Pragsdorf / Neubrandenburg  Im Fall Joel spricht der Chefermittler von „einzigartiger Brutalität und Grausamkeit“

Udo Roll
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Von Udo Roll
| 26.09.2023 18:32 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Chefermittler Olaf Hildebrandt auf der Pressekonferenz in Neubrandenburg. Foto: Jens Büttner
Chefermittler Olaf Hildebrandt auf der Pressekonferenz in Neubrandenburg. Foto: Jens Büttner
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Kriminalhauptkommissar Olaf Hildebrandt leitet die Ermittlungen in Pragsdorf. Am Dienstag erklärte der Chefermittler, wie der Fund eines Messers zum Wendepunkt im Fall Joel wurde und die Polizei zum 14-jährigen Tatverdächtigen führte.

Die unfassbare Gewalttat an dem kleinen Joel in Pragsdorf ist aufgeklärt. „Die Wahrscheinlichkeit ist sehr hoch, dass wir den Richtigen haben“, ist Chefermittler Olaf Hildebrandt am Dienstagnachmittag auf einer Pressekonferenz im Neubrandenburger Polizeipräsidium überzeugt.

Am Vormittag hat die Polizei in dem kleinen Dorf bei Neubrandenburg wegen des dringenden Verdachts auf Totschlag einen 14-Jährigen festgenommen. In der Nähe eines Bolzplatzes soll er den sechsjährigen Jungen am 14. September so schwer mit einem Messer attackiert haben, dass dieser an den Verletzungen starb.

Was für schreckliche Dinge sich an dem Tag in Pragsdorf abspielten, lässt sich schon an den wenigen Worten erahnen, die Hildebrandt zum möglichen Tatgeschehen verliert. Der Erste Kriminalhauptkommissar spricht von „einer derartigen Brutalität und Grausamkeit, die einzigartig ist“. Er holt einmal kurz Luft, präzisiert dann: Stumpfe und spitze Gewalt sei im Spiel gewesen. Näher ins Detail möchte der Chefermittler mit Rücksicht auf die Angehörigen aber nicht gehen.

Selbst erfahrene Ermittler wie Hildebrandt mit immerhin 33 Dienstjahren habe der Fall Joel tief betroffen gemacht, weiß Polizeipräsident Thomas Dabel. „Es war schwierig, die Emotionen in dem Fall außen vorzulassen“, gibt Hildebrandt Einblick in die Gefühlswelt der Kripo-Beamten. Die letzten zwölf Tage hätten sie nahezu durchgearbeitet. Die Erwartungshaltung in Pragsdorf an die Beamten sei groß gewesen.

Den 14-Jährigen hatten die Mordermittler, so schildert es Hildebrandt, schon kurz nach der Tat „im Blick gehabt“. Die Ermittlungen hatten ergeben, dass der Jugendliche die letzte Person war, die den kleinen Joel lebend gesehen hatte. Demnach war der Sechsjährige mit dem Tatverdächtigen und seinen beiden Geschwistern am 14. September auf dem Fußballplatz. Die Geschwister seien dann ohne ihren Bruder nach Hause gegangen, erläutert Hildebrandt.

Als Joel nicht zur vereinbarten Zeit heim kam, meldeten die Eltern ihn nach vergeblicher kurzer Suche als vermisst. Abends wurde er von Feuerwehrleuten mit schwersten Stichverletzungen in einer Hecke am Bolzplatz gefunden. Versuche, den Jungen wiederzubeleben, blieben erfolglos. „Der Fundort war wohl auch der Tatort“, sagt der Chefermittler.

Gegen den 14-Jährigen können die Ermittler zwar schon früh einen Durchsuchungsbefehl erwirken, in der Wohnung der Familie finden die Beamten aber weder die Tatwaffe noch andere relevante Beweismittel, beschreibt der Chefermittler.

Der Wendepunkt in dem Fall sei schließlich der Fund der Tatwaffe gewesen. An einem Messer, das die Polizei in einem Gebüsch findet, können Kriminaltechniker zunächst Fasern feststellen, die von Joels Kleidung stammen.

Eine direkte Spur zum mutmaßlichen Täter liefern dann die DNA-Untersuchungen. Am Griff des Messers wurden sogenannte Mischspuren gefunden, „genetische Elemente des Opfers und des Tatverdächtigen“, erklärt Staatsanwalt Tim Wischmann. Der 14-Jährige habe sich zudem verdächtig gemacht, weil er sich bei Befragungen in Widersprüche verstrickte, ergänzt Hildebrandt. Was die Ermittler an Spuren und Erkenntnissen zusammengetragen haben, reicht für einen Haftbefehl.

Warum der 14-Jährige den kleinen Joel tötete, darauf haben der erfahrene Mordermittler, der Staatsanwaltschaft und der Polizeipräsident am Dienstag noch keine Antwort. Nur soviel lässt der Chefermittler durchblicken: Der Junge sei im Ort bereits vorher durch aggressives Verhalten gegenüber Kindern aufgefallen. „Wir meinen, dass das im Zusammenhang steht“, erklärt der Kriminalhauptkommissar. Aber er wolle nicht weiter spekulieren.

„Vieles zu der Tat wissen wir noch nicht“, erläutert Staatsanwalt Wischmann. Zu den Hintergründen, weiteren Einzelheiten der Tat und zum Motiv werde weiter ermittelt. Der Tatverdächtige habe auf Anraten seines Anwaltes bislang keine Angaben gemacht. Er ist zur Untersuchungshaft in die Jugendhaftanstalt nach Neustrelitz überführt worden.

Der 14-Jährige soll laut Staatsanwaltschaft psychologisch begutachtet werden. Davon hänge auch ab, ob die Tat doch noch als Mord eingestuft werden muss.

Im Dorf Pragsdorf zeigt sich Bürgermeister Ralf Opitz am Dienstag froh über den Ermittlungserfolg. „Das ist erst mal eine Erleichterung für alle Bewohner, aber Fragen bleiben“, sagte er. Im Ort erinnern an zwei Stellen Trauerkerzen und Plüschtiere an den Getöteten.

Auch Ermittler Hildebrandt verspürt nach der Aufklärung des Falles „sehr große Erleichterung“. Man habe gespürt, wie groß die Erwartungshaltung im Dorf war.

Für die Polizei ist der Einsatz in Pragsdorf mit der Festnahme noch nicht zu Ende. „Wir werden verstärkt im Dorf präsent sein“, sagte Polizeipräsident Thomas Dabel. Man wolle zur Beruhigung beitragen. In einem kleinen Ort, in dem eine Familie ihren kleinen Sohn verloren hat und eine Familie erfahren hat, dass ihr junger Sohn ein Kind getötet haben soll.

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