Arbeiten mit Behinderung  Mit Kaffee und Kuchen Menschen Perspektiven geben

Susanne Ullrich
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Von Susanne Ullrich
| 28.09.2023 14:12 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Neele-Marie rührt den Teig für einen Mandarinenkuchen an. Foto: Ullrich
Neele-Marie rührt den Teig für einen Mandarinenkuchen an. Foto: Ullrich
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Im „Huus bi d′ Pütt“ in Wittmund arbeiten Menschen mit Behinderungen. Das haben sie mit vielen ihrer Gäste gemein. Vorbeikommen darf allerdings jeder – der dem Konzept offen gegenüber ist.

Wittmund - Sorgfältig wiegt Neele-Marie jede einzelne Zutat ab. Sie will einen Mandarinenkuchen backen und hat bereits den Teig verrührt. Unter diesen hebt sie nun noch das Obst. Anschließend verteilt sie den Teig gleichmäßig auf dem Blech. „Den Teig hab ich allein gemacht“, erklärt sie nicht ohne Stolz. Bestimmt ergänzt sie: „Ich bin da sehr selbstständig.“ Die junge Frau ist Teil der Stammmannschaft der Freizeitstätte „Huus bi d′ Pütt“ in der Wittmunder Brückstraße. Sie besteht aus vier Beschäftigten der Burhafer Werkstatt der Werkstätten für behinderte Menschen (WfbM) Aurich-Wittmund gGmbH. Es sind Menschen mit geistigen Behinderungen, die aber größtenteils eigenständig ihre Aufgaben erledigen. Jürgen beispielsweise kauft mit Begeisterung selbstständig ein.

Was und warum

Darum geht es: Im Café der Lebenshilfe in Wittmund ist jeder willkommen. Das einzigartige Konzept des Hauses ist inklusiv und beherbergt zudem ein Pilotprojekt, wie es das sonst in der Region kein zweites Mal gibt.

Vor allem interessant für: menschlich und inklusiv Denkende

Deshalb berichten wir: Wer das erste Mal den Weg in dieses Café findet, wundert sich möglicherweise. Doch Kaffee, Kuchen und Herzlichkeit haben die Begegnungsstätte längst zu einem Geheimtipp unter Wittmundern gemacht.

Die Autorin erreichen Sie unter: s.ullrich@zgo.de

Auch Jan-Mareck, den die Besucher meist hinter der Kasse finden, gehört zu diesem Team. „Ich kassiere hier oder am Bumerang“, berichtet er. Das ist der Werkstattladen im Eingangsbereich, ehrenamtlich geleitet von Birgit Hullena. Dort gibt es einen Querschnitt der Arbeiten, die in deutschen Werkstätten hergestellt werden. Etwas abseits gibt es zudem einen speziellen Bereich für Rentner. Der ist in dieser Form einmalig im Norden. Es handelt sich um ein von der „Aktion Mensch“ gefördertes Pilotprojekt, in dem Rentner der Werkstätten nach ihrem Arbeitsleben eine Tagesstruktur und Gemeinschaft finden, die vielen sonst fehlen würde. Birgit Hardtke wirkt zufrieden, als sie sich an einem Tisch inmitten des großzügigen Gastraumes zurücklehnt und den Blick schweifen lässt.

„Alle sind willkommen“

Hardtke leitet die Begegnungsstätte der Lebenshilfe Wittmund, die eng mit den WfbM kooperiert, und ist darüber hinaus Vorstandsmitglied im Verein Lebenshilfe. „Es darf sich jeder ausprobieren, jeder bringt sich entsprechend seiner Fähigkeiten ein.“ Das Pütt-Team bedient die Gäste, serviert Kaffee, backt, kauft ein und kassiert das Geld. Jeder der vier hat seine Stärken. „Jeder ist individuell.“ Montags bis freitags von 10 bis 18 Uhr können hier Menschen mit und ohne Behinderung bei Kaffee, Kuchen, belegten Brötchen oder im Steinofen aufgebackener Pizza zusammenkommen. „Das ist halt mein Baby.Nur so kann man etwas ändern, etwas bewirken.“

Birgit Hardtke (von rechts), Birgit Hullena und Stefan Bollmann vor der Freizeitstätte „Huus bi d′ Pütt“ an der Wittmunder Brückstraße. Der ortsbildprägende Jan-Schüpp-Brunnen fungiert als Namensgeber. Foto: Ullrich
Birgit Hardtke (von rechts), Birgit Hullena und Stefan Bollmann vor der Freizeitstätte „Huus bi d′ Pütt“ an der Wittmunder Brückstraße. Der ortsbildprägende Jan-Schüpp-Brunnen fungiert als Namensgeber. Foto: Ullrich

Birgit Hardtke ist Mutter von drei Kindern. Ihre Älteste ist mittlerweile 28 Jahre alt. Bianka hat das Down-Syndrom. Ihre eigene familiäre Situation brachte die ehemalige Pharmareferentin auf die Idee, sich ehrenamtlich zu engagieren. Aus einmal in der Woche wurde schnell ein Vollzeitjob, wenn auch größtenteils ehrenamtlich. Mit der Freizeitstätte hat die Lebenshilfe 2009 einen Begegnungsort geschaffen, an dem unter anderem die Beschäftigten der Burhafer Werkstätten ihre Freizeit verbringen können. Verschiedene Gruppen treffen sich zum Beispiel zum gemeinsamen Musizieren. Auch das Café nutzen sie. Genau wie alle anderen Gäste: „Alle sind willkommen. Solange sie mit Behinderungen umgehen können.“ Die Begegnungsstätte ist damit Mittel zum Zweck und muss keinen Gewinn erwirtschaften.

