Analyse Was die Kommentare zum Neonazi-Konzert verraten
Viele Kommentatoren verharmlosen die offengelegten rechten Strukturen hinter dem Konzert in der Krummhörn Anfang August. Dahinter steckt eine bedrohliche Entwicklung.
Krummhörn - Die Berichterstattung zum Neonazi-Konzert in der Krummhörn geht weiter, sehr zum Ungemach von so manchem Kommentator in Sozialen Netzwerken. Die Kommentare, die das ganze Konzert herunterspielen, lassen tief blicken. Sie zeigen unter anderem, wie gesellschaftsfähig Nazis geworden sind, wie wenig manche Menschen verstehen und wie weit doch die Netzwerke des braunen Teils der Gesellschaft reichen.
Wie wir zu dieser Einschätzung gelangen, zeigen wir anhand einer Analyse. Bei einer Analyse handelt es sich – ähnlich wie bei einem Kommentar – um einen Meinungsbeitrag.
Wer kommentiert eigentlich?
Die meisten, die unter den Artikeln kommentieren, kommen aus Ostfriesland. Sonst ist es bei solchen Themen durchaus üblich, dass sie in entsprechenden Kreisen die Runde machen und plötzlich Menschen aus allen Teilen der Republik Kommentare hinterlassen.
Einige der Kommentatorinnen und Kommentatoren, um die es nachfolgend geht, gehören auch zum direkten Umfeld der Organisatoren oder des Unternehmens, welches seine Halle zur Verfügung gestellt hat. Viele der Kommentatoren haben laut eigenem Bekunden mindestens eins der beiden Konzerte besucht.
Die Onkelz-Verteidiger
Es gibt diejenigen, die die Berichterstattung loben und die Kommentatorinnen und Kommentatoren, die sich für die Hintergründe interessieren. Es gibt aber auch diejenigen, die regelmäßig entweder direkt das Konzert verteidigen oder versuchen, die Berichterstattung herunterzuspielen.
Ein Teil der Kommentare kommt dabei aus der Böhse-Onkelz-Fraktion. Das sind diejenigen, die keinen Hehl daraus machen, dass sie die Band „Böhse Onkelz“ hören. Die „Onkelz“, wie sie landläufig genannt werden, sind eine Band, die mal im Punk angefangen hat, dann kurz mit Liedern wie „Türken raus“ in rechten Gewässern fischte und sich seitdem mit ihrer Anti-Haltung gegen alles und ihrem Stil eine breite Fanbasis aufgebaut hat. Die Onkelz engagierten sich in der Vergangenheit durchaus gegen Rechts, aber sind auch unter Nazis weiterhin beliebt. In den 1990er-Jahren lief das Album „Gehasst, verdammt, vergöttert“ auch in Ostfriesland auf vielen Dorfpartys. Sind deswegen alle Onkelz-Fans rechts? Nein, das hat auch nie jemand behauptet. Die Kritik an dem Konzert richtete sich nie gegen die Musik, sondern nur gegen die komplett in rechter Hand gelegene Organisation. Die Bereitsteller des Veranstaltungsortes sind hier ausgenommen, deren Rolle kann nicht genau bestimmt werden. Das Unternehmen reagiert weiterhin nicht auf Kontaktversuche.
Die Relativierer
Eine weitere beliebte Taktik unter den Verteidigern des Konzertes ist das Relativieren. Der Abend sei ja friedlich verlaufen. Auch im vergangenen Jahr habe es ja niemanden interessiert.
Im vergangenen Jahr wurde das Konzert auch noch nahezu wie ein klassisches Rechtsrockkonzert organisiert. Also ohne viel Werbung und ohne breite Aufmerksamkeit. Die Onkelz-Coverband, die aus Nazis besteht, und mindestens auch der Sanitätsdienst, der sich nicht umsonst „NS“ abkürzt, waren auch schon 2022 vor Ort.
Und zum Thema friedlich: Klar, warum sollten sich die Leute auch schlagen? Darum ging es nie. An den Strukturen im Hintergrund ändert aber auch ein „friedlicher“ Abend nichts.
