Stockholm Einst digitaler Vorreiter: Warum Schweden wieder auf Schulbücher aus Papier setzt
Schweden hat digitale Medien in den Schulen stets stark gefördert. Jetzt kommen aber die Schulbücher zurück. Die Regierung sieht in den digitalen Medien die Gefahr, die Lernkompetenzen der Schüler zu senken.
„Wir stehen heutzutage vor einer Lesekrise und es ist höchste Zeit diese beunruhigende Entwicklung zu stoppen“, konstatiert Schwedens Schulministerin Lotta Edholm. Die Gegenmaßnahmen mögen jedoch überraschen: Schweden, eigentlich ein Vorreiter der Digitalisierung, will diese in den Schulen zurückfahren und wieder auf Bücher aus Papier sowie auf das Schreiben jenseits der Tastatur setzen.
Allein eine halbe Milliarde Schwedischer Kronen, umgerechnet etwa 41 Millionen Euro, sollen jährlich für die Anschaffungen von Schulbüchern aufgewendet werden; für den Ausbau der Schulbibliotheken soll ein zusätzlicher Etat erstellt werden, dabei müssten die Bibliotheken allesamt über Personal verfügen. Bereits Anfang diesen Jahres hat die Politikerin der Partei „Die Liberalen“ angekündigt, die Digitalisierung in Schwedens Schulen zurückzufahren.
Dabei stützt sie sich auf Statistiken: So habe die Lesekompetenz der Schüler in Schweden in den Jahren 2016 bis 2021 nach der internationalen Studie PIRLS abgenommen – gleichzeitig belegt Schweden im länderweiten Vergleich weiterhin einen vorderen Platz. Aber auch in Mathematik haben die schwedischen Schüler in letzter Zeit immer mehr Defizite gezeigt. Folgenschwer für den Staat, der sich selbst gern als „Ingenieursland“ definiert.
Das „Karolinska Institut“, die Forschungsanstalt von Schwedens renommiertester Universitätsklinik, hat Untersuchungen durchgeführt, wonach „die Digitalisierung der Schulen große, negative Auswirkungen auf den Wissenserwerb der Schüler hat.“ Verwiesen wird auf Depressionen, Angstzustände, Konzentrationsprobleme, geringes Selbstwertgefühl, Essstörungen und Schlafprobleme.
Auch schwedische Kinderärzte warnen vor den Folgen eines übermäßigen Nutzens von digitalen Geräten. Vor allem die ganz Kleinen würden durch Smartphones und Co. in ihrem natürlichen Bewegungsdrang gebremst. Nach dem Willen der Mitte-Rechts-Regierung soll die Nutzung digitaler Geräte stark reduziert werden.
Im Jahr 2017, noch unter der sozialdemokratisch-grünen Regierung, war die Stimmung eine ganz andere. Die Regierung beschloss damals eine große Digitalisierungsoffensive mit dem großspurigen Ziel, in diesem Punkt „zum besten Land der Welt“ zu werden.
Diese Umwälzung sollte die ganze Gesellschaft betreffen, auch die Kindergärten und Schulen; Bücher wurden durch digitale Lesegeräte ersetzt. Das war auch den Budgetkürzungen in den Schulen geschuldet. Doch die angeschafften digitalen Endgeräte schienen auch die Lehrkräfte zu überfordern.
Schulministerin Edholm, welche mit ihrer Hornbrille und dem forschen Auftreten selbst ein wenig dem Klischee einer strengen Lehrerin entspricht, ist von ihrer Mission überzeugt. „Es war ein Experiment“, so ihr Urteil über die Digitalisierung. Diese Woche will sie die Leiter des Feuilletons der sechs auflagenstärksten Zeitungen des Landes treffen, um diese für ihren Kampf gegen die „Lesekrise“ zu gewinnen.
Aus Schwedens Wirtschaft kommen unterschiedliche Kommentare; neben den Befürwortern befürchten einige, dass das Land gegenüber Asien im Wettbewerb als „Technologie-Nation“ ins Hintertreffen geraten könne.
Dass das Smartphone das Leseverhalten verändert, ist keine neue Erkenntnis. So fand das amerikanische Wissenschaftsmagazin „Science Reports“ 2022 heraus, dass Probanden, welche den gleichen Text in ausgedruckter Form durchgingen, ein tieferes Verständnis des Inhalts entwickelten, als eine vergleichbare Gruppe, welche das Smartphone nutzte.
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