Abschied von Bernd Battefeld Strackholts Pastor geht – und blickt kritisch auf die Amtskirche
Am Sonntag wird Bernd Battefeld verabschiedet. Zum Abschied spricht er darüber, wie Gemeinschaft lebt, was der Amtskirche abhandenzukommen droht – und über Autos, an denen er gern schraubt.
Strackholt - Als Bernd Battefeld nach Strackholt zog, waren in Deutschland gerade die fünfstelligen Postleitzahlen eingeführt worden und eine gelbe Comic-Hand namens Rolf sollte helfen, die Akzeptanz bei den Menschen zu steigern. Wenige Monate zuvor war die Tennis-Weltranglistenerste Monica Seles bei einem Attentat schwer verletzt worden und auf dem Balkan tobte schon seit etwa einem Jahr der Bosnienkrieg. Nun, nach zwei Jahrzehnten im Dienst der evangelisch-lutherischen Barbara-Gemeinde in dem kleinen ostfriesischen Dorf, hat der 65-Jährige am 1. September seinen Ruhestand angetreten. Am kommenden Sonntag wird er feierlich verabschiedet und entpflichtet. „Ich hätte durchaus gern noch weitergemacht“, sagt Battefeld. In Strackholt hätte man Battefeld auch gern noch länger behalten, wie der Kirchenvorstands-Vorsitzende Helmut Albers bestätigt. Es wurde nichts daraus, was auch damit zu tun hat, dass Battefelds Stelle von einer vollen auf eine dreiviertel Stelle gekürzt wird: Der Kirchenkreis Aurich muss sparen.
Deshalb sollen die Strackholter eine pfarramtliche Verbindung eingehen mit der Nachbargemeinde in Bagband. Deren Pastorin Elske Oltmanns tut noch bis Jahresende Dienst, ihre Stelle ist von einer halben auf eine viertel Stelle gekürzt worden. „Die Entscheidung ist so von der Kirchenkreis-Synode getroffen worden, auch von den Ehrenamtlichen“, sagt Battefeld. Er wolle das nicht erneut kommentieren. Der 65-Jährige zitiert stattdessen aus dem in diesem Jahr erschienenen Buch „Die organisierte Kirche der Zukunft“ des Fehmarner Theologen Dr. Martin Grahl. Darin heißt es: „Nach Mustern der Verwaltung wird von oben regiert, eigenständigen Kirchengemeinden wird aufgrund einer Zentralisation, was als Regionalisierung verkauft wird, in nicht wenigen Feldern die Gestaltungsmöglichkeit genommen. Es entstehen zahlreiche Pfarrstellen außerhalb der Orts-Gemeinde, kirchenleitende Organe werden – wie der Staat es uns vormacht – über die Maßen aufgebläht, und somit entfernt sich ,Kirche‘ immer mehr von ihren Mitgliedern.“
„Der direkte Kontakt zu den Menschen muss da sein und stimmen“
Der 65-Jährige sagt: „Es fällt mir nicht leicht zu gehen, weil mir sehr viele Menschen in Strackholt eng ans Herz gewachsen sind, und weil ich die Menschen auch nicht im Stich lassen möchte.“ Über Jahre haben er und der Kirchenvorstand ebenso wie die Verantwortlichen in Bagband gekämpft, um das Eindampfen ihrer Pfarrstellen zu verhindern. Auch eine Klage dagegen haben die Beteiligten geprüft, am Ende aber wegen unsicherer Erfolgsaussichten verworfen. Noch im vergangenen Jahr hatte sich Battefeld auch in der Kirchenkreis-Synode wie auch öffentlich kritisch darüber geäußert, dass im Kirchenkreis Aurich kreisweite Funktionsstellen für Pastoren neu geschaffen worden sind, während in den Orten, dort, wo Menschen die Kirche mit Leben füllen, Stellen gekürzt werden. „Kirche muss ein Gesicht haben. Der direkte Kontakt zu den Menschen muss da sein und stimmen“, sagte er seinerzeit. „Je größer die Einheiten werden, desto blasser und flüchtiger werden die Beziehungen zu den Menschen“, sagt Battefeld. „Doch Beziehungen, das Menschliche, sich in die Augen blicken, sprechen, sich auch mal auseinandersetzen, einander helfen und unterstützen, von Angesicht zu Angesicht: Das ist für mich, was zählt. Das wahre Leben ist analog – und dieses Miteinander, verbunden im Mitmenschlichen und im Glauben, macht für mich Kirche aus.“
