hannelore Jenichen-Räther. Foto: Claus Oellerking
Artikel teilen:

Sie hat keine eigenen Enkel und kommt doch der Rolle einer kümmernden Oma nach: Hannelore Jenichen-Räther aus Schwerin ist ehrenamtliche Wunschgroßmutter. Wieso sie sich für diesen Schritt entschied – und wo die Unterschiede zu einer echten Oma sind.

„Um zwei Uhr habe ich Lucia (5) aus dem Kindergarten abgeholt und danach Jakob (8) vom Hort. Heute sind wir dann hierher auf den Spielplatz gegangen“, sagt Hannelore Jenichen-Räther und holt erstmal frisches Obst und Gurken aus dem Rucksack. Die beiden Kinder greifen fröhlich zu. „Die Gurken sind aber kalt, Oma! Fühl mal!“, ruft Lucia. „Das liegt an dem Kühlpack, das ich im Rucksack habe“, erklärt „Oma Hanne“. So wird sie von ihren Wunschenkeln genannt.

Die beiden Kleinen laufen los, klettern auf das Holzgerüst und verschwinden für ein paar Sekunden im Spielhaus, bevor sie über eine Rutsche wieder auf dem Boden der Sandkiste landen. „Im vergangenen Jahr konnte Lucia das noch nicht allein. Da hat sie einen richtigen Sprung gemacht“, freut sich Hannelore Jenichen-Räther (76) über diese Veränderung.

„Oma Hanne“ gehört zum Arbeitskreis „Wunschgroßeltern“ beim Schweriner Seniorenring. Aktuell sind 13 Wunschgroßeltern im Einsatz. „Es könnte gerne ein paar mehr sein, denn die Nachfrage ist groß“, so die Projektleiterin Martina Etzrodt. „Es sind Familien von hier und auch solche, die hierhergezogen sind. Oft wohnen Opa und Oma weit weg. Dann sind unsere Wunschgroßeltern eine gute Alternative.“

Seit 2009 gibt es den Arbeitskreis, und einige der aktiven Wunschgroßeltern sind von Anfang an dabei. Sie begleiten die Kinder oft über viele Jahre, meist bis zum Ende der Grundschulzeit. Einige haben auch heute noch Kontakt zu ihren einstigen Wunschenkeln, die als junge Erwachsene mittlerweile Anfang 20 und in der Ausbildung oder im Studium sind.

Wer gerne ehrenamtliche Wunschoma oder Wunschopa sein möchte, stellt sich bei den Organisatoren des Arbeitskreises persönlich vor. Ganz ohne Papierkram geht es nicht. Die potenziellen Wunschgroßeltern müssen einen Fragebogen zu ihrer Lebenssituation ausfüllen und auch ein polizeiliches Führungszeugnis vorlegen. Auch die Familien, die sich Unterstützung wünschen, müssen einige Fragen beantworten. „Wir gucken, wie es passen könnte und laden dann beide zu einem ersten Kennenlernen ein“, erklärt Martina Etzrodt.

„Ich bin gerne Wunschgroßmutter“, sagt Hannelore Jenichen-Räther und strahlt. „Mein Mann findet Kinder nett. Er hält sich aber im Wesentlichen raus. Die Kinder lieben den ,Opa Dieter‘ auch, finden ihn aber manchmal ein bisschen streng“, lacht sie.

Aufgewachsen ist Hannelore Jenichen-Räther in der Gegend um Magdeburg. Nach dem Abitur geht sie zur Ausbildung nach Leipzig. Sie wird Hebamme. „Ich war immer contra“, erinnert sie sich, „und konnte deshalb auch nicht Medizin studieren. Ich sei politisch nicht tragbar, stand in der Akte. Das habe ich vor Wut zerrissen. Ich hätte das aufheben sollen.“

Ihre Tochter kommt 1975 zur Welt, Ostern 1977 verlässt Jenichen-Räther die DDR in Richtung Hamburg. Auch hier geht es weiter mit dem Schichtdienst im Kreißsaal, ein paar Jahre ist sie leitende Hebamme im Pinneberger Krankenhaus. „Seit zehn Jahren leben wir nun in Schwerin. Die erste Zeit im Ruhestand sind wir viel gereist, waren mit dem Rad unterwegs. Irgendwann habe ich zu meiner Tochter gesagt: Irgendwie ist das nicht richtig. Ich lebe wie die Made im Speck. Mache nichts, bekomme jeden Monat meine Rente.“ Ihre Tochter hielt dagegen, „,Mama, du hast 42 Jahre gearbeitet, genieß das doch mal!‘, hat sie gesagt. Aber ich konnte das nicht.“

Jenichen-Räther beginnt, im Chor der Volkshochschule zu singen. Sie kauft sich ein SUP – ein Stand Up Paddelboard – und ist auf den Seen in der Stadt unterwegs. Sie wirkt aktiv im Seniorenbeirat der Landeshauptstadt mit. Eine Zeitlang überbringt sie Glückwünsche zur Goldenen Hochzeit oder zum 80. Geburtstag. Das alles war und ist gut und macht ihr auch eine Menge Spaß. Aber es war noch nicht das Richtige.

