Hannover  E-Autos und Wärmepumpen: So sparen Sie mit dynamischen Stromtarifen

Clemens Gleich
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Von Clemens Gleich
| 17.09.2023 12:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 12 Minuten
Mittels dynamischer Stromtarife lässt sich einiges an Geld einsparen. Foto: dpa/Uli Deck
Mittels dynamischer Stromtarife lässt sich einiges an Geld einsparen. Foto: dpa/Uli Deck
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Dynamische Stromtarife können sich richtig lohnen. Etwa für Besitzer von E-Autos und Wärmepumpen. Allerdings gibt es einiges zu beachten. Ein Überblick über Funktionsweise, Kosten und Anbieter.

Die Wetterabhängigkeit von Wind- und Solarstrom sorgt für erhebliche Schwankungen im Strompreis. Diese Preissignale nutzt die Industrie bereits. Schritt für Schritt sollen auch die privaten Haushalte davon profitieren, die Gesetzgebung hierzu begann bereits im Jahr 2017.

Ab 2025 müssen die Netzbetreiber anfangen, größere Privathaushalte mit intelligenten, vernetzten Messeinrichtungen (Smart Meter und Smart Meter Gateway) auszustatten, die mit der Infrastruktur dieser Netzbetreiber verbunden sind. Die Pflicht beginnt ab 6000 Kilowattstunden jährlichem Verbrauch, betrifft also zunächst Kunden mit Elektroauto oder Wärmepumpe, sowie (PV-)Stromerzeuger von sieben bis 100 Kilowatt (maximaler) Erzeugungsleistung. Kleinere Verbraucher können optional freiwillig Smart Meter beantragen.

Zur Umrüstpflicht für die Netzbetreiber kommt die Pflicht für Energieversorger, dynamische Stromtarife anzubieten, die über ihre Preise auch den privaten Stromverbrauch tendenziell in Zeiten leiten, in denen die Erzeugungsleistung hoch und die Preise folglich niedrig liegen. Der Rollout ist flexibel gedacht, es bieten allerdings schon jetzt viele Energieversorger solche Tarife an. Wir beleuchten Vorteile, Nachteile und Voraussetzungen.

Um einen dynamischen Stromtarif zu nutzen, brauchen Sie als Mindestausstattung eine Strommessung mit Zeitstempeln und Internetverbindung. Die übliche Lösung sind Smart Meter mit Smart Meter Gateway. Smart Meter melden den Momentanverbrauch beim Netzbetreiber, sodass dort a) stets aktuelle Stromnetzdaten ankommen und b) Sie den Strom nach bis zu fünfzehnminütig genauen Tarifen bezahlen können. Üblich sind jedoch eher stündliche Tarife, weil die Stromanbieter den Strom am Vortag nach stündlichen Kontingenten einkaufen („Day Ahead“).

Wie viel der Strom jeweils kostet, erfahren Sie über das Interface des Stromversorgers, meistens in Form einer Smartphone-App. Bei den üblichen Day-Ahead-Preisen wissen Sie also heute Abend, was der Strom Sie morgen stündlich kosten wird.

Beim Verbrauch gibt es zwei große Peaks, nämlich morgens und abends. Bei der Stromproduktion gibt es bei Sonnenschein mittags ein großes Überangebot, wenn die Solaranlagen liefern und der Mittagsenergie-Peak vorüber ist. Dazu kommen niedrige Preise in der Nacht ab circa 23 Uhr (jahreszeitenabhängig), wenn zwar wenig Strom erzeugt, aber eben noch weniger Strom nachgefragt wird.

Um die niedrigen Strompreise nutzen zu können, müssen Sie nun am jeweiligen Zähler zu den richtigen Zeiten Strom verbrauchen. Wer daheim arbeitet, kann leicht Spülmaschine, Waschmaschine und Trockner in günstige Zeiten legen. Wer auswärts arbeitet, muss automatisieren: Ein Energiemanager schaltet dabei Steckdosen oder direkt Verbraucher nach Strompreisen an und aus.

Die andere Schneide dieser Klinge: Wenn die Preise am Strommarkt explodieren (erinnern wir uns an die Energiepreiskrise ab 2021), dann explodiert auch Ihre Stromrechnung unmittelbar mit. Deshalb gibt es Tarife mit Preiskorridoren, bei denen Sie zwar weniger sparen, aber auch weniger verlieren können. Es gibt auch Tarife, die den Strompreis über einen Monat mitteln und diesen Durchschnitt als Preis pro Kilowattstunde für Ihre Rechnung nehmen. Diese Tarife sind nicht Teil dieser Betrachtung, weil sie nicht dynamisch sind und daher keine Möglichkeiten bieten, durch Verbrauchssteuerung direkt die Stromrechnung zu beeinflussen.

