Gutachter benennt Bedarf  Wiesmoor steht ein millionenteurer Feuerwehr-Neubau bevor

Ole Cordsen
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Von Ole Cordsen
| 21.09.2023 08:03 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
1980 wurde die Fahrzeughalle der Feuerwehr in Wiesmoor-Mitte gebaut.
1980 wurde die Fahrzeughalle der Feuerwehr in Wiesmoor-Mitte gebaut.
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Gute vier Jahrzehnte haben die Gebäude der Feuerwehr in Wiesmoor-Mitte auf dem Buckel. Sie müssen auf Sicht saniert oder neu gebaut werden. Das wird ein finanzieller Kraftakt für die klamme Stadt.

Wiesmoor - Knappe 100 Mal ist die Freiwillige Feuerwehr in Wiesmoor in diesem Jahr zu Einsätzen ausgerückt, 190 Mal im vorigen Jahr. Die Helfer in der Not löschen Brände, retten in den Kanal gerutschte Autos, zu verenden drohende Tiere, binden ausgelaufenes Öl auf Fahrbahnen ab, haben in diesem Jahr auch einen unter einem Holzstapel verschütteten Mann befreit. Allerdings kommt das Domizil der Feuerwehrleute im Ortseingang zwischen dem Stadion des VfB Germania Wiesmoor und dem Bauunternehmen Bohlen & Doyen allmählich in die Jahre. 1980 ist die Fahrzeughalle errichtet worden, die in Corona-Zeiten sogar als weitläufiger Stadtrats-Ausweich-Tagungsort genutzt wurde. 1982 ist das Mannschaftshaus hinzugekommen. Beide Gebäude werden insofern aber schon seit mehr als vier Jahrzehnten genutzt. Während die Stadt den Fuhrpark über die Jahre immer wieder modernisiert hat, zeichnet sich ab, dass auf Sicht auch bei deren Unterbringung und bei den Räumen für die Helfer etwas getan werden muss. Konkreter gesagt: Die Stadt Wiesmoor muss sich mit einem Neubau oder einer Modernisierung des Feuerwehrgebäudes befassen – auch um den gesteigerten Anforderungen der Feuerwehr-Unfallkasse gerecht zu werden. „Wir müssen uns da Gedanken machen. Klar ist aber auch jetzt schon, dass das für uns zu einer großen finanziellen Herausforderung wird – auch wenn wir uns der selbstverständlich stellen“, sagt Bürgermeister Sven Lübbers (parteilos).

Neue Anfordernisse an Feuerwehr-Gebäude sind nicht zuletzt sogenannte Schwarz-Weiß-Bereiche. Dabei geht es darum, dass mit Rauch und eventuell weiteren Schadstoffen belastete Einsatzkleidung nicht mit den Freizeit-Klamotten in Kontakt kommt, dass es Möglichkeiten gibt, Stiefel und Einsatzkleidung zu reinigen – um die Einsatzkräfte gesundheitlich bestmöglich zu schonen. „Auch größere Sanitärbereiche, als sie früher üblich waren, und ausreichend groß dimensionierte und gut ausgestattete Schulungsräume sind ebenfalls ein Thema“, sagt Lübbers.

Das Mannschaftshaus neben der Fahrzeughalle ist 1982 errichtet worden.
Das Mannschaftshaus neben der Fahrzeughalle ist 1982 errichtet worden.

Erhebliche Millionenkosten zu erwarten

Da es noch keine konkreten Planungen gibt, geschweige denn Entscheidungen dazu, ob neu gebaut oder im Bestand saniert werden soll, gibt es auch bislang keine belastbaren Schätzungen dafür, mit welchen Kosten die Stadt zu rechnen hat. „Zum jetzigen Zeitpunkt wäre es viel zu früh, dazu etwas zu sagen“, bittet Lübbers um Verständnis für Zurückhaltung.

