Nach Nazi-Konzert  Lohnunternehmen will nicht mit allen Journalisten sprechen

Nina Harms Claus Hock
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Von Nina Harms und Claus Hock
| 22.09.2023 09:09 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Anfang August fand ein von Neonazis organisiertes Konzert auf dem Gelände des Lohnunternehmens Voß in Canum in der Gemeinde Krummhörn statt. Die Juniorchefin will sich bis heute gegenüber dieser Zeitung nicht äußern. Foto: Hock
Anfang August fand ein von Neonazis organisiertes Konzert auf dem Gelände des Lohnunternehmens Voß in Canum in der Gemeinde Krummhörn statt. Die Juniorchefin will sich bis heute gegenüber dieser Zeitung nicht äußern. Foto: Hock
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Die Chefin des Krummhörner Lohnunternehmens hat sich in einem Interview geäußert – aber nicht dieser Zeitung gegenüber. Es bleiben weiterhin viele Fragen offen.

Krummhörn - Mehr als anderthalb Monate ist es her, dass die Diskussionen um ein von Neonazis organisiertes Konzert in der Krummhörn losgingen. Das Lohnunternehmen Friedrich Voß aus Canum, das seine Halle für das Konzert zur Verfügung stellte, reagierte seitdem nur auf eine Anfrage dieser Zeitung.

Was und warum

Darum geht es: Die Polizei und die Gemeinde Krummhörn haben das Lohnunternehmen Voß bereits deutlich vorher vor dem Konzert „Live in Krummhörn 2“ gewarnt als bislang bekannt.

Vor allem interessant für: diejenigen, die sich für eine bislang ausgebliebene Stellungnahme des Canumer Lohnunternehmens interessieren.

Deshalb berichten wir: Nachdem die NWZ ein Interview mit Maike Klaassen geführt hat, hat diese Zeitung erneut beim Unternehmen angefragt. Dieses Mal gab es eine Antwort, aber man wolle nicht mit allen Journalisten sprechen. Auch konkrete Nachfragen rein zum NWZ-Interview blieben unbeantwortet.

Den Autor erreichen Sie unter: c.hock@zgo.de

Nun hat die Juniorchefin des Unternehmens, Maike Klaassen, sich erstmals geäußert – gegenüber der Nordwest-Zeitung (NWZ). Anfragen dieser Zeitung blieben bis Dienstag unbeantwortet. Dann erfolgte eine telefonische Reaktion der Juniorchefin: Sie sei zu einem Interview bereit, aber nur, wenn der Journalist Claus Hock nicht daran teilnimmt. Das Angebot, dass besagter Journalist das Interview nicht allein führt, wurde ausgeschlagen.

Warum sind die Veranstalter gerade auf Klaassen zugekommen?

Telefonisch distanzierte sich Klaassen gegenüber der Emder Redaktionsleiterin Nina Harms von jeglicher Form von Extremismus. Auch gegenüber der NWZ äußerte Klaassen, dass man mit der rechten Szene nichts zu tun habe und rechtes Gedankengut „so gar nicht in unser Leben“ passe. Man habe damit gerechnet, dass sich die Wogen rund um das Konzert schnell wieder glätten und auf den „Rückhalt der Leute“ gehofft. „Nach dem Motto: Wer sich verteidigt, klagt sich an. Im Nachhinein war das sicher blauäugig.“

Nach dem Interview in der Nordwest-Zeitung bleiben allerdings viele Fragen offen. So sagt Klaassen, dass die Veranstalter auf sie zugekommen seien. Wie genau sich das abgespielt und entwickelt hat, bleibt weiterhin unklar. Weiter sagt Klaassen, dass „wir hier keine Musiker haben wollen, die in der rechten Szene aktiv sind“. Daraufhin sei ihr eine andere Onkelz-Coverband präsentiert worden.

Getäuscht und dennoch nicht abgesagt?

Wie bereits vor dem Konzert von Experten vermutet, hatte es sich dabei um eine Täuschung gehandelt. Klaassen sei nicht bewusst gewesen, dass sowas in der rechten Szene üblich ist. Das habe sie erst aus der Zeitung erfahren. „Letztlich haben sie aber nur ein Bandmitglied weggelassen und dem Kind einen neuen Namen gegeben“, musste dann auch die Juniorchefin feststellen. Warum sie das Konzert an dem Abend dann nicht aufgrund der Täuschung unterbunden hat: unklar.