Da der größere Teil des Strompreises aus Umlagen, Entgelten und Abgaben besteht, liegt der zu sparende Nettoteil niedriger, als man zunächst denkt. Daher sind diese Tarife vorrangig für E-Autos und Wärmepumpen interessant. Dieser Overhead liegt in unterschiedlichen Teilnetzen unterschiedlich hoch, deshalb müssen Sie bei jeder Strompreisanfrage Ihren Wohnort angeben, mindestens jedoch die Postleitzahl.

Damit sich das für Einzelne lohnt, muss der Stromverbrauch möglichst hoch und möglichst flexibel sein. Obwohl konsequenter Einsatz des Triumvirats Trockner, Wasch- und Spülmaschine natürlich eine Ersparnis bringt, liegt diese weniger hoch, als die meisten Menschen vermuten. Am besten eignen sich daher Haushalte mit Großverbrauchern, das sind Elektroautos und Wärmepumpen.

Ein Elektroauto passt ideal zu dynamischen Stromtarifen, weil es viel Strom braucht, den es mit vergleichsweise hoher Leistung laden kann (zum Beispiel Wallbox mit elf Kilowatt), aber ihn nicht zu festen Zeiten benötigt. Wenn Sie Ihr Auto nachts von null bis vier Uhr laden, ist es morgens genauso voll, als hätten Sie es zum abendlichen Verbrauchs-Peak zwischen 18 und 22 Uhr geladen. In einem fixen Tarif bezahlen Sie für beide Varianten den gleichen Betrag. In einem dynamischen Tarif gibt es meistens einen signifikanten Unterschied, und das Auto trägt mit einer für Sie egalen Verschiebung der Ladezeit zur Netzstabilität bei.

Etwas anders sieht es bei der Wärmepumpe aus. Bei der Brauchwasserbereitung (Ratgeber) sind die Geräte noch relativ flexibel, wenn der Wärmepuffer groß genug ist. Ob die Legionellenschutzfunktion um zwölf oder um 15 Uhr das Wasser auf 70 °C heizt, ist für den Gesundheitsschutz egal. Dabei können sie also gut auf günstigere Preise ausweichen. Bei der Wärmeversorgung der Räume dagegen sind der Flexibilität jene Grenzen gesetzt, die beim Bau der Anlage als Grundstock gelegt werden, namentlich Leistung und Wärmespeicherkapazität. Das Gesamtsystem Haus-Heizung muss genug Wärme speichern können, dass es zu keinen Komforteinbußen kommt zu teuren Zeiten, die man sich sparen will.

Die Leistung der Anlage muss zudem hoch genug sein, dass sie in billigen Zeiten so viel mehr Wärme produzieren kann, dass sie für die teuren Zeiten zumindest so lange reicht, dass ein Unterschied auf der Rechnung herauskommt. Sie können sich komplexe Steuerungen hierzu ausmalen, in der Praxis sind sie jedoch meistens eher einfach. Bei meinem Hersteller Nibe etwa stellt die Steuerung in Zeiten billigen Stroms einfach die Temperaturen für Warmwasser und Heizwasser hoch und in teuren Zeiten herunter. Das bedeutet jedoch: Die Raumtemperatur wird schwanken. Es ist nur die Frage, ob es jemand merkt oder gar stört, wie hoch die Schwankungen ausfallen.

Diese Einschränkungen haben einen Effekt: Als typische Einsparung für die automatische Strompreissteuerung gibt Nibe eher magere zehn Prozent an. Das lohnt sich aufgrund der hohen absoluten Energiemenge zum Heizen trotzdem, solange es sich in Ihrem Wohlbefinden nicht bemerkbar macht, weil Sie das nichts weiter kostet als die Aktivierung dieser Funktion im Interface der Wärmepumpe plus eventuell erhöhte Verschleißkosten.

Man könnte prinzipiell den Hausakku als Strompreispuffer verwenden: zu Minderzeiten laden, zu Peak-Zeiten den Haushalt mit Strom versorgen. Das kann sich zum Beispiel im Winter anbieten, wenn die eigene PV-Anlage kaum genug Strom für den Haushalt produziert, geschweige denn für die Speicherung im Akku. Dazu muss der Akku im Marktstammdatenregister als „sonstiger Stromspeicher“ registriert sein, weil Sie einen „EE-Stromspeicher“ nicht mit Netzstrom beladen dürfen (Begründung: Netzstrom ist kein reiner EE-Strom). Es ist also möglich, aber selten lohnend.

