Kolumne „Artikel 1, GG“ Geschmäcker ändern sich über die Jahre
Tattoos sind inzwischen weit verbreitet. Dennoch kann unsere Kolumnistin damit nichts anfangen, auch wenn die Tätowierungen sie als Kind faszinierten.
Im Alter wird man konservativer. So erklärte mir ein guter Freund meine Abneigung gegen Tätowierungen, neudeutsch Tattoos genannt. Dass Menschen konservativer werden, wenn sie in die Jahre kommen, will ich gar nicht infrage stellen. Zumal es dazu etliche Untersuchungen gibt. Ich bin mir aber nicht sicher, ob meine Einstellung gegen Tattoos damit zu tun hat, dass ich „in die Jahre komme“. Ganz, ganz früher, als ich ein Kind von neun oder zehn Jahren war, faszinierten mich die an den Armen tätowierten „Rocker“, die bei uns im Viertel auf dem Spielplatz ihre Zeit vertrieben. Damals stellte ich mir nicht die Frage, warum die Männer mit Lederwesten und Motorrädern tätowiert waren.
Warum sich erwachsene Menschen dieses oder jenes Muster oder Symbol auf die Haut stechen lassen, ist eine Frage, die mich sehr beschäftigt. Ich kann das nicht nachvollziehen, weil ich zu sehr von mir ausgehe und mir nie Farbe unter die Haut spritzen lassen würde. Schon gar nicht in dem Wissen, dass sie nicht mit der Zeit verblasst und schließlich ganz verschwindet, und weil ich weiß, dass sich mein Geschmack verändert.
Ich bin nicht jemand, die Wert darauf legt, was Mode und „angesagt“ ist, einen eigenen Geschmack habe ich aber trotzdem. Und der ist nicht konstant. Was ich vor 20 Jahren schön fand, finde ich heute hässlich. Was ich vor fünf Jahren angezogen hätte, würde ich nicht mehr tragen. Ich kenne mich und würde mich daher gar nicht in ein Tattoo-Studio begeben und mich für dieses oder jenes Motiv entscheiden.
Wenn ich all die tätowierten Frauen und Männer sehe, insbesondere all die, die nicht nur ein paar Tattoos haben, sondern auf vielen Flächen der Haut, dann bewundere ich sie zwar für ihren Mut. Innerlich schüttele ich aber den Kopf – auch über die Muster und Bilder und Zeichen, die einem auf der Haut zur Schau gestellt werden. Ich wünsche sodann all diesen Menschen, dass sie ihre Entscheidung nicht bedauern werden.
Kontakt: kolumne@zgo.de
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