Hamburg  Extremwetter-Experte Frank Böttcher: „Es wird noch schlimmer werden“

Markus Lorenz
|
Von Markus Lorenz
| 26.09.2023 14:16 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Frank Böttcher, Organisator des Extremwetter-Kongresses in Hamburg. Foto: Reimo Schaaf
Frank Böttcher, Organisator des Extremwetter-Kongresses in Hamburg. Foto: Reimo Schaaf
Artikel teilen:

Der Hamburger Wetterfachmann im Interview über die Ostsee als Mittelmeer, die fatalen Folgen höherer Wassertemperaturen und warum Hamburg nicht bleiben wird, wo es ist.

Verheerende Sturzfluten in Libyen und Griechenland, kanadische Wälder monatelang in Flammen, Rekordhitze in Europa im Juli: Extreme Wettereignisse und ihre Folgen bestimmen die Nachrichten. Fachleute sind sich weitgehend einig: Treiber der immer schlimmeren Unwetter ist der Klimawandel. Was können, was müssen wir tun? Beim Extremwetter-Kongress in Hamburg (27. bis 29. September) suchen hochkarätige Experten Antworten. Gastgeber Frank Böttcher warnt vor Illusionen.

Frage: Herr Böttcher, der Extremwetter-Kongress fällt in eine Zeit, in der wir fast wöchentlich von katastrophalen Überschwemmungen, Waldbränden und Hitzewellen in der Welt hören. Steht dahinter eine reale Zunahme oder nur eine gefühlte?

Antwort: Extremwetterereignisse nehmen schon seit längerem zu, das ist wissenschaftlich eindeutig. Zum Beispiel liegt in Hamburg die Zahl der Tage mit Niederschlägen von mehr als 15 Litern je Quadratmeter innerhalb der letzten 30 Jahre um 16 Prozent höher als in den 30 Jahren davor. Gleichzeitig hat die Zahl der trockenen Tage ohne Niederschlag ebenfalls zugenommen.

Frage: Was ist die Hauptursache?

Antwort: Durch Klimawandel und steigende Temperaturen verändern sich die physikalischen Grundlagen der Atmosphäre. Bei gleicher Wetterlage, aber um zwei Grad höheren Temperaturen, kann die Atmosphäre 14,5 Prozent mehr Feuchtigkeit aufnehmen. Und die kommt aus den Wolken irgendwann wieder raus.

Frage: Das heißt konkret?

Antwort: Höhere Temperaturen bedingen einen schnelleren Wasserkreislauf und höhere Verdunstungsraten. Wir haben in diesem Jahr in vielen Regionen unseres Planeten Rekordwerte gesprengt. Im Mittelmeer lagen die Wassertemperaturen an vielen Stellen um fünf bis sechs Grad über den normalen Werten. Das hat es noch nie gegeben und ist weit weg von jeder natürlichen Variabilität.

Frage: Welche Auswirkungen hat das aufs Wetter?

Antwort: Bei fünf Grad höherer Wassertemperatur steigt die Verdunstung um bis zu 45 Prozent. Genau das sorgt für verheerende Niederschläge. Diese zusätzlichen Mengen bergen für uns Menschen ein enormes Schadenpotenzial.

Frage: Überrascht Sie die Vehemenz und Menge solcher Wetterkatastrophen noch?

Antwort: Nein. Die Entwicklung entspricht genau dem, was die Klimaforschung seit 20 Jahren vorhersagt. So etwas passiert, wenn wir das Klima in dieser Art und Weise beeinflussen und die Temperaturen erhöhen. Wir sind jetzt bei 1,1 Grad globaler Erwärmung gegenüber der vorindustriellen Zeit. Und wir wissen inzwischen, dass wir die 1,5-Grad-Grenze in jedem Fall reißen werden. Das Pariser Rahmenabkommen ist faktisch gescheitert. Wir haben in den vergangenen 30 Jahren die Chance verpasst, das Klima für relativ wenig Geld zu stabilisieren.

