Osnabrück  Karin Schmidt-Friderichs: Sensitivity Reading ist Angebot, kein Dogma

Stefan Lueddemann
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Von Stefan Lueddemann
| 01.10.2023 12:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 9 Minuten
Vorsteherin des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels: Karin Schmidt-Friderichs. Foto: IMAGO/Hartenfelser
Vorsteherin des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels: Karin Schmidt-Friderichs. Foto: IMAGO/Hartenfelser
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Demokratie sichern, Freiheit des Wortes schützen: Karin Schmidt-Friderichs verspricht, in jeder ihrer Reden dafür zu kämpfen - auch wenn es um das umstrittene Sensitivity Reading geht.

Rushdie zeigt, was Literatur kann, findet Karin Schmidt-Friderichs. Nach ihrer Meinung entlarvt Rushdie damit zugleich die Macht des Totalitären. Die Vorsteherin des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels plädiert im Vorfeld der 75. Frankfurter Buchmesse für eine Übung im Diskurs - und sagt, warum sie das umstrittene Sensitivity Reading für einen Gewinn hält. Die Verlegerin des Verlags Hermann Schmidt steht seit 2019 dem Börsenverein vor.

Frage: Salman Rushdie erhält in diesem Jahr den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Dieser Autor ist von der Fatwa, dem islamischen Todesurteil, bedroht und 2022 Opfer eines Attentats geworden. Wie schauen Sie dem Besuch Rushdies in Frankfurt entgegen?

Antwort: Ich habe für eine Rede noch nie so viele Versionen geschrieben wie für jene, mit der ich Salman Rushdie in der Paulskirche begrüßen möchte. Es ist eine anspruchsvolle Aufgabe, dieser außergewöhnlichen Persönlichkeit mit einer Rede gerecht werden zu sollen. Rushdie lebt seit vielen Jahren in einem Schutzgefängnis und verliert trotzdem nicht den Optimismus und die Willensstärke. Das können nicht viele Menschen. 

Frage: Zeigt Rushdie uns mit seinem Schicksal und seiner Willensstärke nicht auch, wozu Literatur am Ende da ist?

Antwort: Er gibt uns eine Antwort auf die Frage, was Literatur kann, nämlich in der Freiheit der Fiktion Menschen zu begeistern, aber auch einen Nerv so zu treffen, dass Menschen wütend werden. Darin zeigt sich die Kraft der Literatur. Zugleich zeigt sich darin aber auch die Kraft des Totalitären, die diese Liberalität nicht hat. Dieser Kontrast steht symbolisch für unsere Wirklichkeit im Jahr 2023, erschreckend symbolisch.

Frage: Immer mehr Autorinnen und Autoren auf der Welt sind verfolgt. Der politische Druck auf Literatur nimmt zu – auch in Europa. Wie positioniert sich da der Börsenverein des Deutschen Buchhandels?

Antwort: Als Buchbranche sind wir Teil der Wirtschaft, aber auch Teil der Kultur. Wir schöpfen Werte jenseits der wirtschaftlichen Wertschöpfung. Darin besteht unsere Sonderstellung, auch unser Privileg. Zugleich liegt darin unsere Selbstverpflichtung. Diese beiden Aspekte bündeln sich im Börsenverein des Deutschen Buchhandels. Ich werde in diesem Jahr in allen meinen Reden und jedem noch so kurzen Grußwort unsere Verpflichtung, Demokratie zu sichern und die Freiheit des Wortes zu schützen, mit einbringen. Nach 18 Reden wird es mir vielleicht so vorkommen, als hätte ich es oft genug gesagt, aber ich glaube, dass man das nicht oft genug sagen kann. 

Frage: Was oder wer gefährdet die Freiheit des Wortes in Deutschland?

Antwort: Wir sind nicht mehr sehr diskursiv in der Auseinandersetzung. Bei uns ist es noch nicht so weit wie in Amerika, wo aus Bibliotheken Bücher verbannt werden. Auch nicht so weit wie in Ungarn, wo Bücher mit queeren Inhalten nur eingeschweißt verkauft werden dürfen. Noch geht es uns gut. Trotzdem beißen sich viele Leute auf die Zunge, aus Angst vor dem Shitstorm. Wir erleben völlig übertriebene Reaktionen. Das macht mir Sorgen. Ich komme aus einer Generation, die Spaß am Diskurs hatte. Das mag unsere Eltern genervt haben, aber vieles, was sich in Deutschland zum Guten entwickelt hat, verdanken wir dieser Diskursivität der Achtundsechziger und folgender Generationen. Diese Räume sind inzwischen eher eingeengt als erweitert. Ich möchte nicht zu jedem Sit-in der Achtundsechziger zurück, aber den Geist dieser Zeit hätte ich schon gern wieder, auch um den Preis der einen oder anderen Übertreibung.