Sie sollten unbedingt ausprobieren, wie viel Strom übrig bleibt, wenn er zwei Mal über den Umrichter und die Batterie fließt, weil hier selbst bei guten Markengeräten Verluste von 25 Prozent und mehr normal sind. Bedeutet: Wenn der Strompreis in Spitzenzeiten bei 40 Cent liegt und in Niederzeiten bei 30 Cent, machen Sie bei diesem Spread eine lokale Null und global ein Minusgeschäft durch den zusätzlichen Akkuverschleiß. Der Spread muss also schon sehr groß sein, um sich zu rentieren.

Beim Hausakku kommt hinzu, dass die Ladeleistungen meist im Vergleich zu WP oder Auto niedrig liegen (zwei bis drei Kilowatt) und die Kapazitäten typischerweise bei um die zehn Kilowattstunden aufhören. Wenn der Strom für eine Stunde sehr günstig ist, kriegen Sie in dieser Zeit also nur zwei bis drei Kilowattstunden rein (und noch weniger raus). Alles in allem ist das Sparpotenzial per Akku eher zäh zu erschließen. Die Ladesteuerung nach Preisen müsste daher voll automatisiert und integriert werden. Der Speicherhersteller Fenecon etwa hat eine Akkusteuerung, die außer Wetterprognosen auch Day-Ahead-Strompreise berücksichtigt (App „Awattar Hourly“ nach dem gleichnamigen Tarif).

Wenn Sie weder Wärmepumpe noch E-Auto und auch sonst einen geringen Stromverbrauch haben, lohnen sich dynamische Stromtarife nach bisheriger recht einhelliger Expertensicht nicht, weil der Aufwand die Einsparpotenziale übersteigt. Sie können sich natürlich aus nichtökonomischen Gründen dennoch am System beteiligen. Vorteil Geringverbraucher: Ihr Risiko liegt analog zum Verbrauch niedriger.

Die Installationskosten für eine intelligente Messeinrichtung liegen meistens bei um die 100 Euro, können aber auch bis über 250 Euro gehen. Oder Sie können bei einem Jahresverbrauch über 6000 Kilowattstunden darauf warten, dass Sie ab 2025 per Pflichtprogramm umgerüstet werden, denn dann sind die Installationskosten auf 50 Euro begrenzt. Der Betrieb ist für Endverbraucher auf 20 Euro jährlich gedeckelt für Verbräuche bis 10.000 Kilowattstunden. Darüber kostet es für Endverbraucher maximal 50 Euro pro Jahr.

Zweirichtungszähler für PV kosten bis 15 Kilowatt-Peak 20 Euro, von 15 bis 25 Kilowatt-Peak 50 Euro und von 25 bis 100 Kilowatt-Peak 120 Euro. Dazu kommt die Grundgebühr des jeweiligen Anbieters. Günstige Anbieter fangen hier bei um die 5 Euro im Monat an (zum Beispiel Tibber mit 4,49 Euro). Die Netzbezugs- und Messstellengebühren hängen vom jeweiligen Verteilnetz ab, deshalb müssen Sie bei jeder Strompreisabfrage Ihre Postleitzahl angeben. Typisch sind um die zehn Euro im Monat, die obendrauf kommen. Diese Preise muss jeder Anbieter auflisten und aufschlüsseln.

Die variablen Kosten sind die für den verbrauchten Strom in Kilowattstunden. Der Börsenstrompreis macht aber, wie eingangs gewarnt, nur einen Teil dieser Kosten aus, und noch dazu den kleineren. Alle Umlagen, Gebühren, Entgelte und Abgaben, sowie je nach Anbieter außerdem Zusatzkosten und Anbietergebühren, legen die Stromanbieter in einen Grund-Arbeitspreis pro Kilowattstunde. Wenn der zu hoch liegt, wird es schwierig mit dem Sparen. Dieser Grundarbeitspreis enthält außer fixen Zusatzkosten pro Kilowattstunde die variablen Steuern (Stromsteuer und Mehrwertsteuer) abhängig vom Strom-Basispreis, deshalb schwankt er mit dem Bezugspreis.

Erwartungs-Management: Die Börse ist nicht für Strom-Privatkunden gemacht, sondern dort agieren Händler mit großen Strommengen und täglicher Börsenerfahrung. Dazu kommt: der Energiesektor ist reich an hochleveliger Verbandelung, weil die großen Energiefirmen Erzeuger, Händler und Börsenmitbesitzer in Personalunion sind. Als vom Stromanbieter durchvermittelter Privatkunde finden Sie dort also nicht dieselben Bedingungen vor wie, sagen wir, E.On.

Der Strompreis kann negativ werden. Damit er aber für Sie netto negativ wird, muss er so weit negativ werden, dass er Ihre ganzen Zusatzkosten ausgleicht. Das war etwa Anfang Juli 2023 der Fall, als der Börsenstrompreis mittags kurz die Grenze von -500 Euro/Megawattstunde durchbrach. Da solche Situationen so kurz auftreten, können Sie selbst mit E-Auto nur wenig Kapital aus einer Stunde schlagen.

