Osnabrück  Handyverbot an Schulen? PISA-Chef Andreas Schleicher sieht China als Vorbild

Sören Ulrich, Michael Clasen
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Von Sören Ulrich, Michael Clasen
| 13.09.2023 06:17 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Angesichts intensiver Smartphone-Nutzung von Kindern und Jugendlichen werden Rufe nach mehr Regulierung der Mediennutzung im Raum. Braucht es sogar ein Handyverbot an Schulen? Foto: dpa/Sven Hoppe
Angesichts intensiver Smartphone-Nutzung von Kindern und Jugendlichen werden Rufe nach mehr Regulierung der Mediennutzung im Raum. Braucht es sogar ein Handyverbot an Schulen? Foto: dpa/Sven Hoppe
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Wie intensiv sollen Kinder und Jugendliche Smartphones nutzen? Wäre ein Handyverbot sinnvoll? Was können Schulen und Eltern in Deutschland von anderen Ländern lernen? OECD-Bildungsdirektor Andreas Schleicher hat einen außergewöhnlichen Rat.

In unserem Expertentalk „Brauchen wir ein Handy-Verbot an Schulen?“ haben renommierte Experten darüber gesprochen, wie sich intensive Mediennutzung bei Kindern und Jugendlichen nicht nur auf schulische Leistungen, sondern auch auf soziale Fähigkeiten auswirkt.

Hört man Schulleiterin und Bestsellerautorin Silke Müller zu, ist die kurze Antwort: Ja! Diskriminierung, Tierquälerei, Live-Streams per Go-Pro aus dem Ukraine-Krieg. Die Schulleiterin der Waldschule Hatten bei Oldenburg berichtet unter anderem von einem schockierenden Video, in dem Kinder eine Babykatze in einen Mixer stecken und diesen betätigen. Bereits im jungen Alter werden Schüler in sozialen Medien mit verstörenden Inhalten aus aller Welt konfrontiert. „Gerade in der Altersklasse, wo ganz vieles geprägt wird, ist es am schlimmsten“, betont sie.

Der Expertentalk als Re-Live

Die übermäßige und unregulierte Nutzung von Smartphones an Schulen wirke sich allerdings nicht nur auf schulische Leistungen, sondern gerade auch auf soziale Fähigkeiten aus, mahnt OECD-Bildungsdirektor Andreas Schleicher: „Wir erzeugen ja diese Echokammern, die die eigene Meinung verstärken und uns isolieren von anderen Perspektiven.“ Die Fähigkeiten, kritisch zu denken und sich mit anderen Menschen und Blickwinkeln auseinanderzusetzen, gingen bei intensiver Nutzung sozialer Netzwerke verloren.

Braucht es also ein Handyverbot an Schulen? Die Studienlage dazu sei zwar noch dünn, betont Christian Montag, Psychologieprofessor der Uni Ulm. Erste Untersuchungen zeigen allerdings positive Effekte sowohl auf die Leistungen als auch soziale Fähigkeiten der Schüler. Ohne Smartphone bewegen sich Schüler mehr und interagieren wieder stärker miteinander.

Laut Schleicher sind 15-jährige Schüler zwischen 30 und 50 Stunden pro Woche online. Damit liegt Deutschland im PISA-Vergleich zwar im Mittelfeld, die Zahlen offenbaren aber trotzdem eine enorme Zeitspanne: „Was Erwachsene arbeiten, sind Kinder online.“

Wer muss da jetzt handeln? Die Schule, die Eltern oder die Politik? Laut den Experten am besten alle. Und zwar gemeinsam. Andreas Schleicher appelliert an die Politik, ihre Verantwortung wahrzunehmen und einen klaren Gestaltungsrahmen vorzugeben. Christian Montag fordert zudem, die großen Tech-Konzerne hinter den sozialen Netzwerken in Haftung zu nehmen.

Der Psychologieprofessor nimmt auch Eltern in die Pflicht, die digitale Mediennutzung kritisch zu hinterfragen. Auch die eigene: „Dass Kinder sich das Verhalten der Eltern anschauen und kopieren“ sei bekannt. Und: Die Bereitschaft für digitales Arbeiten sei bei Eltern zwar groß, das Bewusstsein für Schwierigkeiten allerdings gering, fügt Müller hinzu. Da der Großteil der Online-Zeit außerhalb der Schule stattfindet, liege die Verantwortung von Schulen eben auch darin, Eltern zu unterstützen.