Ein Haus, das sichtbar macht, was oft verborgen bleibt

Menschen mit Behinderungen erlebten es oft, angestarrt zu werden. In der Pütt ist das nicht so, versichert die Leiterin – und das wüssten viele zu schätzen. Das Haus baut Brücken: „Wir werden von den Wittmundern gut angenommen.“ Denn nicht zuletzt macht es auch einen Teil der Gesellschaft sichtbar, der meist unbeabsichtigt im Verborgenen bleibt: Menschen mit Behinderungen bleiben aufgrund ihrer Arbeit in Werkstätten und dem Leben in Familien und Wohngruppen oft unter sich und ihren Angehörigen. Darüber hinaus gibt das Café Menschen Arbeit. Es sind ausgelagerte Arbeitsplätze der Werkstatt. „Aus der Werkstatt raus – ins normale Leben.“ Mitten rein in die Gesellschaft. Denn nicht jeder Mensch mit einer Behinderung möchte oder muss zwangsweise in einer Werkstatt arbeiten. Einige fühlen sich außerhalb wohler.

Jan-Mareck zeigt das Bestellbrett, mit dem in der Pütt Bestellungen aufgenommen werden. Jeder Tisch ist farblich gekennzeichnet, die Getränke haben jeweils ein Symbol. Das ist auch in der Speisekarte so. Foto: Ullrich
Jan-Mareck zeigt das Bestellbrett, mit dem in der Pütt Bestellungen aufgenommen werden. Jeder Tisch ist farblich gekennzeichnet, die Getränke haben jeweils ein Symbol. Das ist auch in der Speisekarte so. Foto: Ullrich

Ergänzt wird das Team durch Angestellte wie Ramona. Sie hat im Gegensatz zur WfbM-Mannschaft einen Förderschulabschluss. Dennoch hätte sie aufgrund ihrer Einschränkungen niemals einen Job in einem regulären Gastronomiebetrieb bekommen, ist Hardtke sicher. Ihr Arbeitsplatz ist gefördert, um ihr die Teilhabe am Arbeitsmarkt zu ermöglichen. Leistungsdruck wie in anderen Jobs gibt es in der Pütt nicht. „Es geht ein bisschen ruhiger zu“, verrät sie mit einem Schmunzeln.

Aufgaben neu denken und anders lösen

Das Recht auf Arbeit ist ein Menschenrecht. Und doch bekommen nur wenige Menschen mit körperlicher oder geistiger Behinderung eine reguläre Chance: Auch wenn Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) sich dafür ausspricht, den Arbeitsmarkt inklusiver zu machen. Er will damit ein ungenutztes Potenzial von 166.000 Menschen gegen den Fachkräftemangel heben. Die Realität aber sieht anders aus, lautet das ernüchternde Urteil von Christina Haartje-Graalfs: „Nach der Schule ist die Inklusion zu Ende.“ In Jever hat der Verein für Inklusion „Menschenkinder“, in dem sie sich seit Jahren engagiert, darum einen Unverpackt-Laden aufgebaut, der Menschen mit Behinderungen Arbeitsplätze auf diesem ersten Arbeitsmarkt bietet.

Jürgen zeigt einen der Verkaufsschlager im Werkstattladen Bumerang: die Einkaufstasche mit der Wittmunder Skyline. Foto: Ullrich
Jürgen zeigt einen der Verkaufsschlager im Werkstattladen Bumerang: die Einkaufstasche mit der Wittmunder Skyline. Foto: Ullrich

In dem Laden finden sich einige Parallelen zu den Abläufen in Wittmund: Aufgaben müssen oft neu gedacht werden. Damit in der Pütt trotz der Einschränkungen der Mitarbeiter und auch Gäste alles reibungslos funktioniert, ist immer ein haupt- oder ehrenamtlicher Mitarbeiter in der Nähe. Stefan Bollmann ist einer der beiden Gruppenleiter und meist in der Küche zu finden. Weil der aber möglichst selten eingreifen möchte, gibt es feste Strukturen und Hilfsmittel wie beispielsweise Rezeptkarten für die Kuchen mit Bildern der einzelnen Zutaten. Die Tische haben nicht nur Nummern, sondern sind zusätzlich durch Farben gekennzeichnet und in der Speisekarte sind die Preise grafisch durch Münzen dargestellt.

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