Osnabrück  Nagelsmann zum DFB? Eine Wahl mit viel Risiko

Jacob Alschner
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Von Jacob Alschner
| 19.09.2023 18:10 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Frankfurt, Deutschland 18. September 2023: Fussball, Herren, Saison 2023/2024, Deutscher Fussball Bund, DFB ! Achtung Mo Foto: www.imago-images.de
Frankfurt, Deutschland 18. September 2023: Fussball, Herren, Saison 2023/2024, Deutscher Fussball Bund, DFB ! Achtung Mo Foto: www.imago-images.de
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Die Zeichen verdichten sich, dass der Deutsche Fußball-Bund (DFB) Julian Nagelsmann als neuen Nationaltrainer für die Zeit bis nach der EM 2024 verpflichtet. Eine Nachfolgelösung für Hansi Flick, die naheliegend wäre als Ex-Trainer des FC Bayern München. Aber auch eine, mit der der DFB ein hohes Risiko einginge, findet Kommentator Jacob Alschner.

Nun also doch. Nach Lage der Dinge wird Julian Nagelsmann die deutsche Fußballnationalmannschaft als Bundestrainer bei der Heim-EM 2024 betreuen. Zuletzt haperte es am Geld; Nagelsmann wollte ungern auf einen Teil der etwa sieben Millionen Euro Gehalt verzichten, die er mit seinem Vertrag beim FC Bayern jährlich noch bezieht. Inzwischen aber konnte man sich einigen, weil Nagelsmann im neuen Job „nur“ 400.000 Euro pro Monat verdient. Der DFB bekäme mit Nagelsmann einen Trainer, der fachlich - das steht außer Frage - mindestens hinreichend qualifiziert wäre. Und dennoch einen, mit dessen Anstellung der DFB ein hohes Risiko einginge.

Die Begeisterung für die Interimslösung Rudi Völler beim 2:1-Sieg gegen Frankreich stellte die Sehnsucht nach Aura und Emotion unter Beweis, die nach der Klinsi-Oli-Jogi-Hansi-Zeit rund um die Nationalmannschaft vorherrscht. Spieler und Fans wirkten gleichermaßen befreit durch den Mythos Völler, den Weltmeister von 1990, den Vize-Weltmeistertrainer von 2002. Beinahe das ganze Land bedauerte, dass Völler schnell ausschloss, weiter als Bundestrainer zur Verfügung zu stehen. Dabei hätte es mit Hinblick auf die EM 2024 genau seines Typs bedurft: einer, der nach jahrelang größer werdender Distanz zwischen Nationalteam und Fans weiter emotionale Aufbauarbeit leisten kann. Aufbruchsstimmung erzeugen. Es ist schließlich ein Turnier im eigenen Land.

Nagelsmann wäre zumindest den Beweis dieser Fähigkeit vorerst schuldig. Schon hierin bestünde ein Risiko. Er polarisiert, nach eindreiviertel Jahren Amtszeit beim FCB sind selbst Bayern-Fans zwiegespalten in ihrer Meinung zum Meister-Trainer von 2021. Wie sollten da erst 80 Millionen Bundestrainer über ihn befinden?

Nagelsmann fiel in München durch seine überaus saloppe Art auf Pressekonferenzen auf, seinen extravaganten Kleidungsstil, seine Harley, auf der er an der Säbener Straße aufkreuzte oder sein elektrisch betriebenes Longboard, mit dem er zwischen den Plätzen umher cruiste. Nicht jedem im Vereinsumfeld der Bayern gefielen die öffentlichen Auftritte Nagelsmanns mit - oberflächlich betrachtet - zeitweise als ausbaufähig wahrgenommenem Fokus auf das Kerngeschäft: Fußball.

Gleichzeitig, das ist das Paradoxe, neigt Nagelsmann dazu, seinen Spielern ein enges Taktik-Korsett anzulegen. Er gilt als detailversessener Arbeiter, der in Hoffenheim, Leipzig und München zweifellos Erfolg hatte. Aber eben auch Zeit in der tagtäglichen Arbeit als Vereinstrainer, die er als Bundestrainer nicht hätte. In den neun Monaten bis zur EM 2024 verblieben dem Trainer und seinen Spielern nur wenige Wochen für gemeinsames Training. Ausgiebiges Feilen am Spielstil wäre da kaum möglich. Die Frage, die sich stellte: Funktioniert Nagelsmann auch als Trainer mit nur begrenztem Einfluss auf seine Spieler?

Das weiß bisher niemand. Auch nicht der DFB. Aber er wäre verantwortlich für die Personalie Nagelsmann, ist es für die EM im eigenen Land. Und dafür, dass sie gelingt. Mit Nagelsmann?

Weiterlesen: Offiziell: Julian Nagelsmann wird neuer Bundestrainer – Vertrag bis nach der Heim-EM 2024

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