Doch blicken wir ein paar Kilometer nordwestlich: In Aurich-Oldendorf baut die Gemeinde Großefehn gerade ein neues Gebäude für ihre neu gebildete etwa 40 aktive Mitglieder umfassende Feuerwehr Großefehn-Zentrum und zahlt dafür etwa knapp 2,6 Millionen Euro. „Wir gehen davon aus, dass wir den Kostenrahmen einhalten können und liegen knapp unter der Schätzung“, sagt der dortige Erste Gemeinderat und zuständige Fachbereichsleiter im Fehntjer Bürgerhaus, Frank Cramer. Die Halle dort wird vier Tore für die Unterbringung von Fahrzeugen bekommen, während in Wiesmoor-Mitte sogar um die zehn Gefährte unterzubringen wären. Während die Gemeinde Großefehn ihre Wehren vergleichsweise dezentral an acht Standorten im 127 Quadratkilometer großen Gemeindegebiet verteilt hat, rücken die Wiesmoorer Kameraden zentralisierter aus in ihr 82 Quadratkilometer großes Stadtgebiet: von der großen Hauptwache aus – und vom kleinen Satelliten-Standort in Marcardsmoor. Entsprechend größer müsste die neue Schwerpunkt-Wehr in Wiesmoor-Mitte ausfallen, auch weil es in Wiesmoor aktuell 111 aktive Mitglieder sowie 35 Mitglieder der Jugendfeuerwehr gibt. „Wir sind eine wachsende Stadt, auch die Freiwillige Feuerwehr ist gewachsen, darauf müssen wir ebenfalls reagieren“, sagt Lübbers. „Deshalb sollten wir einen möglichen Neubau direkt für 150 Einsatzkräfte auslegen.“ Um ein entsprechend Vielfaches teurer dürfte dieses größer dimensionierte Gebäude in Wiesmoor werden – was durchaus ein finanzieller Kraftakt wird für die klamme Blumenstadt. Denn schon der aktuelle Haushalt, in den eine Teilsumme der geschätzte 2,5 bis drei Millionen Euro teuren Hallenbad-Sanierung einen großen Investitionsbatzen bildet, wäre um etwa vier Millionen Euro unterdeckt gewesen, wenn die Stadt ihn nicht durch außerplanmäßige Einmal-Einnahmen durch Grundstücksverkäufe hätte ausgleichen können.

Grundsätzlich ist die Freiwillige Feuerwehr in Wiesmoor laut einem Gutachten gut aufgestellt, die Gebäude in der Stadtmitte sind dennoch in die Jahre gekommen. Fotos: Cordsen
Grundsätzlich ist die Freiwillige Feuerwehr in Wiesmoor laut einem Gutachten gut aufgestellt, die Gebäude in der Stadtmitte sind dennoch in die Jahre gekommen. Fotos: Cordsen

Gutachter sieht gute Wehr, aber Handlungsbedarf

Grundlage für die aktuell in Gang gekommenen Überlegungen in Wiesmoor ist der Feuerwehr-Bedarfsplan. Er beschreibt den Ist-Zustand, ist aber auch Hausaufgabenheft für die Kommune: Was muss sie unternehmen, um ihrer Pflichtaufgabe Brandschutz gerecht zu werden? Den Bedarfsplan, den der Stadtrat in seiner jüngsten Sitzung beschlossen hat, hat das auf solche Untersuchungen spezialisierte Planungs- und Ingenieurbüro der nicht polizeilichen Gefahrenabwehr, Forplan aus Bonn, erstellt. Dafür hat sich Brandschutz-Gutachter Patrik Habeth die Situation vor Ort genau angesehen. „Grundsätzlich ist dabei herausgekommen, dass wir eine sehr gut aufgestellte und motivierte Truppe haben, dass wir in Wiesmoor-Mitte von der Einsatzbereitschaft sehr gut aufgestellt sind, dass auch der Fuhrpark in sehr gutem Zustand ist“, sagt Lübbers. „Ebenfalls hat das Gutachten belegt, dass wir keine dritte Wache im Süden der Stadt benötigen – was als Frage in Teilen der Politik aufgekommen war. Was sich gezeigt hat, ist, dass die Einsatzbereitschaft tagsüber in Marcardsmoor aktuell eingeschränkt ist: Früher gab es dort viel Landwirtschaft, die Feuerwehr-Mitglieder waren vor Ort. Heute pendeln viele Marcardsmoorer zu ihren Arbeitgebern in andere Orte. Da haben wir jetzt schon reagiert, so dass Teile der Feuerwehr in Wiesmoor-Mitte tagsüber zusätzlich alarmiert werden und im Ernstfall dort auf dem Fahrzeug mit zum Einsatz fahren.“

Habeth als Gutachter habe sich ebenfalls klar für einen Neubau der Schwerpunktwehr in Wiesmoor-Mitte ausgesprochen. „Eine Sanierung würde im Zweifel auch nur geringfügig günstiger“, sagt der Bürgermeister. „Wenn es aber ein Neubau werden sollte, ist auch eine Frage: Wo könnte der entstehen? Der jetzige Standort ist gut, aber die Einsatzfähigkeit muss ja gewahrt bleiben. Wo also könnten wir in der Nähe ein geeignetes Grundstück bekommen?“ Um solche Fragen zu klären und im Sinne von Feuerwehr und Brandschutz die weiteren Planungen auf den Weg zu bringen, „werden wir uns jetzt zeitnah einen politischen Auftrag abholen und uns auf den Weg machen“, sagt Lübbers. Auf einen Weg, an dessen Ende sehr wahrscheinlich eine ebenso sinnvolle wie finanziell schwierig zu stemmende Millionen-Investition stehen wird.

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