Grundschulen am Limit  Stundenplan auf den letzten Drücker – woher Lehrkräfte nehmen?

Vera Vogt
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Von Vera Vogt
| 14.09.2023 08:02 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Eine Lehrerin schreibt in einer Grundschule Wörter an eine Tafel. Foto: Sebastian Gollnow/dpa
Eine Lehrerin schreibt in einer Grundschule Wörter an eine Tafel. Foto: Sebastian Gollnow/dpa
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An vielen Grundschulen ist die Lage angespannt. So auch in Jemgum. Gerade auf dem Land ist es schwer, Stellen zu besetzen. Und was nun?

Jemgum - Lehrkräfte-Mangel: Derzeit hört man immer wieder von diesem Problem. Aber, was das bedeutet, wurde kürzlich in Jemgum deutlich. Wie die Schulleiterin Britta Worpenberg erklärte, hatte man kaum Zeit, sich um schöne Projekte außerhalb des Stundenplans zu kümmern. „Zum Start haben wir uns auf rund 100 Kinder vergrößert“, erklärte sie bei der jüngsten Schulausschusssitzung zum Schuljahresbeginn.

Was und warum

Darum geht es: Manche Grundschulen sind stark vom Personalmangel getroffen.

Vor allem interessant für: Eltern und Großeltern

Deshalb berichten wir: Bei der Grundschule Jemgum wird es eng.

Die Autorin erreichen Sie unter: v.vogt@zgo.de

Schritt für Schritt musste man in der Schule deswegen Fachräume wie den für Musik, Sport oder Englisch in Klassen umwandeln. „Es wird eng“, sagte Worpenberg. Räumlich, aber gerade auch personell: „Wir haben einen unglaublichen Personalmangel – wie viele andere Schulen“, sagte sie. Bei der letzten Schulleiterdienstbesprechung habe es geheißen: „90 Prozent sind jetzt die neuen 100 Prozent“, sagte sie. „Das hat es noch nie gegeben. Und wenn man Gymnasiallehrer abgezogen hat, um die Stellen zu besetzen“, so Worpenberg. Man habe nur einen Notstundenplan stricken können, weil zwei Studentinnen einige Stunden übernehmen. Zeit beim Kultusministerium nachzuhaken, wie es um die Lehrkräfte auf dem Land bestellt ist.

Wie viele offene Stellen gibt es an den Grundschulen?

„Im Einstellungsverfahren zum Schuljahr 2023/2024 ist es gelungen, im Landkreis Leer zehn Lehrkräftestellen an Grundschulen mit geeigneten Bewerberinnen und Bewerbern zu besetzen“, sagt Felix Thiel, Sprecher des Niedersächsischen Kultusministeriums.

Sechs Stellen an Grundschulen konnten zunächst nicht durch neue Kräfte besetzt werden. „Zwei Stellen konnten dann aber im Nachgang durch abgeordnete Kolleginnen und Kollegen von anderen Schulen, die besser ausgestattet sind, bedient werden.“ Vier Stellen seien vorerst zurückgezogen worden. „Hier greifen andere Lösungen“, sagt Thiel. Was bedeutet das?

Welche anderen Lösungen gibt es bei der Besetzung von Stellen?

Bei personellen Engpässen arbeiteten die Schulleitungen miteinander und bekämen Unterstützung des zuständigen Regionalen Landesamtes für Schule und Bildung. Man suche Lösungen durch „Neueinstellungen von Lehrkräften, Zuversetzungen, Abordnungen, den Abschluss von Vertretungsverträgen, die Aufstockungen von Stunden bei Teilzeitlehrkräften oder die Anordnung von Mehrarbeit.“ Sprich: Alle arbeiten mehr, wenn sich niemand findet.