Über einen Artikel in der SVZ stößt sie vor fünf Jahren auf das Projekt „Wunschgroßeltern“ des Seniorenrings. „Da ich Kinder sehr gern mag und keine eigenen kleinen Enkel habe, bin ich dann zum Seniorenring und habe gesagt: Ich möchte das kleinste Kind, das sie finden können!“, lacht sie bei dem Gedanken an die Situation. Und sie hat Glück. Die kleine Lucia ist gerade sechs Monate alt, als sie sich kennenlernen. Zwei Monate später beginnen die ersten regelmäßigen wöchentlichen Treffen. Und dann war da noch der drei Jahre ältere Bruder Jakob, der irgendwann zu ihr sagt: Oma, warum holst du immer nur meine Schwester ab und mich nicht? „Und er hatte ja recht. Seitdem habe ich also zwei Enkelkinder.“

Im Sommer ist „Oma Hanne“ mit ihren Wunschenkeln viel draußen unterwegs. Meist ist es ein Dienstag. Mal gehen sie auf den Lieblingsspielplatz von Lucia an der Alten Brauerei, mal auf den von Jakob an der Schelfkirche. Mal geht es zum Schwimmen oder in den Zoo. Besonders gerne besuchen Lucia und Jakob ihre „Oma Hanne“ aber zu Hause. „Opa Dieter“ deckt dann den Kaffeetisch. Oft holen sie die Playmobil-Figuren und Bausteine aus dem Keller. Es ist noch das Spielzeug ihrer Tochter. Alles andere hat sie weggegeben. Zwei Kisten mit Pferdekutschen, Bauernhof und Autos sind noch da. Damit spielen Lucia und Jakob liebend gerne.

Gegen Abend holen die Eltern die Kinder ab, oder Hannelore Jenichen-Räther bringt sie nach Hause. Im Sommer auch mit dem Fahrrad. Auf dem Weg üben sie die Verkehrsregeln beim Überqueren der Straße. „Wo ist denn links, Oma? Und wo ist rechts? Na ja, inzwischen haben sie das drin“, sagt sie und scheint froh darüber zu sein.

Jakob dreht auf dem Fahrrad eine Runde um den Spielplatz. Er kommt zurück und schiebt das Rad. „Die Kette ist wieder abgesprungen“, sagt er traurig. In diesem Fall ist „Oma Hanne“ nicht die richtige Ansprechpartnerin. Da muss Papa wohl mal ran.

„Aus der Erziehung müssen wir ,Wunschgroßeltern‘ uns raushalten. Die ist Sache der Eltern. Aber wir vermitteln als Großeltern ja auch Werte“, sagt Jenichen-Räther und holt ein feuchtes Tuch aus ihrem Rucksack, mit dem sich die Kinder erstmal die Hände abwischen, bevor sie wieder zugreifen und auch das letzte Stück Obst und ein paar Stücke eines Croissants vernaschen.

Die Wunschomas und Wunschopas treffen sich in der Regel einmal pro Woche für einige Stunden mit den Kindern. Gemeinsam verbringen sie eine schöne Zeit. Es ist eine dreifache Win-Win-Win-Situation für die Beteiligten, erklärt Projektleiterin Martina Etzrodt. Die älteren Menschen in die Familie zu holen, ist eine Bereicherung für alle. Die Eltern können sich auf die Seniorinnen und Senioren verlassen und wissen ihre Kinder in guten Händen. Die Wunschgroßeltern bringen einen reichen Erfahrungsschatz mit, stehen bei Bedarf auch mal mit Rat und Tat zur Seite. Meist werden sie schnell zu einer vertrauensvollen Bezugsperson für die Kinder. Der Kontakt mit Kindern macht ihnen Freude. Sie werden gebraucht.

„Oma, wo warst du so lange? fragen mich die Kinder, wenn wir uns nach den Ferien wiedersehen. Und ich freue mich dann auch schon immer wieder auf unsere Treffen. Solange die beiden mich brauchen und solange ich das machen kann, bin ich für sie da“, sagt Jenichen-Räther gerührt, und die Zuneigung zu „ihren Enkeln“ ist deutlich spürbar.

Ähnliche Artikel