Hammerskin-Verbot Die Vernetzung der „Skinhead-Elite“ – warum auch NRW wichtig für Ostfriesland ist
In Niedersachsen und Bremen gab es keine Razzien bei Hammerskins. Für weitere Erkenntnisse ist man hier also auf die Ergebnisse aus anderen Bundesländern angewiesen. Aber die Spuren führen weiter.
Ostfriesland/Norddeutschland - Nach dem Verbot der Hammerskins Deutschland und den dazugehörigen Razzien in mehreren Bundesländern bleiben weiterhin viele Fragen offen.
Unter anderem: Was macht den Hammerskin aus Wetter an der Ruhr so wichtig, dass er Ziel der bundesweiten Razzien war? Was macht ein so wichtiger Hammerskin bei einem kleinen, chaotisch organisierten Konzert in der Krummhörn?
Die Hammerskins in NRW
Aus Behördenkreisen aus Nordrhein-Westfalen ist gegenüber dieser Zeitung zu hören, dass es sich bei den Zielpersonen der Razzien im Bundesland um vollwertige Hammerskin-Mitglieder und nicht um sogenannte Prospects gehandelt habe. In einem Artikel in der Westfälischen Rundschau berichten Nachbarn, dass es ein offenes Geheimnis sei, dass der Mann aus Wetter ein Neonazi ist. Auch von Besuchen anderer eindeutiger Neonazis im Wohnhaus ist dort die Rede.
Das Innenministerium Nordrhein-Westfalens gibt auf Anfrage dieser Zeitung eine Einschätzung der Szene im Nachbarbundesland. Diese umfasse eine fast zweistellige Zahl an Vollmitgliedern. „In Nordrhein-Westfalen waren die beiden Chapter Westfalen und Rheinland aktiv. Das Chapter Rheinland umfasste auch Personen aus Rheinland-Pfalz“, schreibt ein Sprecher. Mitglieder beider Chapter waren als Crew nachweislich in der Krummhörn aktiv, wie Recherchen dieser Zeitung sowie von Rechercheportalen gezeigt haben.
Bei den Durchsuchungen in Nordrhein-Westfalen seien „Vereins-Patches, Hakenkreuz- und Vereinsfahnen, Schlagringe, Elektroschocker, IT-Technik, über 1000 Musikdatenträger mit rechtsradikalem Liedgut und zahlreiche andere Gegenstände mit verbotenen rechtsradikalen Symbolen sowie Betäubungsmittel in geringer Menge“ gefunden worden, so der Sprecher.
Ostfriesland: Verbindungen zu Hammerskins und Neonazis
Durch die Durchsuchungen erhoffe man sich weitere Erkenntnisse zum Netzwerk der Hammerskins. Erkenntnisse, die auch für Niedersachsen von Bedeutung wären. Hier sowie in Bremen gab es keine Durchsuchungen. Dabei ist das Chapter Bremen der älteste Ableger der Hammerskin Nation in Deutschland, es existiert seit 1993. Jahrelang spielten die Mitglieder gerade im Bereich Rechtsrock eine wichtige Rolle, wie Exif-Recherche darlegt.
Auch gibt es nachweisliche Verbindungen von Bremer Hammerskins nach Nordrhein-Westfalen. Diese Verbindungen bildeten sich erstmals um das Jahr 2010 herum aus. Auch aus dem Raum Braunschweig gab es damals Anwärter auf eine Vollmitgliedschaft im Chapter. Darunter wiederum jemand, der Anfang August in der Krummhörn im Einsatz war: der jetzt im Landkreis Wolfenbüttel lebende „Chef“ des Konzert-Sicherheitsdienstes. Dieser ist laut eigenen Angaben vor Gericht aus dem Jahr 2019 kein Hammerskin mehr.
Während die anwesenden Personen auf dem Konzert in der Krummhörn schon weitreichende Verbindungen der hiesigen Organisatoren in die rechte Szene aufgezeigt haben, gehen die tatsächlichen Netzwerke deutlich darüber hinaus. Das zeigen weitere Recherchen dieser Zeitung. Nachweisbar sind beispielsweise zumindest persönliche Bekanntschaften der hiesigen Neonazis zu Gleichgesinnten, darunter mindestens ein Hammerskin, in den Niederlanden. Auch hier spielt Rechtsrock beziehungsweise rechtsextreme Musik wieder eine wichtige Rolle.
Die Hammerskins in Niedersachsen
Die Aktivitäten der Hammerskins in Niedersachsen (und Bremen) sind, auch wenn es hier keine Durchsuchungen gab, vorhanden. Auch unauffällig waren die Hammerskins hier nicht immer. 2013 wurde nach Hinweisen von Spaziergängern ein als „Familientreffen“ getarntes Hammerskin-Treffen in Werlaburgdorf von der Polizei aufgelöst. Damaliger Gastgeber: Der Sicherheitschef vom Konzert in der Krummhörn.
2020 gab es Durchsuchungen im Bereich Cuxhaven. Insgesamt 30 Beamte nahmen laut einem Bericht der Cuxhavener Nachrichten vier Objekte in Stadt und Landkreis unter die Lupe. „Diverse rechtsextremistische Ton- und Datenträger, Kleidungsstücke sowie weiteres Propagandamaterial seien sichergestellt worden“, heißt es weiter. Gegen vier Männer wurde demnach ermittelt. Zuletzt wurde im März dieses Jahres ein Hammerskin vom Amtsgericht in Cuxhaven zu einer Geldstrafe wegen Volksverhetzung und dem Verwenden von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen verurteilt. Das berichtet der NDR. Zudem gab es hier nachweisliche Verbindungen zwischen Hammerskins und Rockerclubs.
Rechte Umtriebe in und aus der Krummhörn
Der Organisatorenkreis des Konzerts selbst ist unterschiedlich „öffentlich“ aktiv. Belegbar ist beispielsweise für den aus der Krummhörn stammenden Organisator eine Teilnahme an einer Veranstaltung mit der verurteilten Holocaust-Leugnerin und Rechtsextremistin Ursula Haverbeck 2018 in Lingen. Mit dabei war auch der früher in Jemgum sitzende Chef von zwei rechtsextremen Versandhandeln.
Auch außerhalb des Konzerts gibt es immer wieder Vorfälle in der Krummhörn, die wahrscheinlich der rechten Szene zuzuordnen sind oder sich der gleichen Symbole bedienen. So wurde von der Polizei beispielsweise 2021 ein bemaltes Bettlaken zu einem 18. Geburtstag sichergestellt, auf dem „Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen“ verwendet wurden. Laut Staatsanwaltschaft Aurich wurde das Verfahren „gegen sämtliche Beschuldigte eingestellt“. Da es sich bei den Beschuldigten um vier Jugendliche gehandelt habe, könne man keine weiteren Angaben machen.
Im gleichen Jahr beschmierten Unbekannte Wahlplakate der Grünen in der Krummhörn mit Hakenkreuzen. Auch Plakate der CDU zur Landtagswahl wurden beschmiert. In einem Dorf in der Krummhörn wehte lange Zeit eine Schwarze Sonne, ein bei Rechtsextremen beliebtes Symbol. Die Flagge war in letzter Zeit aber nicht mehr zu sehen.
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