Sydney Australien errichtet umstrittene Hainetze an den Stränden von Sydney
Seit 2017 kosten Hainetze an den weltberühmten Stränden in Sydney zahlreiche Tiere das Leben. Trotzdem wurden sie auch in diesem Sommer wieder installiert. Ein Tierschützer will jetzt auf das Leid der Meerestiere aufmerksam machen.
Auf einem Bild liegt ein Delfin tot auf dem Deck eines Bootes, aus seinem Maul strömt Blut. Auf einem anderen Foto ist zu sehen, wie ein Netz in die Haut einer Robbe einschneidet, während ihr Körper aus dem Meer gezogen wird. Die Tiere starben allesamt qualvoll, nachdem sie sich in eines der Hainetze verwickelt hatten, die in und um Sydney die Strände sicherer machen sollen.
Die Bilder stammen von Tieren, die im vergangenen Sommer an der australischen Ostküste starben. Die Tiere verendeten zwischen September 2022 und April dieses Jahres. Insgesamt hatten sich 228 Meereslebewesen in den Netzen verheddert. Darunter waren 24 Weiße Haie und Tigerhaie, für die die Netze gedacht waren, sowie 204 andere Meerestiere. Mehr als die Hälfte aller gefangenen Tiere starb an den Folgen.
Die Fotos der toten Tiere wurden von der zuständigen Behörde gesammelt, die sich trotz der traumatischen Vorfälle und etlicher warnender Stimmen erneut dafür entschieden hat, die Netze auch in der anstehenden Sommersaison auf der Südhalbkugel wieder aufzubauen. Bereits Anfang September wurden sie an 51 Stränden zwischen Newcastle und Wollongong, beides kleinere Städte nördlich und südlich von Sydney, eingerichtet.
Die Behörde – das Department of Primary Industries im Bundesstaat New South Wales – hat die Bilder selbst nicht veröffentlicht. Ein Naturschützer konnte sie jedoch im Rahmen des Akteneinsichts- und Informationszugangsgesetzes erlangen. Das Hainetz-Programm agiere „hinter einem Schleier der Geheimhaltung“, sagt Andre Borell von der Envoy Foundation. In seinen Augen will die Behörde „einer genauen Prüfung entgehen“, um das Programm nicht abschalten zu müssen. Deswegen hätten er und seine Kollegen den kostspieligen und langwierigen Weg über das Informationszugangsgesetz gewählt, um das Ganze „ins Rampenlicht zu rücken“. Die Bilder zu sehen, sei „konfrontierend“, meinte er.
Ein Sprecher des Department of Primary Industries antwortete auf eine Anfrage, dass man versuche, „das richtige Gleichgewicht“ zwischen dem Schutz für Strandbesucher und der gleichzeitigen Minimierung von Schäden für Haie und andere Wildtiere zu erzielen. In der kommenden Sommer-Badesaison würden nicht nur traditionelle Methoden wie die Hainetze, sondern auch moderne Technologien entlang der Küste zum Einsatz kommen.
Neben den Netzen an 51 Stränden seien auch 305 sogenannte Smart-Drumlines – eine Art Köderhaken, der meldet, sobald ein Tier gefangen wurde – sowie 37 Hai-Horchstationen installiert worden. An 50 Stränden werden in diesem Sommer zudem Überwachungsdrohnen patrouillieren.
Viele Kritiker, darunter auch Borell sagen, dass die Hainetze, die bereits seit 1937 im Einsatz sind, veraltet seien, und den Schwimmern nur ein falsches Sicherheitsgefühl vermittelten. Denn die Netze versperren Haien an den Meeresstränden nicht komplett den Zugang in Richtung Strand, sondern sind mehr wie Barrieren im Meer. Die Tiere sollen quasi vorher von den Netzen „abgefangen“ werden. Auch die Stiftung Meeresschutz sieht die Netze eher kritisch. Auf ihrer Webseite schreibt die Umweltschutzorganisation, dass sie „zur Biodiversitätskrise an den betroffenen Küstenabschnitten beitragen“ würden. Neben bedrohten Delfin- und Haiarten würden auch Meeresschildkröten und Rochen sterben.
Laut der Organisation sind aber auch die Drumlines „ein zweischneidiges Schwert“, obwohl sie die Delfinbeifangrate in Australien gesenkt hätten. „Doch locken die Köder gerade die Tiere an die Küste, die man hier nicht haben will: Haie.“ Und diese würden am Köderhaken einen langsamen Tod sterben, wenn sie nicht rechtzeitig befreit würden. Viele Umweltschützer plädieren daher eher für den Einsatz von „Elektrozäunen“. Dies sind am Meeresgrund verankerte Elektrokabel, die unter schwachem Strom stehen und bis an die Wasseroberfläche reichen. Sie schrecken die elektrosensiblen Haie ab.
Insgesamt stellen Haiangriffe kein großes Problem in Australien dar. Doch je mehr Menschen sich im Wasser befinden, umso größer wird natürlich die Wahrscheinlichkeit eines Angriffs. Eine Datenbank der Taronga Conservation Society Australia, die seit 1984 existiert, führt etwas über 1200 Vorfälle von Haiübergriffen in Australien seit 1791 auf. Laut der Datenbank gab es 2023 bisher acht Attacken mit zwei Todesfällen.
Allerdings scheint ein Angriff auf einen 44-jährigen Surfer an der Küste vor Port Macquarie, einem Ort rund fünf Autostunden nördlich von Sydney gelegen, derzeit in der Datenbank noch zu fehlen. Die Attacke ereignete sich Ende August. Der Surfer überlebte, zog sich aber schwere Beinverletzungen zu. Die Strände von Port Macquarie sind eigentlich mit Drumlines geschützt.