Frage: Es wird noch schlimmer?

Antwort: Ja. Was wir jetzt an extremen Wetterereignissen beobachten, ist schon vor 20 Jahren durch die Emissionen von Kohlendioxid ausgelöst worden. Selbst wenn wir sofort aufhören würden, CO2 zu produzieren, würde die Erwärmung noch 20 Jahre voranschreiten. Aber nicht nur das: In der Folge weiter steigender Temperaturen tauen Permafrostböden auf, was wiederum Methan und andere Klimagase freisetzt. Deshalb werden wir mindestens noch 50 Jahre lang weitere Erwärmung erleben. Es ist nicht ausgeschlossen, dass die Wassertemperaturen im Roten Meer dann auf mehr als 42 Grad steigen. Das überlebt kaum ein Fisch und kaum ein anderes Meereslebewesen.

Frage: Und was heißt all das für Hamburg und Schleswig-Holstein?

Antwort: In Norddeutschland werden nicht so sehr die höheren Temperaturen oder die Stürme das Problem sein. Tatsächlich ist die Zahl der Sturmtage sogar zurückgegangen. Aber das ist keine Entwarnung. Denn wenn es zu schweren Sturmlagen kommt, können diese extremere Folgen haben als früher. Unsere große Achillesferse im Norden ist aber der Anstieg des Meeresspiegels.

Frage: Um wie viel höher steigt das Meer?

Antwort: Laut IPCC-Bericht im schlimmsten Fall um 1,70 Meter bis Ende des Jahrhunderts. Nehmen wir an, dass es nur ein Meter wird, heißt das immer noch: In Schleswig-Holstein müssen wir 15 Prozent der Landesfläche zusätzlich gegen das Meer verteidigen und neue Deichlinien schaffen. Dieser Anstieg kommt auf jeden Fall, die Frage ist nur, wie schnell es geht. Hamburg wird sich übrigens in 200 Jahren eher 30 Kilometer weiter nordöstlich befinden, weil das Stadtgebiet unter Wasser liegt.

Frage: Brauchen wir ein Sperrwerk in der Elbe?

Antwort: Das habe ich zehn Jahre lang propagiert und gesagt: 2050 müssen wir wissen, wo das Sperrwerk 2080 stehen soll. Inzwischen müssen wir uns aber fragen, ob wir diesen gigantischen Aufwand betreiben wollen für ein Sperrwerk, das irgendwann auch untergehen wird.

Frage: Wie verändern sich Klima und Wetter im Norden in den nächsten Jahrzehnten?

Antwort: Norddeutschland bewegt sich klimatologisch in Richtung Südeuropa. Wir werden am Ende des Jahrhunderts in einer Region leben, die mit dem heutigen Südfrankreich vergleichbar ist. Kiel wird 2071 so sein wie Bordeaux heute. Die gute Nachricht ist: Die Situation in Schleswig-Holstein ist besser als an vielen Stellen im Binnenland.

Frage: Warum?

Antwort: Wissenschaftliche Berechnungen zeigen: Bei einer globalen Erwärmung um vier Grad bis Ende des Jahrhunderts wird die Temperatur beispielsweise in der Region Köln an heißen Sommertagen um rund zehn Grad auf bis zu 47 Grad ansteigen. In Schleswig-Holstein beträgt dieser Anstieg fünf Grad. Die beiden Meere haben einen kühlenden Effekt.

Frage: Auch fünf Grad sind viel. Mit welchen Folgen?

Antwort: Die Ostsee wird sich in den nächsten 20 Jahren lang zu einer Art Mittelmeer entwickeln, aber danach wird es richtig schwierig. Wegen der hohen Temperaturen und der viel zu hohen Nährstoffbelastung wird die Ostsee häufig umkippen. Es wird mehr Blaualgen geben, bei starken Westwinden kommt öfter totes Wasser hoch. Dann ist es nicht mehr angenehm, dort zu schwimmen oder sich zu sonnen, weil es riecht.

Ähnliche Artikel