Frage: Wer gefährdet die Freiheit in Deutschland? Die Rechten, die Cancel Culture?

Antwort: Ich möchte gar nicht sagen, aus welcher Ecke was am stärksten kommt. Wichtiger scheint mir, dass es uns immer weniger gelingt, miteinander den Diskurs zu leben. Wir hören nicht mehr zu, wir sind nicht mehr in der Leidenschaft für das Argument verbunden, sondern wir bekämpfen uns. Das ist falsch. Ich wünsche mir, dass wir zurückkommen zu einem Austausch, bei dem einen der bessere Gedanke auch das eigene Denken ändern lässt. Das ist inzwischen sehr eingeschränkt.

Frage: Das klingt ja fast nach Jürgen Habermas.

Antwort: Ich möchte mich da nicht vergleichen. Aber den Impuls von Habermas nehme ich gern auf. Darin sehe ich auch Aufgabe und Rolle der Buchmesse. Buchmesse ist jedes Jahr eine Agora, eine Begegnungsstätte. Früher fanden wir das selbstverständlich. Heute ist diese Rolle umso wichtiger. Darin hat die Buchmesse viel mehr als nur die Bedeutung eines Marktplatzes. 

Frage: Immer mehr Menschen haben ein Smartphone in der Hand, immer weniger ein Buch: Muss man sich um das Medium Buch Sorgen machen?

Antwort: Junge Menschen sehen das gar nicht als Entweder-oder. Nehmen Sie den Kulturpass. Die Hälfte der Ausgaben, die junge Menschen bisher getätigt haben, entfallen auf Bücher.

Frage: Aber Kulturstaatsministerin Claudia Roth hat ja auch digitale Angebote aus dem Kulturangebot herausgenommen, oder?

Antwort: Ja. Trotzdem, finde ich die Spitzenposition des Buches neben Kino oder Konzerten schon beachtlich. Nach meinen Beobachtungen sind junge Leute, die ChatGPT prompten, zur gleichen Zeit auch Leser*innen. Sie lassen sich ein auf Inhalte oder auf Romance. Ganz junge Menschen zeigen sich wieder überraschend stark begeistert für das Buch. Das hatte sich während der Pandemie bereits angedeutet.

Frage: Untersuchungen zur Leserforschung zeigen, dass literarisches Lesen abnimmt, das Gebrauchslesen zunimmt. Wird das einen Einfluss auf das Angebot der Buchverlage haben?

Antwort: Verlage haben seit jeher beides im Angebot: Poetisches, Literarisches, Fiktionales – aber auch Sachbücher, Fachbücher, Ratgeber. Das schließt sich überhaupt nicht aus und ergänzt sich ganz wunderbar. Die stärkste Sachgruppe der nachgefragten Bücher ist immer noch die fiktionale Literatur. Menschen tauchen gerne mit Büchern in fiktionale Welten ein. Aber auch nicht-fiktionale Literatur hat ihren Platz in den Buchhandlungen und Bücherregalen.

Frage: Die Buchbranche macht sich seit Jahren intensiv Gedanken über die Leseförderung. Die Möglichkeiten scheinen ausgeschöpft. Sehen Sie das auch so?

Antwort: Nein, ich glaube nicht. Leseförderung steht seit Jahren ganz oben auf unserer Agenda, zusammen mit der Branche schärfen wir immer wieder die Ansätze und Ideen. Aber das bleiben immer Einzelmaßnahmen, solange es keine bundesweite, übergreifende Strategie gibt. Leseförderung muss endlich auch zur Kernaufgabe der Politik werden. Lesekompetenz ermöglicht gesellschaftliche und wirtschaftliche Teilhabe. Wenn Schüler die Textaufgabe einer Mathematikaufgabe nicht verstehen, weil sie den Text nicht nachvollziehen können, dann werden auch ihre Ergebnisse falsch sein. Gemeinsam mit der Stiftung Lesen hat der Börsenverein den Nationalen Leseplan ins Leben gerufen. In vier Expert*innengruppen werden Vorschläge für ein Modell systematischer, bundesweiter Sprach-, Lese- und Literalitätsförderung entwickelt. Wir wollen einen Werkzeugkasten erstellen, der konkrete Maßnahmen ermöglicht.

Frage: Reagiert die Frankfurter Buchmesse mit Formaten wie dem Bookfest auf diese Thematik?

