Rechtsextremismus  Neonazi-Gruppe „Hammerskins“ verboten – Verbindungen auch nach Ostfriesland

Claus Hock
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Von Claus Hock
| 19.09.2023 19:37 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Ein Einsatzfahrzeug der Polizei steht bei einer Razzia gegen eine Neonazi-Gruppe in Berlin-Alt-Hohenschönhausen. Bundesinnenministerin Faeser hat den rechtsextremistischen Verein „Hammerskins Deutschland“ sowie seine regionalen Ableger und die Teilorganisation „Crew 38“ verboten. Wie das Ministerium mitteilte, durchsuchten Einsatzkräfte der Polizei am frühen Morgen Wohnungen von 28 mutmaßlichen Mitgliedern des Vereins in zehn Bundesländern. Foto: Totaro/dpa
Ein Einsatzfahrzeug der Polizei steht bei einer Razzia gegen eine Neonazi-Gruppe in Berlin-Alt-Hohenschönhausen. Bundesinnenministerin Faeser hat den rechtsextremistischen Verein „Hammerskins Deutschland“ sowie seine regionalen Ableger und die Teilorganisation „Crew 38“ verboten. Wie das Ministerium mitteilte, durchsuchten Einsatzkräfte der Polizei am frühen Morgen Wohnungen von 28 mutmaßlichen Mitgliedern des Vereins in zehn Bundesländern. Foto: Totaro/dpa
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Die Bundesinnenministerin Nancy Faeser hat die rechtsextreme Vereinigung „Hammerskins Deutschland“ verboten. Mitglieder der Hammerskins waren jüngst in Ostfriesland unterwegs.

Berlin - Am Dienstagmorgen hat das Bundesinnenministerium die Gruppierung „Hammerskins Deutschland“ inklusive seiner Teilorganisationen verboten. Sicherheitsbehörden durchsuchten die Wohnungen von 28 Hammerskins in zehn Bundesländern.

Die Durchsuchungen fanden in Bayern, Baden-Württemberg, Berlin, Brandenburg, Hessen, Mecklenburg-Vorpommern, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Saarland und Thüringen statt. Bundesinnenministerin Nancy Faeser dazu am Morgen in einer Pressemitteilung: „Das Verbot der ‚Hammerskins Deutschland‘ ist ein harter Schlag gegen den organisierten Rechtsextremismus. Mit diesem Verbot beenden wir in Deutschland das menschenverachtende Treiben einer international agierenden Neonazi-Vereinigung. Damit setzen wir ein klares Signal gegen Rassismus und Antisemitismus.“

Waffen, Bargeld und „Merchandise“ gefunden

Am Nachmittag gab es erste Details zu den Ergebnissen der Durchsuchungen. Demnach waren rund 700 Einsatzkräfte der Polizei im Einsatz. Bei den Durchsuchungen der „Wohnungen und weiteren Gebäuden“ von 28 Hammerskins sind laut Bndesinnenministerium „neben Bargeld erhebliche Mengen an rechtsextremistischen Devotionalien beschlagnahmt worden, die der Vereinigung „Hammerskins Deutschland“ zugeordnet werden können“. Zudem wurden Waffen gefunden, unter anderem „eine Panzersprenggranate, drei Dolche, eine Armbrust, zwei Karabiner, eine Schreckschusspistole“. Beschlagnahmt wurden auch „sehr große Mengen an Kleidungsstücken mit Emblemen der ‚Hammerskins Deutschland‘“, Bücher wie „Mein Kampf“, Tonträger und Hakenkreuz-Fahnen.