Der Strompreis kann jedoch auch einfach extrem steigen. Im Sommer 2022 kostete eine Megawattstunde beispielsweise 563 Euro, heißt: Sie bezahlten 56,3 Cent plus alle Aufschläge, also brutto über 83 ct/kWh. Gegen solche Situationen haben Sie in einem reinen dynamischen Stromtarif langfristig keinerlei Schutz. Kurzfristig bis April 2024 hilft die staatliche Strompreisbremse, die 80 Prozent des Verbrauchs auf 40 ct/kWh deckelt. Bei dynamischen Tarifen wird dabei der Monatsdurchschnitt hergenommen, es gibt also keinen Schutz der Ersparnisse aus niedrigen Strompreisen, es gibt nur eine gewisse Kostensicherheit nach oben.

Nach der Strompreisbremse fällt die Sicherheit weg. Wenn Sie dann im Winter nicht frieren wollen, muss die Heizung Strom beziehen und wenn der teuer wird, blutet eben der Geldbeutel. Denkanstoß: Glauben Sie, dass im Winter der Strom billiger oder teurer wird als im Sommer? Hint: PV-WP, Angebot, Nachfrage.

Mental dürften Preisachterbahnen den meisten Menschen über ihren ökonomischen Ausschlag hinaus zusetzen, wie wir es auch von den Finanzmärkten kennen. Dynamische Tarife sind nicht so, dass Sie einfach einen günstigen Stromtarif haben, sondern es kann bei entsprechender Verbrauchverlegung günstiger werden. Es kann aber auch durch Zufälle, Wetter oder einfach technische Einstellungsfehler wesentlich teurer werden.

Deshalb könnten als Zwischenlösung auch versicherte Tarife mit fixen Obergrenzen wie der „Hourly-Cap“ bei Awattar interessant sein. Der kostet allerdings bei mir rund 60 ct/kWh minus eventuelle Ersparnisse nach Börsenlage, wäre also signifikant teurer als mein fixer Stromtarif. Man kann eben nicht alles haben. Fast alles haben: Awattars „Hourly“-Tarif begrenzt den Preis pro kWh nach oben auf 80 Cent und nach unten auf -80 Cent.

Die Tarife unterscheiden sich hauptsächlich in den Preisstrukturen, im Overhead also. Hohe Overhead-Kosten machen die Sache uninteressant. Die Pioniere dynamischer Tarife (Awattar, Rabot, Tibber) haben immer noch mit die schlankesten Kostenstrukturen, und die sind für die Idee „nackte Börse“ am interessantesten.

Tibber etwa will gar nichts mit dem Strom verdienen, sondern nur an Grundgebühr, Geräteverkauf (Wallbox, Pulse) und Handel mit Regelenergie. Awattar nimmt drei Prozent des Börsenstrompreises als Kostendeckungsbeitrag für unter anderem die erwähnte Versicherung auf maximal 80 ct/kWh. Rabot.Charge nimmt 20 Prozent der Ersparnis gegenüber dem Grundversorgungstarif als Provision, um sich mit den Kunden bei Ersparnissen ins gleiche Boot zu setzen. Bei Mehrkosten gegenüber Grundversorgung steigt Rabot allerdings aus dem Boot aus, die müssen Sie allein bezahlen. Immerhin fallen dann geringere Gebühren an.

Menschen mit großem Sicherheitsbedürfnis sollten beim Grundversorger in einem fixen Tarif bleiben. Menschen mit für Deutschland mittlerem Sicherheitsbedürfnis sollten sich mit ihnen vergleichbare Nutzer solcher Tarife anschauen, um das Einsparpotenzial besser abschätzen zu können. Es liegt aufgrund der Stromkostenstrukturen meistens wesentlich niedriger, als man zunächst hofft und ohne konsequente Automatisierung/Verhaltensänderung könnten Sie auch mehr zahlen als vorher.

Für die (Noch-)Minderheiten der E-Auto-Nutzer wird sich ein dynamischer Tarif mit etwas Automatisierung und ausreichend Fahrleistung meistens lohnen. Für die Wärmepumpenheizung müssen wir ausdifferenzieren: Je mehr Flexibilität die Anlage bietet, umso besser kann sie Sparpotenziale nutzen. Eine Anlage mit geringer Flexibilität, wie sie etwa in einem alten Haus mit hohen Wärmeverlusten und geringen Speicherkapazitäten öfter zu finden ist, kann jedoch auch für dynamische Mehrkosten sorgen. 

Dieser Artikel erschien zuerst bei Heise-Online in Hannover.

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