Ende der Amtszeit  Warum bei Wiesmoorern zum Abschied die Tränen kullern

Nicole Böning
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Von Nicole Böning
| 13.09.2023 18:30 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Beim Amtsantritt war bei der ehemaligen Blütenkönigin Jana Gerdes (hier mit Prinzessin Finja Krause aus Wittmund bei ihrer Wahl) die Freunde so groß, wie der Schmerz beim Abschied. Auch bei ihr gab es Tränen. Foto: Archiv/Ortgies
Beim Amtsantritt war bei der ehemaligen Blütenkönigin Jana Gerdes (hier mit Prinzessin Finja Krause aus Wittmund bei ihrer Wahl) die Freunde so groß, wie der Schmerz beim Abschied. Auch bei ihr gab es Tränen. Foto: Archiv/Ortgies
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Ob das Amtsende der Blütenkönigin Jana Gerdes oder des Ratsvorsitzenden Jens Peter Grohn – beides waren Abschiede unter Tränen. Warum stecken Wiesmoorer so viel Herzblut in ihr Engagement?

Wiesmoor - Es war für nah am Wasser gebaute Menschen schon schwer, beim Abschied der 70. Wiesmoorer Blütenkönigin nicht ebenfalls in Tränen auszubrechen. Bei der Wahl des neuen Königshauses am 3. September auf der Freilichtbühne in Wiesmoor hatte Jana Gerdes das vergangene Dienstjahr als eines der schönsten ihres ganzen Lebens bezeichnet und sich dann mit brüchiger Stimme verabschiedet, während die Tränen anfingen zu laufen. Ein harter Moment. Nicht weniger rührend ging es am Dienstag in der Sitzung des Wiesmoorer Stadtrates zu.

Was und warum

Darum geht es: Gleich zweimal endete in diesem Monat ein Amt in Wiesmoor unter Tränen. Der ehemaligen Blütenkönigin Jana Gerdes und dem scheidenden Ratsvorsitzenden Jens Peter Grohn fielen der Abschied schwer. Warum stecken Wiesmoorer so viel Herzblut in ihre Ämter?

Vor allem interessant für: alle, die sich engagieren, und die anderen, die wissen möchten, warum Menschen es tun

Deshalb berichten wir: Beide Abschiede gingen auch der Redaktion zu Herzen.

Die Autorin erreichen Sie unter: n.boening@zgo.de

Als der scheidende Ratsvorsitzende Jens Peter Grohn (SPD) zum Ende der letzten von ihm geleiteten Ratssitzung kam, liefen auch bei ihm die Tränen. Zuvor hatte er sich bei seiner Frau Elke für die Unterstützung während der letzten 22 Jahre in der Kommunalpolitik bedankt, konnte dann aber nicht mehr weitersprechen. Rührend sei es gewesen, sagt Grohn am nächsten Tag. „Ich hätte sogar erwartet, dass es noch härter wird“, fügt er hinzu.

Das letzte Mal Ratsvorsitzender

Zuvor hatte er gewohnt sicher durch die Tagesordnung geleitet – dieses Mal auf Plattdeutsch. Denn der Monat September ist schließlich Plattdeutsch-Monat. Grohn hatte in der Sprache seiner Heimat souverän die Beschlüsse zum Nachtragshaushalt 2023, zur Gründung einer Kinderfeuerwehr zwecks Nachwuchssicherung der Ortsfeuerwehr Marcardsmoor und zum Feuerwehrbedarfsplan fassen lassen.

Wie hier auf dem Archivbild beendete der Ratsvorsitzende Jens Peter Grohn (SPD) seine letzte Ratssitzung ohne Schlips und mit einem offenen Hemdsknopf. Foto: Cordsen
Wie hier auf dem Archivbild beendete der Ratsvorsitzende Jens Peter Grohn (SPD) seine letzte Ratssitzung ohne Schlips und mit einem offenen Hemdsknopf. Foto: Cordsen

Auch der Beschluss zum Ausbau von Schafsweg und Tunger Weg ging einstimmig durch, sowie die Änderung des Bebauungsplanes zum Erhalt der Siedlung am Rathaus in ihrer ursprünglichen Form. Alles Ratsarbeit, wie er sie in den gesamten 22 Jahren gewohnt war. Am Ende nahm der symbolisch den Schlips ab, öffnete den oberen Hemdknopf und beendete die Sitzung.

