Digitale Woche in Leer „Kinder unter 14 brauchen kein Smartphone“
Autorin Silke Müller spricht auf der Digitalen Woche in Leer über die Gefahren im Internet. Vorab hat sie uns verraten, wie Gewalt in sozialen Netzwerken aussieht und was Eltern tun können.
Leer/Hatten - „Wir Eltern sind selbst schuld, wenn wir unseren Kindern ein Smartphone in die Hand drücken“ – dieser Auffassung ist Silke Müller. Die Schulleiterin der Waldschule Hatten in der Nähe von Oldenburg hat den Bestseller „Wir verlieren unsere Kinder!“ geschrieben und setzt sich kritisch mit dem Thema Mediennutzung auseinander.
Am 23. September wird sie einen Vortrag bei der Digitalen Woche in Leer halten. Dieser Zeitung hat sie vorab erzählt, warum strikte Regeln im Internet ihrer Meinung nach so wichtig sind und was Eltern tun können, auch wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist.
Kein Smartphone unter 14 Jahren
Die Autorin und selbst zweifache Stiefmutter sei grundsätzlich dafür, Kinder langsam und bewusst an Medien heranzuführen. Und: „Kinder unter 14 brauchen kein Smartphone. Vorher sind die charakterlich noch nicht in der Lage dazu.“ Es liege ausschließlich in der Hand der Eltern, diese Entscheidung zu treffen. „Wir Eltern sind selbst schuld, wenn wir unseren Kindern ein Smartphone in die Hand drücken“, sagt Müller. Häufig höre sie dann das Argument von Eltern, sie wollten das Kind aber orten können. Die Autorin dazu: „Nein. Kinder können alleine einen Weg bestreiten, können Hilfe holen. Da gehen ganz viele wichtige Kompetenzen verloren.“
Eltern bräuchten ein klares Bewusstsein dafür, dass sie für den Schutz ihrer Kinder im Internet verantwortlich seien. „Die müssen dafür sensibilisiert werden. Sie kennen die Schlagworte ,Gewalt‘, ,Hass‘, ,Rassismus‘. Aber welche wirklichen Bilder dahinter stecken, welche Inhalte wirklich im Netz kursieren, das wissen sie gar nicht“, sagt Müller. Eltern schützten ihre Kinder im Straßenverkehr, beim Jugendschutz, beim Alkoholkonsum. „Aber vor der Gewalt im Internet schützen sie sie nicht. Da reichen keine eingerichteten Filter und eingeschränkte Bildschirmzeit“, sagt Müller. Man müsse ins Gespräch mit dem Kind kommen, auf Augenhöhe. „Im Internet ist alles so anonymisiert, dass wir unsere Kinder im schlimmsten Fall pädophilen Kriminellen aussetzen. Das kann doch keiner wollen.“ Man könne beispielsweise sagen: „Ich gucke die Chats mit Melanie, Sabine und Nico nicht an, denn die kenne ich persönlich, aber in die anderen Chats will ich Einblick haben, da gucken wir nun gemeinsam rein“, so die Schulleiterin. Wenn bisher noch keine Absprachen mit dem Kind gemacht wurden, lohne es sich, sie jetzt einzuführen. „Dann muss man mal den Streit in Kauf nehmen – das sollte einem der Schutz des Kindes wert sein.“
Verantwortliche hätten verpasst, Regeln aufzustellen
Medien seien nicht grundsätzlich schlecht, macht Müller im Gespräch deutlich. Aber die Verantwortungsträger vor ungefähr 20 Jahren, als sich soziale Plattformen entwickelten, hätten es verpasst, klare Regeln aufzustellen. „Wir wären dafür verantwortlich gewesen. Man hat damals alles so laufen lassen. Alle waren nur Nutzer, ganz naiv, nach dem Motto: ,Ach, das ist ja ganz lustig‘“, so Müller. „Aber wenn man gemeinsam in einer Gesellschaft lebt, sich austauscht, braucht es Regeln.“ Immer noch gebe es die Illusion, wir lebten in zwei Welten: Die eine sei die Realität, die andere das Internet. „Aber das Internet gehört doch längst zu unserer Realität. Es ist Realität, Teil unserer Welt, unserer Kultur. Vor allem, wenn man bedenkt, dass laut Studien Jugendliche 64 Stunden die Woche online sind. Man kann da keine strikte Trennung machen.“ Deshalb seien laut Müller klare, strikte Regeln nötig, die auch sichtbar gemacht würden. „Wenn es um pornografische Inhalte geht, gibt es Regeln und die sind allen bewusst. Aber wenn es um Cybermobbing, um Hetze im Netz geht, da sind keine strikten Regeln erkennbar“, so die Autorin. So würden beispielsweise Altersgrenzen nicht eingehalten werden. „Wir haben ein Konto in Flensburg, müssen uns ausweisen, uns überall identifizieren, das wäre auch in sozialen Netzwerken möglich“, findet Müller. Man müsse sich darüber im Klaren sein, dass alle Plattformen auf maximale Abhängigkeit aus seien und aus wirtschaftlichem Interesse handelten. „Die Regeln müssen also von anderer Seite kommen, aus der Politik. Mittlerweile sprechen wir da von einer europaweiten Regelung. Plattformbetreiber müssen mehr in die Pflicht genommen werden.“ Sie sei außerdem großer Fan davon, Allianzen zu bilden. „Das müssen nicht nur Eltern leisten, das muss nicht nur Schule leisten. Es muss ein gemeinsamer Weg gefunden werden.“
Digitale Woche in Leer vom 18. bis 23. September
Der Vortrag „Social Media – Fluch oder Segen?“ von Silke Müller findet am Sonnabend, 23. September, um 18 Uhr im Sparkassen-Forum der Sparkasse Leer-Wittmund statt. Anmeldungen sind auf www.diwo-leer.de noch möglich.
Folgende Fachveranstaltungen werden auf der diesjährigen digitalen Woche außerdem angeboten: Montag, 18. September, „Fachkongress IT/ Digitalisierung“, Sparkassen-Forum; Dienstag, 19. September, „Kommune digital“, Sparkassen-Forum/hybrid; Mittwoch, 20. September, „Fachtag digitale Bildung“, Sparkassen-Forum; Donnerstag, 21. September, „Maritime goes digital“, Mariko; Freitag, 22. September, „Hackathon“ und Programmierwettbewerb für Schülerinnen und Schüler, Orgadata AG; Sonnabend, 23. September, Abschlussfeier der Digitalen Woche mit Bestseller-Autorin Silke Müller, Siegerehrung des Hackathons und dem „Digital-Magier“ Julian Button, der Leiter der Abteilung Magie & Illusion beim Theaterstück ,Harry Potter und das verwunschene Kind’ in Hamburg ist, Sparkassen-Forum.
Weitere Infos sowie eine Veranstaltungsübersicht und die Links zu den Anmeldemöglichkeiten sind auf der Internetseite www.diwo-leer.de sowie unter #diwoleer auf den Social-Media-Kanälen des Landkreises bei Twitter, Instagram und Facebook zu finden.