Mitarbeiter berichten Wie gut funktioniert eine Vier-Tage-Woche?
Wer nur vier Tage in der Woche arbeiten muss, der hat mehr Freizeit zum Entspannen – so die Theorie. Aber wie sieht das in der Praxis aus?
Aurich - Nur an vier statt fünf Tagen die Woche arbeiten, mehr Zeit für Privates: Um Mitarbeitern mehr Gleichgewicht zwischen Arbeit und Leben und mehr Flexibilität zu ermöglichen, sind in Aurich beispielsweise die Mode- und Möbelhäuser von Rudnick sowie die Raiffeisen-Volksbank (RVB) in Aurich neue Wege gegangen.
Was und warum
Darum geht es: Einen Tag weniger arbeiten klingt wie ein Traum, aber ist es das auch?
Vor allem interessant für: Arbeiter und Unternehmen, die an der Zufriedenheit der Belegschaft arbeiten wollen
Deshalb berichten wir: Rudnick und die Raiffeisen Volksbank bieten schon seit geraumer Zeit die Vier-Tage-Woche an. Wir wollten uns die Erfahrungen anhören. Den Autor erreichen Sie unter: l.loeschen@zgo.de
Beide Unternehmen haben Vier-Tage Modelle entwickelt. Seit August 2022 greift die Regelung bei Rudnick, seit Jahresbeginn bei der RVB. Wie gut funktioniert das in der Praxis? Wir haben uns erkundigt.
Wie sehen die Modelle aus?
Nicole Bauermann etwa ist seit elf Jahren bei der RVB. Im November vergangenen Jahres sei ihr und ihren Kollegen in der Privatkundenberatung der Vorschlag für eine Vier-Tage-Woche unterbreitet worden – vorerst noch als Testphase bis Ende dieses Jahres. Lange habe sie nicht überlegen müssen. „Wir konnten uns im Vorfeld einen freien Wochentag aussuchen“, sagt die 31-Jährige. Ihre Entscheidung fiel ganz klar auf den Freitag, andere Kollegen hätten sich den Mittwoch geschnappt. Ihre Wochenarbeitszeit ist durch den Wechsel von 39 auf 33 Stunden verringert. Von den sechs Stunden Gehaltsverzicht zahlt die RVB allerdings für drei weiter – als Entgegenkommen.
Als bei Rudnick das erste Mal die Vier-Tage-Woche aufkam, war Iris Dannholz direkt begeistert. „Ich habe auch schon sechs Tage die Woche gearbeitet“, sagt sie. Als Personalleiterin war sie auch bei der Ausarbeitung des Konzepts beteiligt. Ihre Wochenstunden sind von 40 auf 36 reduziert worden – bei gleichbleibendem Gehalt. Also hätten 40 Wochenstunden eine Lohnerhöhung von zehn Prozent bedeutet, so Dannholz. Dafür wird an den vier Tagen im Schnitt eine Stunde mehr, also 9 Stunden, gearbeitet. Jeden Freitag hat die 49-Jährige frei.
Wie ist es, vier Tage die Woche zu arbeiten?
In die neue Arbeitswoche haben sich beide schnell eingelebt. Als Kundenberaterin bei der RVB kann sich Nicole Bauermann die Termine nur noch auf vier statt fünf Tage legen. Das Arbeitspensum bleibe dasselbe und dadurch wird es enger auf dem Kalender, aber sie merkt an: „Man ist dann produktiver. Der freie Tag ist mir das wert.“ Die Auricherin fühle sich deutlich erholter. An einem freien Wochentag könne man zudem die Erledigungen machen, die an einem Samstag oder Sonntag nur sehr schwer oder gar nicht möglich sind. Die Zeit nutze sie aber auch, um den heimischen Garten auf Vordermann zu bringen oder bei Freunden oder Familie zu sein.
Rudnick-Personalleiterin Iris Dannholz ist verheiratet und hat zwei Kinder. Der Arbeitsstress sei nicht gestiegen, sagt sie. „Wir haben alles umstrukturiert.“ Es seien neue Mitarbeiter eingestellt worden. Dadurch konnte auch die 49-Jährige einige Aufgaben abgeben. Am freien Freitagmorgen geht sie joggen. „Das war vorher eher nur ein Hobby von mir, doch inzwischen trainiere ich auch für Marathons.“ Danach widmet sie sich dem Haushalt, bis gegen Mittag ihre Kinder und ihr Mann nach Hause kommen. „Dann hat man alles fertig und kann Zeit mit der Familie verbringen“, sagt Dannholz und muss bei dem Gedanken lächeln.
Wie bewerten andere die kürzere Arbeitswoche?
Sowohl im Bekanntenkreis von Bauermann als auch von Dannholz ist die Vier-Tage-Woche bislang Traum geblieben – auch wenn das Teilzeit- und Befristungsgesetz dafür durchaus einen rechtlichen Rahmen bietet. Manchmal komme vielleicht sogar ein bisschen Neid auf, scherzen beide.
Eines wird dabei klar: Eine anscheinend wachsende Zahl an Menschen wünscht sich eine kürzere Arbeitswoche. Bei der Firma Rudnick haben sich etwa 60 Prozent der Mitarbeiter für die 4-Tage-Woche entschieden, teilt Inhaber Ludwig Rudnick mit. RVB-Vorstandsvorsitzender Johann Kramer gibt an, dass etwa 35 Prozent der Angebote angenommen wurden. Die Resonanz der Mitarbeiter sei durchweg positiv, sagen beide.
Kramer führt die Effekte aus: Eine bessere Work-Life-Balance und eine höhere Mitarbeiterzufriedenheit, ohne das Kundengeschäft zu beeinträchtigen.
Bleibt die Vier-Tage-Woche bei Rudnick und RVB bestehen?
„Ich will nicht wieder fünf Tage die Woche arbeiten“, ist sich Rudnicks Personalleiterin sicher. In den Betrieben, wo die Vier-Tage-Woche möglich sei, solle diese angeboten werden. Nicole Bauermann ist ebenfalls eine klare Befürworterin. Sie wolle nach der Testphase der Raiffeisen-Volksbank am liebsten genauso weitermachen.
Und auch von oben gibt es den Daumen hoch. Denn eine kürzere Arbeitswoche und mehr Freizeit bedeuten auch weniger Krankheitstage. Das ist auch Iris Dannholz aufgefallen. Bei der RVB konnte man laut dem Vorsitzenden die Krankheitstage in einem Jahr halbieren (Stand: August 2023). So profitieren nicht nur Arbeitnehmer von der Vier-Tage-Woche.