Noch ist nicht Schluss

Offiziell abgeben konnte er den Ratsvorsitz allerdings nicht, denn sein Stellvertreter Friedhelm Jelken (CDU) ist aktuell im Urlaub. „Deshalb läuft alles wie gewohnt bis zum Monatsende weiter“, sagt Grohn. Dann wird sein Rücktritt von den politischen Ämtern offiziell: als Stellvertreter des Bürgermeisters Sven Lübbers (parteilos), als Ratsvorsitzender und als Ratsmitglied. In den Stadtrat wird für ihn Heiner Eisenhauer nachrücken, wie in der Sitzung verkündet wurde. Wer Grohns Ämter übernehmen wird, darüber wird spätestens in der nächsten Ratssitzung Klarheit herrschen. In der SPD-Fraktion hält man sich mit möglichen Kandidaten noch bedeckt.

In der letzten von Grohn geleiteten Sitzung kam heraus, dass dieser Schritt längst nicht für alle so überraschend kam, wie er von den meisten wahrgenommen wurde. „Seit du vor einem Jahr mit dem Plan zu mir gekommen bist, habe ich versucht, dich zum Weitermachen zu überreden“, hatte Bürgermeisters Sven Lübbers zum Abschied gestanden. Aber es war nichts zu machen: „Auch hier hast du gezeigt, dass du zu deinem Wort stehst und deinen Weg gehst“, musste sich Lübbers schließlich geschlagen geben.

Was ist das Geheimnis der Stadt?

Aber warum fällt es den Wiesmoorer Amtsträgern so schwer, aus dem Dienst auszuscheiden? „Wir in Wiesmoor sprechen nicht übereinander, sondern miteinander“, versucht Grohn eine Erklärung. Wichtiger als das Parteibuch sei allen, dass Entscheidungen am Ende der Stadt Wiesmoor nutzen. „Das sage ich als Sozialdemokrat durch und durch“, sagt Grohn. In Wiesmoor würde man die Parteibrille ab- und die Wiesmoorbrille aufsetzen, wenn es wichtig sei.

„Das liegt auch am Geist, in dem die Menschen Wiesmoor aus dem Moor zu dem gemacht haben, was es heute ist“, ist sich Grohn sicher. Das sei ansteckend und habe dazu geführt, dass die Stadt in den vergangenen Jahrzehnten schlicht explodiert sei. Wie auch die Blütenkönigin Jana Gerdes kann er sich deshalb nicht vorstellen, sich nicht mehr für seine Stadt einzusetzen. Grohn will sich weiter bei der Organisation des Blütenfestes und des von ihm erstmals in diesem Jahr ins Leben gerufenen Ottermeerlauf engagieren.

„Ich bin verliebt in Wiesmoor“, sagt Grohn. Diese Liebe der Menschen zu ihrer Stadt zeige sich besonders bei ihrem Einsatz für das Blütenfest. „Ich bin schon als dreijähriger mit dem mit Blumen geschmückten Dreirad zum Blütenfest durch Wiesmoor gefahren“, sagt Grohn. Diese Liebe zur Heimat und zum Fest würde viele antreiben, Wiesmoor und das Blütenfest lebendig zu halten und weiterzuentwickeln. „In dem Geist schaffen wir jetzt auch bei der Organisation den Generationenwechsel“, sagt Grohn. Immerhin sei das 71. Blütenfest mit seinen Neuerungen das schönste Blütenfest seit langem gewesen. Für Grohn ein Hinweis darauf, dass es in Wiesmoor viele gibt, die wissen, was ihn antreibt und zum Wohl der Stadt an einem Strang ziehen.

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