Fockenbollwerkstraße Verzweiflung über Großbaustelle in Aurich
Gewerbetreibende an der Fockenbollwerkstraße in Aurich sind verzweifelt. Seit 15 Monaten haben sie eine Großbaustelle vor der Tür. Ein Verkehrsexperiment soll ihnen nun Hoffnung machen.
Aurich - Seit mehr als 15 Monaten ist die Fockenbollwerkstraße in Aurich eine Großbaustelle. Die rund 600 Meter lange Straße, eine der meistgenutzten in der Stadt, wird ober- und unterirdisch erneuert und umgestaltet: Fahrbahn, Rad- und Gehwege, Parkstreifen, Regenwasserkanal. Außerdem ist aus dem Knotenpunkt am östlichen Ende (Richtung Krankenhaus) ein Kreisverkehr geworden. Für Radfahrer und Fußgänger bleibt die Straße während der Bauarbeiten geöffnet, Autos können sie nur in Richtung Innenstadt befahren.
Erst Mitte 2024 werden die Arbeiten beendet sein. Gewerbetreibende gehen schon jetzt auf dem Zahnfleisch. Erst die Corona-Krise, jetzt die Baustelle vor der Tür: Das bringt so manchen Betrieb an die Grenze der finanziellen Belastbarkeit. Nun macht die Landesbehörde für Straßenbau und Verkehr ihnen zumindest etwas Hoffnung: Kurz vor Weihnachten werden die Arbeiten am ersten Abschnitt abgeschlossen sein. Dann will die Behörde einen Teil der Fockenbollwerkstraße wieder in beide Richtungen freigeben. Das teilte Behördenleiter Frank Buchholz am Dienstagabend im Ratssaal mit. Bürgermeister Horst Feddermann (parteilos) hatte Vertreter der Landesbehörde und Gewerbetreibende zum Informationsaustausch an einen Tisch geholt.
Was ändert sich Mitte Dezember?
Bis dahin wird der erste Bauabschnitt (bis zur Einmündung Schmiedestraße, kurz hinter dem Biomarkt Baier) fertiggestellt sein. Um den Gewerbetreibenden das Leben zu erleichtern, will die Landesbehörde dann versuchsweise wieder Autoverkehr in beide Richtungen zulassen, allerdings nur für Anlieger. Für den Durchgangsverkehr in Richtung Egels/Wallinghausen bleibt die Straße gesperrt. Auch der Schwerlastverkehr bleibt außen vor. Daher bleibt die Linksabbiegespur von der Großen Mühlenwallstraße (B 72) gesperrt. Nur Geradeausfahrer vom Fischteichweg und Rechtsabbieger von der Leerer Landstraße dürfen in die Fockenbollwerkstraße fahren. Das Ganze ist als Experiment gedacht, wie Buchholz betonte. „Falls Probleme festgestellt werden, müsste man davon wieder Abstand nehmen.“ Der Behördenleiter zeigte sich offen für einen Gegenvorschlag: den zusätzlichen Fahrstreifen vorübergehend als Parkplatz zu nutzen. Wenn dies von den Kaufleuten einhellig gewünscht werde, könne man das prüfen, so Buchholz.
Wie ist die wirtschaftliche Lage der Gewerbetreibenden?
Thomas Baier vom gleichnamigen Biomarkt hat nach eigenen Angaben 30 Prozent seiner Kunden verloren. Es fehle der Durchgangsverkehr. Er und seine Kunden müssten mit Dreck, Gestank und Lärm leben. „Ich kann mich Gott sei Dank auf meine Stammkunden verlassen.“ Laufkundschaft fehle komplett. Er sei über 60 und würde sich gerne in ein paar Jahren zur Ruhe setzen. „Das ist alles aufgezehrt.“ Stattdessen müsse er bei der Bank um eine Erhöhung seines Kreditrahmens bitten. Diese Situation könne er nicht weitere neun Monate durchhalten. „Ich brauche das Weihnachtsgeschäft dringend, um weiterleben zu können“, sagte Baier. „Die meisten Firmen stehen mit dem Rücken zur Wand“, sagte der Zahnarzt Dr. Rainer Janssen.