Der Blick nach Europa lohnt sich. In einigen nordeuropäischen Staaten werde bereits ein integrativer Ansatz verfolgt, bei dem die Schule auch die Aufgabe übernimmt, Eltern mit aufzuklären. Dafür brauche es aber eben auch die digitale Infrastruktur: „Bei der Digitalisierung insgesamt ist Deutschland praktisch zehn Jahre hinterher“, bemängelt Schleicher. „Wenn wir nach Nordeuropa schauen, Länder wie Estland, Finnland, Nachbarland Niederlande, die haben da vor vielen Jahren mit angefangen.“

Der Nachholbedarf an deutschen Schulen manifestiert sich auch in den Ergebnissen der Pisa-Studien. Leistungsunterschiede lassen sich laut Schleicher zwar nur schwer auf den Grad der Digitalisierung zurückzuführen, da die Studie lediglich die Leistungsunterschiede ohne Korrelationen darlegt. Der Pisa-Chef hält allerdings fest: „Einige Länder, die bei der Digitalisierung sehr weit sind, die sind auch im Bildungsbereich sehr gut.“

Neben den technischen Voraussetzungen komme es auch auf die Art der Nutzung von digitalen Medien an Schulen an. Digitalisierung werde oft mit Technisierung verwechselt, erklärt Müller. Dabei gehe es gar nicht darum, alle Schüler einfach mit Tablets auszustatten, sondern darum, einen gezielten Einsatz von verschiedensten digitalen Technologien zu entwickeln. Beispielsweise, um Lernunterschiede individualisiert erfassen und messbar machen zu können.

Oft seien allerdings auch Lehrkräfte noch überfordert mit dem sinnvollen Einsatz von Technologie. „Die meisten Schulen sind auf die kreative Nutzung von Medien gar nicht vorbereitet“, fügt Schleicher hinzu. „Da liegt das Potenzial.“

Digitalisierung ist nicht einfach gleich Technologie. Da gehe es auch um Grundsätzliches. „Um Kinder auf die Digitalisierung vorzubereiten, braucht es wenig Technologie“, so Schleicher. Vielmehr gehe es darum, soziale Interaktionen und Fähigkeiten zu fördern, die Schülern einen differenzierten und kritischen Umgang mit digitalen Räumen ermöglichen.

Es wirkt paradox. In Deutschland ist die chinesische App TikTok einer der Treiber von übermäßiger Mediennutzung und mitverantwortlich dafür, dass Schüler Schlag auf Schlag mit teils ungefilterten Inhalten konfrontiert werden.

In China dagegen ist regulierter und kontrollierter Umgang mit digitalen Medien bei Kindern und Jugendlichen bereits etabliert. Bei Computerspielen hat die Regierung bereits 2019 massiv eingegriffen und die Spieldauer auf 60 Minuten pro Tag begrenzt. 2021 wurden daraus dann maximal drei Stunden pro Woche. Auch Internetnutzung, mit Ausnahme von Bildungsangeboten, sollen für Kinder und Jugendliche reguliert und nach Alter gestaffelt werden. Eltern sollen allerdings auch weiterhin Nutzungszeiten ausweiten oder stärker einschränken können.

Das Land verfolge eine „radikale Reduzierung der Nutzung von Onlinemedien“, erläutert Schleicher. „Das wird technologisch gemacht, aber auch in den Schulen. Technologienutzung in China im Unterricht ist teilweise vorbildlich“, mithilfe von digitalen Systemen werden Lehrkräfte gar zu „Data Scientists“, lobt Schleicher. Die Technologie sei zwar präsent, aber nicht sichtbar. Der Bildungsdirektor der OECD gibt zu, das chinesische Modell ist „ein Eingriff in die Schulen und die Rolle der Eltern“, die positiven Effekte auf Lernfortschritte der Schüler seien allerdings nicht zu leugnen.

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