Hammerskins als Ordner in der Krummhörn

Hammerskins waren Anfang August auch in Ostfriesland aktiv. Mitglieder des Hammerskins Chapters Westfalen und des Chapters Rheinland agierten als Ordner beim Konzert „Live in Krummhörn 2“, welches wiederum von Mitgliedern der rechten Szene organisiert wurde. Einer der Organisatoren lebt erst seit einigen Jahren in Emden. Zuvor lebte er in Potsdam und war dort Mitglied der „Crew 38“ und später vollwertiges Mitglied des dortigen Hammerskin-Chapters. Das belegen Aufnahmen. Auch der „Chef“ des Sicherheitsdienstes auf dem Konzert hat nachweisliche Verbindungen zu den Hammerskins.

Das vom Bundesinnenministerium ausgesprochene Verbot umfasst die Division „Hammerskins Deutschland einschließlich seiner regionalen Chapter und seiner Teilorganisation ‚Crew 38‘.“ Das Verbot geschieht aufgrund des deutschen Vereinsgesetzes. Das Verbot stütze sich auf alle drei im Vereinsgesetz genannten Verbotsgründe. „Der Verein richtet sich gegen die verfassungsmäßige Ordnung sowie gegen den Gedanken der Völkerverständigung. Zweck und Tätigkeit laufen den Strafgesetzen zuwider“, so das Bundesinnenministerium.

Mindestens 130 Mitglieder in ganz Deutschland

Laut Informationen dieser Zeitung war bei den Razzien der Polizei ein ehemals ostfriesisches Unternehmen kein Ziel der Durchsuchungen. Eine wichtige Rolle im Hammerskin-Netzwerk, welches sein Geld unter anderem mit Rechtsrock-Konzerten verdient, spielen dennoch zwei Versandhandel: Wewelsburg Records und Front Records. Eingetragen sind beide auf die Firma „Küsten Textil UG“, die bis vor ein paar Jahren ihren Sitz in Jemgum im Landkreis Leer hatte. Der Chef der Firma ist 2020 nach Thüringen verzogen. Zuvor gehörte mindestens einer der Versandhandel einem Hammerskin aus Bochum, der lange Jahre Mitglied des Chapters Bremen war.

Die „Hammerskins Deutschland“ sind ein Ableger der im Jahr 1988 in den Vereinigten Staaten von Amerika gegründeten „Hammerskins Nation“, so das Bundesinnenministerium. Und weiter: „In der rechtsextremistischen Szene in Europa nehmen die ‚Hammerskins Deutschland’ eine herausragende Rolle ein.“ Weltweit bezeichnen sich demnach die Mitglieder dieser Vereinigung als „Brüder“ und verstehen sich als elitäre „Bruderschaft“, „die ihre subkulturelle Lebensweise innerhalb einer Gruppe praktizieren möchten, die sich als Elite der rechtsextremistischen Skinhead-Szene versteht“. In Deutschland umfasse die Gruppierung rund 130 Mitglieder.

Der Verfassungsschutz Niedersachsen, das ergab eine Anfrage dieser Zeitung im August, sieht keine Hammerskin-Szene in Niedersachsen oder in Ostfriesland. Diese Aussage ist insofern interessant, als dass es in der Vergangenheit mindestens ein internes, chapterübergreifendes Hammerskin-Treffen in Niedersachsen gab. Der Verfassungsschutz charakterisiert die rechte Szene in Ostfriesland als „von Einzelpersonen geprägt“.

Das Logo der Hammerskins

"Das Logo der Hammerskins zeigt zwei gekreuzte Hämmer, oft vor einem Zahnrad. Die Hämmer sind dem Symbol des germanischen Gottes Thor entlehnt und sollen die Abstammung von einer angeblich "nordischen Rasse" ausdrücken. Gleichzeitig steht der Hammer symbolisch für Kraft und Stärke - und stellt als Handwerkszeug eine Verbindung zur Arbeiterklasse dar." So beschreibt es die Bundeszentrale für politische Bildung.

Das Logo nimmt außerdem Anleihen am Film "The Wall" zum gleichnamigen Konzeptalbum der Rockband Pink Floyd.