Werden die Geschäfte von der Außenwelt abgeschnitten?
Nein. „Sie werden dauerhaft erreichbar sein“, versicherte Behördenleiter Buchholz. „Wir werden Sie nicht abhängen durch die Maßnahmen.“ Bei den Kunden bleibe dennoch der Eindruck, dass die Geschäfte nicht erreichbar seien, gab Baier zu bedenken. Die Bauarbeiten wirkten abschreckend auf Kunden. „Die Leute werden vermeiden, diesen Bereich zu befahren.“
Warum dauern die Arbeiten so lange?
Gewerbetreibende haben den Eindruck, dass es mit den Bauarbeiten nicht schnell genug vorangeht. „Man kommt morgens an und keiner ist da“, sagte Zahnarzt Janssen. „Wenn ich von der Arbeit nach Hause gehe, sind alle zu Hause. Ich arbeite doppelt so viel wie die Bauarbeiter. Man hätte die Straße gefühlt in einem halben Jahr fertig haben können. Die Baustelle ist eine Katastrophe. Es funktioniert nichts.“ Auch Baier hat den Eindruck, dass sich auf der Baustelle häufig nichts tut. Ein anderer Gewerbetreibender sagte: „Es ist kein Fortschritt zu sehen. Ihr seid auf einem guten Weg, viele Gewerbetreibende in Aurich in die Knie zu zwingen.“ Buchholz zeigte sich verständnisvoll, widersprach aber: „Dass man als Betroffener das Gefühl haben kann, dass zu wenig gearbeitet wird, das kann ich durchaus nachempfinden. Wenn man sich die Fakten anschaut, ist das nicht der Fall.“ Auf der Baustelle könne nicht überall gleichzeitig gearbeitet werden. Die Kanalbauarbeiten liefen sogar zügiger als gedacht. Fehler passierten, räumte Buchhholz ein, aber: „Es läuft besser, als Sie es wahrhaben wollen.“
Warum wird nicht im Schichtbetrieb gearbeitet?
Das hat laut Buchholz mehrere Gründe: Schichtbetrieb wird vom Land nicht finanziert. Die Baufirmen haben nicht genug Personal. „Auch eine Firma Strabag, die als multinationaler Konzern auf der Welt unterwegs ist, hat hier vor Ort nicht genug Manpower, um in den Schichtbetrieb einzusteigen.“ Forscher seien zu dem Ergebnis gekommen, dass eine zweite Kolonne die Leistungen nicht verdoppeln, sondern nur um 60 Prozent erhöhen würde, so Buchholz. Auch der Lärmschutz stehe dem Schichtbetrieb im Wege. „Abends, wenn die Kinder ins Bett gebracht werden, darf der Rüttler nicht mehr laufen. Man darf auch nicht mehr mit Walzen arbeiten.“Vollsperrung für Kreisverkehr an Fockenbollwerkstraße
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Haben die Gewerbetreibenden Anspruch auf Schadenersatz?
Buchholz verneinte das. „Wir wissen, dass wir Ihnen derzeit sehr viel zumuten“, sagte er. „Wir haben Verständnis für Ihre Belange. Wir sehen die erheblichen Beeinträchtigungen.“ Andererseits verbessere sich die Lage ja durch die Erneuerung der Straße. „Ich hoffe, dass wir danach für Jahrzehnte Ruhe haben.“ Der steinige Weg dorthin müsse von den Eigentümern hingenommen werden. „Eigentum verpflichtet.“
Der Behördenleiter bedankte sich bei den rund 20 Gewerbetreibenden im Ratssaal für die ruhig und sachlich vorgetragene Kritik: „A la bonheur! Das beeindruckt mich zutiefst.“ Auch Thomas Baier sagte zum Abschied Versöhnliches: „Ich gehe davon aus, dass die Straße richtig schick wird. Wenn es so weit ist, möchte ich, dass wir daraus ein Fest machen.“ Das wäre nach jetziger Planung im Sommer 2024.