Ein Schüler meldet sich per Handzeichen während eine Lehrerin auf eine digitale Schultafel im Klassenraum einer 4. Klasse schreibt. Foto: Julian Stratenschulte/dpa
Ein Schüler meldet sich per Handzeichen während eine Lehrerin auf eine digitale Schultafel im Klassenraum einer 4. Klasse schreibt. Foto: Julian Stratenschulte/dpa
Viele Grundschullehrer fühlen sich laut Deutscher Presseagentur einer Erhebung zufolge überlastet und vermissen Wertschätzung. Das gehe aus den Angaben der 252 Deutschlehrkräfte hervor, die die rund 4600 Grundschulkinder unterrichtet hatten, deren Lesekompetenzen in der internationalen Iglu-Studie untersucht worden waren. Demnach gaben 45 Prozent der bundesweit Befragten an, sie fühlten sich überlastet und oft erschöpft in der Schule. Wie die vom Institut für Schulentwicklungsforschung (IFS) der Uni Dortmund veröffentlichte Analyse weiter ergab, nahmen 38 Prozent einen Mangel an Wertschätzung wahr. Dennoch sagten 71 Prozent der Lehrkräfte, dass sie ihre Arbeit für sinnvoll und wichtig halten.

Gibt es einen Unterschied zwischen Stadt und Land?

Ja, den gibt es: „Der Lehrkräftearbeitsmarkt in Niedersachsen und auch bundesweit ist durch ein deutliches Ungleichgewicht gekennzeichnet“, so Thiel. So seien Stellen an kleineren Schulen im ländlichen Raum grundsätzlich schwerer zu besetzen als Stellen in Universitätsstädten und Ballungszentren.

Wie viele Stunden an Grundschulen fallen aus?

Genau kann das Kultusministerium man nicht sagen, wie viele Stunden ausfallen – man erfasst das schlicht und ergreifend in Niedersachsen nicht. Aber: „Einmal im Schuljahr wird die rechnerische Unterrichtsversorgung ermittelt.“ In diesem Jahr lag der Stichtag am 31. August, so würden die Daten gerade ausgewertet und im Laufe des Schuljahres veröffentlicht.

Welche Anreize sollen geschaffen werden, um Lehrkräfte aufs Land zu holen?

Man könnte es mit Geld versuchen: „Wenn Stellen schwer zu besetzen sind, können Anreize geschaffen werden, etwa mit einem Personalgewinnungszuschlag oder einer Umzugskostenpauschale, mit der die Umzugskosten für neu eingestellte Lehrkräfte übernommen werden können“, so Thiel. Im vergangenen Jahr wurde das Lehrkräfte-Gewinnungspaket von der Landesregierung auf den Weg gebracht, welches im August in Kraft getreten ist. Darin sei unter anderem der Quereinstieg angepasst worden – allerdings nur mit Einzelfallprüfung.

Bewerbende, deren Bewerbungen bisher aufgrund von fehlenden Leistungspunkten nicht berücksichtigt werden konnten, könnten nun durch pädagogische Tätigkeiten und/oder Berufserfahrung Punkte sammeln. Personen ohne Bachelor- und Masterabschluss werde ermöglicht, sich für befristete Einstellungen an Haupt-, Real-, und Oberschulen sowie den Gesamtschulen im Sekundarbereich I zu bewerben und zwar durch die Anerkennung von geeigneten Fachschulausbildungen und Meisterprüfungen als Äquivalent zum Bachelor.

„Zum Schuljahr 2024/2025 plant die Landesregierung, A13 für Grund-, Haupt-, und Realschullehrkräfte einzuführen“, so Thiel. Diese wesentliche Änderung werde in den Haushaltsberatungen seit Mittwoch im Landtag diskutiert und mit großer Wahrscheinlichkeit im Dezember beschlossen. „Damit schaffen wir mehr Attraktivität für diese Schulformen“, sagt er.

Seit vergangenem Schuljahr gebe es das Modellprojekt Verwaltungsassistenz: Man wolle prüfen, wie Lehrkräfte durch Personal, wie Verwaltungskräfte, Therapeuten oder IT-Personal entlastet werden könnten.

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