In die Organisation sei das Lohnunternehmen nicht eingebunden gewesen. Man habe nur den Veranstaltungsort gestellt und Karten verkauft. Auch wenn es im NWZ-Interview anders klingt: Auch im vergangenen Jahr hatte das Lohnunternehmen, nachdem die Karten zunächst nur über das Internet verkauft wurden, Restkarten über das eigene Büro verkauft.

Gemeinde warnte schon Anfang Juli vor dem Konzert

Anders als 2022, als die erste Auflage von „Live in Krummhörn“ nahezu unbemerkt über die Bühne lief, habe man dieses Jahr Miete für die Halle genommen. Das vergangene Jahr sei „ein Probelauf“ gewesen. „Dieses Mal wurde dann ganz normal dafür abgerechnet.“ Man habe es „eigentlich positiv gesehen“, dass eine Party veranstaltet werde. „Das ist aber nach hinten losgegangen.“

Im weiteren Verlauf spricht Klaassen auch über die Verwaltung der Gemeinde Krummhörn. Man habe sich alleingelassen gefühlt. „Der Gemeinde war bekannt, dass die Veranstalter aus der rechten Szene kommen. Wir wussten das zunächst nicht“, sagt Klaassen. Auf Anfrage dieser Zeitung äußert sich Krummhörns Bürgermeisterin Hilke Looden (parteilos) zu diesen Vorwürfen. „Von Seiten der Gemeinde wurde, zusammen mit der Polizei im Vorfeld, Anfang Juli, das Gespräch mit Familie Voß/Klaassen gesucht und nachdrücklich darauf hingewiesen, welche negativen Folgen durch die Vermietung der Halle für das rechtslastige Konzert am 5. August für die Firma voraussichtlich eintreten würden.“ Anfang Juli, das ist deutlich vor den ersten öffentlichen Berichten über die angekündigte, aus Neonazis bestehende Onkelz-Coverband „Gehasst, verdammt, vergöttert. Und noch deutlicher vor dem Bericht dieser Zeitung, der erstmals die weiteren Verstrickungen der Organisatoren in die rechte Szene offenlegte.

Mehrere Aufträge für das Unternehmen betroffen

Looden bestätigte auf erneute Nachfrage, dass das Gespräch bereits Anfang Juli stattgefunden habe. Eine Information noch weiter im Vorfeld, „also schon in oder gar vor der Planungsphase, war von unserer Seite leider nicht möglich, weil wir diese Kenntnisse zu dem Zeitpunkt ebenfalls noch nicht hatten“.

Dennoch hatte das Lohnunternehmen Voß deutlich mehr Zeit, auf die Umstände zu reagieren, als bislang angenommen. Auch wurde die Firma von mehreren Seiten vor möglichen Folgen gewarnt. Mögliche Folgen, die auch eingetreten sind: Das Lohnunternehmen hat einen großen Auftrag als Subunternehmen am Bundeswehr-Flugplatz Wittmundhafen verloren. Aber das ist wohl nicht alles: „Es sind auch noch weitere Aufträge betroffen“, so Klaassen.

Klaassen erteilt Fortsetzung Absage

Die Behörden sahen keine Möglichkeit, das Konzert abzusagen. Dies sei der Firma Klaassen ebenfalls bereits Anfang Juli erklärt worden, so Looden auf Nachfrage. Das Konzert aus eigener Kraft absagen? „Wir hatten einen gültigen Vertrag mit den Veranstaltern geschlossen – heute würde ich über diese Vertragsstrafe lachen“, sagt Klaassen gegenüber der NWZ. Ob es diesen Vertrag tatsächlich mit formulierter Vertragsstrafe gegeben hat, ist bislang nicht nachvollziehbar. Auch wie hoch die Vertragsstrafe denn gewesen wäre – vor allem nachdem von drei angekündigten Bands nur eine übriggeblieben ist und das Unternehmen bei der letzten Band getäuscht wurde – bleibt völlig offen.

Klaassen bereue es, dass das Konzert auf dem Gelände ihres Unternehmens stattgefunden hat. „Fest steht, dass es definitiv keine weitere Ausgabe dieser Veranstaltung mehr geben wird.“ Bürgermeisterin Looden dazu auf Nachfrage dieser Zeitung: „Ich begrüße sehr, dass Frau Klaassen nun deutlich erklärt hat, dass es ‚definitiv keine weitere Ausgabe der Veranstaltung geben wird.‘ Wir werden zur Aufarbeitung und zum Abschluss des ganzen Vorganges, auch nochmal das Gespräch mit ihr suchen.“

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