Kampfsport als wichtiges Element

Hammerskins spielen in Deutschland nicht nur in der Rechtsrock-Szene eine Rolle. Auch beim Thema Kampfsport mischen Hammerskins, für die unter anderem der Straßenkampf zum Selbstverständnis gehört, regelmäßig mit. Laut Sicherheitsbehörden wurde der „Kampf der Nibelungen“ 2013 durch Hammerskins ins Leben gerufen. Beim „Kampf der Nibelungen“, früher „Ring der Nibelungen“ handelt es sich um das größte rechtsextreme Kampfsport-Event in Deutschland, zu dem auch Neonazis aus dem Ausland anreisen. Fans der Veranstaltung gibt es nachweislich auch in Ostfriesland. Im Oktober 2019 wurde das geplante rechtsextremistische Kampfsportturnier „Kampf der Nibelungen“ in Ostritz (Sachsen) erstmals durch die zuständigen Polizei- und Ordnungsbehörden in Sachsen verboten. 2020 fand die Veranstaltung als Online-Stream statt.

Auch mindestens ein Ordner des Konzerts in der Gemeinde Krummhörn hat nachweislich schon an rechtsextremen Kampfsportveranstaltungen teilgenommen. Zumindest vor dem Beginn der Corona-Krise gab es zudem Verbindungen zwischen einem Kampfsport-Club im Landkreis Oldenburg und einschlägigen rechtsextremen Kampfsportveranstaltungen. Aber auch im Landkreis Cuxhaven sind Hammerskins aktiv. Hier wurde zuletzt im März ein Hammerskin vom Amtsgericht Cuxhaven zu einer Geldstrafe wegen Volksverhetzung und dem Verwenden von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen verurteilt. Das berichtet der NDR. Zudem sollen mehrere mutmaßliche Hammerskins einem Rockerclub in Schiffdorf angehören oder angehört haben.

Das Bundesinnenministerium zu Hammerskins

Folgendes schreibt das Bundesinnenministerium am Dienstag zu den Hammerskins:

Die „Hammerskins Deutschland“ sind ein Ableger der im Jahr 1988 in den Vereinigten Staaten von Amerika gegründeten „Hammerskins Nation“. In der rechtsextremistischen Szene in Europa nehmen die „Hammerskins Deutschland“ eine herausragende Rolle ein. Weltweit bezeichnen sich die Mitglieder dieser Vereinigung als „Brüder“ und verstehen sich als elitäre „Bruderschaft“, die ihre subkulturelle Lebensweise innerhalb einer Gruppe praktizieren möchten, die sich als Elite der rechtsextremistischen Skinhead-Szene versteht. In Deutschland umfasst die Gruppierung rund 130 Mitglieder.

ernelement des Gedankenguts der Gruppierung ist die Propagierung einer an die NS-Ideologie angelehnten Rassenlehre. Zweck der Vereinigung „Hammerskins Deutschland“ ist es, ihre rechtsextremistische Weltanschauung auszuleben und zu verfestigen. Dies erfolgt insbesondere durch Konzertveranstaltungen. Hier werden auch Nicht-Mitglieder mit rechtsextremistischem Gedankengut konfrontiert, ideologisiert und radikalisiert.

Die rechtsextreme Ausrichtung der international vernetzten Gruppierung manifestiert sich insbesondere durch den Vertrieb von Tonträgern mit rechtsextremistischer und antisemitischer Musik, die Organisation rechtsextremistischer Konzerte und den Verkauf von rechtsextremistischen Merchandise-Artikeln.

Bei dem Verbot der „Hammerskins Deutschland“ handelt es sich um das 20. Verbot einer rechtsextremistischen Vereinigung durch das Bundesinnenministerium. Bei den umfangreichen Vorbereitungen haben Bund und Länder intensiv über ein Jahr lang kooperiert. Das Bundesinnenministerium hat bei diesem Verbot einer rechtsextremistischen und rassistischen Organisation eng mit amerikanischen Partnerbehörden zusammengearbeitet.

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