Antwort: In jedem Fall. Bücher müssen dorthin kommen, wo die Menschen sind - in die Stadtviertel und an belebte Orte. Ich freue mich, dass das in Frankfurt - oder etwa auch in Leipzig - zur Buchmesse so gut funktioniert. Die Ticketverkäufe für die Frankfurter Buchmesse liegen aktuell über dem Vorjahr. Das zeigt mir, dass Frankfurt und der Rhein-Main-Raum die Buchmesse als Fest teilen und feiern wollen. Jedes Event hilft dabei, mit der Leseförderung auch die Förderung von Literalität, Diskursfähigkeit und Empathie voranzubringen.

Frage: Die Gesellschaft wird bunter, diverser. Wie verändern sich damit Ihrer Einschätzung nach die Bedürfnisse und Wünsche des Lesepublikums?

Antwort: Ja, die Wünsche des Lesepublikums werden pluraler und bunter. Einer der drei Deutschen Verlagspreise 2023 ist an den Zuckersüß Verlag gegangen, der den Blick auf verschiedene Lebensformen und die Arbeit gegen Rollenklischees zu seinem Anliegen macht. Das ist kein Zufall. Gerade junge Menschen, junge Familien kaufen diese Bücher, um ihre Kinder für eine neue Gesellschaft zu erziehen. Das zeigt, dass wir als Verlagsbranche nah am Puls der gesellschaftlichen Entwicklungen sind. Bücher ermöglichen diese Entwicklungen überhaupt erst. Theodor Fontanes Roman „Effi Briest“ hat im 19. Jahrhundert viel bewirkt. Ein Buch aus dem Zuckersüß-Verlag bewirkt bei meinen Enkelkindern viel.

Frage: Sensitivity Reading prüft einen Text auf mögliche rassistische oder andere Stereotype. Die einen sehen darin einen wichtigen Beitrag zur Literatur, die anderen wittern Zensur. Wie sehen Sie das Sensitivity Reading?

Antwort: Ich sehe darin ein sehr gutes Angebot. Sensitivity Reading ist eben das – ein Angebot, kein Dogma. Jeder Verlag entscheidet das für sich selbst. Genauso wie der eine gendert, der nächste nicht. Natürlich gibt es zu diesem Thema auch kritische Stimmen. Manche sagen, dass sie sich bestimmte Worte nicht verbieten lassen wollen. Das Beispiel der Erben von Astrid Lindgren zeigt, dass man zu dem Schluss kommen kann, auch bestimmte Wörter in Kinderbuchklassikern zu ändern. Ich halte dabei nichts von Schwarzweiß-Denken. Man sollte diese Themen differenziert betrachten.

Frage: Wo liegt dann der Vorteil von Sensitivity Reading?

Antwort: Ich finde es gut, wenn Expert*innen darauf hinweisen, dass bestimmte Wörter und Wendungen in den Ohren bestimmter Menschen verletzend klingen können. Darin liegt ein wertvoller Hinweis. Ich kann mir dann überlegen, ob ich das heute so noch möchte. Darin liegt kein Verbot. Das Wissen des Sensitivity Reading wird bald in die Lektorate eingehen. Junge Lektor*innen werden diese Sichtweise automatisch mitbringen. Verlage können dann ihre Grenzen definieren und sagen, was in ihre Bücher hineinkommt und was nicht. Die Verlagsbranche hat dabei eine große Pluralität. Sensitivity Reading hat nichts mit dem Rotstift zu tun. Es wirkt eher wie eine Leitplanke. 

Frage: Welches neue Format auf der 75. Frankfurter Buchmesse ist Ihnen besonders wichtig?

Antwort: Ich freue mich sehr auf den Frankfurt Pavillion mit der politischen Bühne. Es gibt ihn schon einige Jahre, aber das Programm ist immer wieder aufs Neue relevant. Es ist wichtig, dass die Buchmesse immer politischer wird. Ich bin gespannt auf Diskussionen rund um Künstliche Intelligenz. Zugleich bin ich sicher, dass für das große Publikum das Areal Meet-the-Author in Halle 4.1 als Event sehr wichtig werden wird.

Frage: Wo ist Ihr Lieblingsplatz auf der Frankfurter Buchmesse?

Antwort: Mein großes Glück ist die Agora. Ich liebe es, aus den Hallen einmal kurz herauszugehen und die Menschen zu betrachten. Ich liebe den Ausdruck der Begeisterung, gerade bei den Familien. Ich liebe den Enthusiasmus der Besucher*innen und die Geduld der Kinder, die eine Stunde dort anstehen, wo ihre Lieblingsautorin signiert. Wenn ich das miterlebe, denke ich: Du bist in der richtigen Branche.

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