Osnabrück  Polizeiruf 110 aus München: Gewagter Einstieg für Johanna Wokalek

Frank Jürgens
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Von Frank Jürgens
| 16.09.2023 11:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Kriminalhauptkommissar Dennis Eden (Stephan Zinner), Kriminalhauptkommissarin Cris Blohm (Johanna Wokalek) und Kriminaloberkommissar Otto Ikwuakwu (Bless Amada v. links) im neuen „Polizeiruf 110: Little Boxes“ aus München. Foto: BR/Ariane Krampe Filmproduktion/Hendrik Heiden
Kriminalhauptkommissar Dennis Eden (Stephan Zinner), Kriminalhauptkommissarin Cris Blohm (Johanna Wokalek) und Kriminaloberkommissar Otto Ikwuakwu (Bless Amada v. links) im neuen „Polizeiruf 110: Little Boxes“ aus München. Foto: BR/Ariane Krampe Filmproduktion/Hendrik Heiden
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Johanna Wokalek glänzt als neue Kommissarin Cris Blohm im Münchener Polizeiruf 110. Ihr erster Fall führt sie in das Minenfeld zwischen Wokeness, Political Correctness und was sonst noch so polarisiert.

Der Münchener „Polizeiruf 110“ ist seit jeher ein Garant für qualitativ hochwertige Sonntagskrimis im Ersten. Regisseure wie Dominik Graf haben Standards gesetzt. Und zwei Gesichter haben die Episoden vom Bayerischen Rundfunk nachhaltig geprägt. Edgar Selge als einarmiger Kommissar Jürgen Tauber (1998 bis 2009), sowie Matthias Brandt, der von 2011 bis 2018 in der Rolle des Hanns von Meufels mit adeligem Hintergrund („die eine Hälfte verarmt, die andere verblödet“) glänzte.

Nach der etwas glücklosen Verena Altenberger, die ihren Job als Kommissarin „Bessie“ Eyckhoff nach nur vier Jahren an den Nagel gehängt hat, tritt nun Johanna Wokalek („Hierankl“, „Die Päpstin“) als Kriminalhauptkommissarin Cris Blohm die Nachfolge im Dezernat an der Isar an. Wobei Stephan Zinner als Kommissar Dennis Eden zum Einstieg der neuen Kollegin erst einmal zum Zuarbeiter degradiert wird.

Ein gewagter Einstieg für Wokalek. Es geht um einen heiklen, möglicherweise rassistisch motivierten Fall an der Uni. Das Mordopfer ist ein Doktorand, der auf dem Campus tot, nackt und mit dem Schriftzug „Rapist“ auf dem Rücken aufgefunden wird. Warum auf Englisch, nicht auf Deutsch? Für Eden und die Gerichtsmedizinerin ganz klar – das deutsche Wort „Vergewaltiger“ sei zu lang, um beim Mordopfer auf den Rücken zu passen.

Damit ist der Tonfall vorgegeben, der die Zuschauer mitunter glauben lässt, nicht in München beim Polizeiruf, sondern in Münster beim Tatort zu sein. Aber dieser erste neue Polizeiruf mit Wokalek geht einen Schritt weiter, als nur Gags am laufenden Band zu produzieren. Er polarisiert als Gesellschaftssatire und begibt sich auf ein von Glatteis überzogenes und komplett vermintes Terrain.

Es geht um Wokeness und Political Correctness, um radikale Feministinnen, um Rassismus und Sexismus, um alles, was derzeit in den sozialen Netzwerken polarisiert. Während der Ausstrahlung, so steht zu befürchten, könnte unter dem Hashtag #Polizeiruf110 ein verbaler Schlagabtausch bei X, einstmals bekannt als Twitter, eskalieren.

Dabei gelingt es Regisseur Dror Zahavi und Drehbuchautor Stefan Weigl mal mehr, mal weniger die vermeintliche oder auch tatsächliche Borniertheit sämtlicher Beteiligter aufs Korn zu nehmen. Die Polizei versucht gerade, sich mit einer verkrampften Imagekampagne „bunter als du denkst“ zu waschen. Die Studentinnen und Mitarbeiterinnen am Institut für Post-Colonial Studies sind allesamt ideologisiert und vernagelt bis zur Halskrause. Und zwischen allen Kontrahenten treffen mehr Vorurteile aufeinander, als man zu kennen glaubt.

Zum Glück behält Blohm die Übersicht und die Ruhe. Und um in diesem Minenfeld auch bloß kein falsches Bild an die Öffentlichkeit zu tragen, bekommt sie von ihrer Vorgesetzten den äußerst zugeknöpften Oberkommissar Otto Ikwuakwu (Bless Amada) an die Seite gestellt.

Es ist vor allen Dingen der neuen „Polizeiruf“-Hauptdarstellerin Wokalek zu verdanken, dass „Little Boxes“ nicht im Gaga-Land landet. Dank ihrer starken darstellerischen Präsenz und ihrer spürbaren Liebe zur neuen Rolle verliert sich der Krimi nie in Klamauk. Wobei das Ende dann überrascht, schockiert, und beinahe wie ein Stilbruch wirkt. Aber es funktioniert. Das ganze vorherige Spiel mit überzogenen Klischees und Vorurteilen landet auf einer hochdramatischen Ebene, mit der kein Zuschauer rechnen kann. Ein Ende, das nachwirkt, betroffen macht und zutiefst erschüttert. Ganz großes Kino!

„Polizeiruf 110: Little Boxes“ läuft am Sonntag, 17. September, um 20.15 Uhr im Ersten.

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