Die „Habt ihr keine anderen Themen?“-Fraktion
Gerne von denjenigen geäußert, die auch privat mit dem Umfeld des Konzertes zu tun haben. Aber auch andere Kommentierer tun gerne so, als würde die Zeitung nur noch aus diesem Thema bestehen. Bei dieser Taktik handelt es sich um eine Art des „Whataboutism“. Hinter dem Begriff verbirgt sich die Taktik, in einer Diskussion mit einem ganz anderen Thema anzufangen, um vom eigentlichen Thema abzulenken. „Macht ihr bei Antifa auch so einen Alarm. Feine Sahne Fischfilet, die in ihren Liedern zu Gewalt gegen die Polizei aufrufen?“, ist da ein gutes Beispiel.
Alternativ ist das ganze Thema für manchen Kommentator nur eine Ausprägung des Sommerlochs oder gar ein Feldzug gegen den Veranstaltungsort, also das Lohnunternehmen.
Die AfD-Wähler und weitere Rechte
Einige Kommentatoren (und Kommentatorinnen) machen keinen Hehl daraus, dass sie dem rechten Lager zugehörig sind. Gegenwind gegen entsprechende Kommentare, die sich zum Teil auch oben genannter Taktiken bedienen, gibt es wenig.
Gerne stellen diese Kommentatoren auch die Berichterstatter auf die „linke“ Seite, bemühen „die Antifa“ als Feindbild.
Zusammenfassung
Ungeachtet der Kommentare, die einfach nur Freunde und Verwandte verteidigen wollen, ist es erschreckend, wie viele Kommentatoren bewusst die Beteiligung von Neonazis ignorieren. Nur bei einem kleineren Teil der Kommentatoren kann das so erklärt werden, dass die Artikel einfach nicht gelesen werden, sondern nur auf Überschriften und kleine Textteile reagiert wird.
Einige scheinen offensichtlich aus anderen Gründen kein Problem mit Rechtsextremen zu haben. Wie bereits berichtet, finden sich unter den Kommentatoren AfD-Wähler und Menschen, die NS-Propaganda verteilen.
Andere Kommentatoren sind sich voll und ganz bewusst dass im Hintergrund des Konzerts Rechtsextreme agiert haben – und das wird akzeptiert. Gegen die angebliche Antifa-Presse zu hetzen, ist wichtiger. Neonazi-Sprech wird hier zum Teil bewusst, zum Teil unreflektiert übernommen.
Ist das die bürgerliche Mitte?
Sortiert man ideologisch-gefestigte Kommentatoren aus, bleiben diejenigen übrig, die man als „Mitte der Gesellschaft“ bezeichnen könnte. Also diejenigen, die eigentlich nicht zu Extrempositionen tendieren. Und das ist ein Problem, ein großes sogar.
„Der Rechtsextremismus ist die wohl größte Herausforderung für die Demokratie, was die Gefährlichkeit anderer Extremismen nicht schmälert“, heißt es in der sogenannten „Mitte-Studie 2020/21“ der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung. Vom Rechtsextremismus gehe „jedoch im besonderen Maße eine gewalttätige Bedrohung der Demokratie aus“ – und er sei anknüpfungsfähiger an die Mitte der Gesellschaft. „Rechtsextreme nehmen für sich in Anspruch die Mitte zu sein, oder sie suchen mit ihrer Propaganda die Mitte, rekrutieren in der Mitte und schlagen Brücken über den Rechtspopulismus.“
Die Studie kommt unter anderem zu dem Schluss, dass der Teil der Menschen, die eindeutig rechtsextrem sind, stagniert und zum Teil auch rückläufig ist. Gleichzeitig nimmt aber die Ablehnung rechter und vor allem rechtspopulistischer Standpunkte ab. In der jüngsten Studie „offenbart sich bei etlichen Befragten keine ganz klare Ablehnung von rechtsextremen Ideologieinhalten, [man] ist ihnen gegenüber zumindest ambivalent, bei einzelnen Aspekten sogar zustimmend eingestellt. Erkennbar wird hier auch das Einfallstor für rechtspopulistische Propaganda.“
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