So toll der Beruf, nah an den Menschen, als Pastor für ihn immer gewesen sei, sei die immer autoritärer und hierarchischer agierende Kirchenorganisation ihm in wachsendem Maße „unerträglich“ geworden, sagt der 65-Jährige. „Gemeinden sind keine Filialen eines Konzerns, sondern eigenständige Körperschaften. Ich finde auch, die Kirchengemeinden dürfen und sollten diese Entwicklung nicht so laufen lassen, bei der sich Kirche von den Orten zurückzieht, die Gemeinden runterfährt, um stattdessen zentralisierte Stabsstellen zu schaffen.“ Nicht das Amt sei wichtig, sondern die Kirche als Gemeinschaft der Gläubigen, bei der es immer wieder vor allem darum gehe, Brücken untereinander und zu weiteren Menschen zu bauen.
An Autos schrauben statt Predigten schreiben
Er selbst habe sich in Strackholt „immer getragen und gestützt“ gefühlt, sagt Battefeld. „Das war wirklich toll. Die Menschen hier sind klar, kernig, offen, sind liebenswert mit ihren Ecken und Kanten.“ Und der Kirchenvorstandsvorsitzende Helmut Albers sagt: „Sein Weggang reißt definitiv ein Loch. Bernd Battefeld ist ein hervorragender Pastor, hat das Dorfleben bereichert, hat es auch intern geschafft, Brücken zu bauen und die Gemeinde, in der Teile sich vor seiner Zeit zerstritten hatten, wieder zusammengebracht und das Miteinander weiterentwickelt.“
Seine eigenen Brücken zu vielen Menschen in Strackholt „werden bestehen bleiben“, sagt Battefeld. Auch wenn er und seine Frau aktuell in Verhandlungen über den Kauf eines Hauses „in der Nähe“ von Strackholt stehen und er künftig nur noch in Ausnahmefällen, „wenn die Gemeinde mich fragt“, Gottesdienste gestalten wird. Was kommt stattdessen? „Ich liebe es, an alten Autos zu schrauben, habe drei Oldtimer – darunter das 54 Jahre alte Auto meiner Eltern. Mein Dachboden steht voll von alten Autoteilen, die ich mir insbesondere ab 2009 in Zeiten der Abwrackprämie zusammengesammelt habe. Dafür will ich mir im künftigen Haus eine Werkstatt einrichten“, sagt Battefeld. Das Handwerkliche schätze er, seit er sich nach dem Abitur 1976 in Frankenberg an der Eder in Hessen als Kriegsdienst-Ersatz für zehn Jahre zur Mitarbeit beim Technischen Hilfswerk verpflichtet und viel im Katastrophenschutz gearbeitet habe.
Pastor statt Landwirtschaft und Lehramt
Auch wollte der Hesse ursprünglich nicht Pfarrer werden, sondern Agrarwissenschaften studieren, „doch plötzlich war dafür ein Abi-Schnitt wie für Medizin notwendig und ich wurde abgelehnt“. Ägyptologie, Archäologie „und weitere Orchideenfächer“ seien ihm damals als Alternativen vorgeschlagen worden.„Stattdessen bin ich dann bei evangelischer Theologie nachgerückt, habe das zunächst auf Grundschul-Lehramt bis zum ersten Staatsexamen studiert, und weil ich das viel spannender fand als ich selbst gedacht hätte, bin ich dabei geblieben und habe noch Theologie als Zweitstudium draufgesattelt.“ Der Liebe zu seiner aus Aurich stammenden Frau wegen, mit der Bernd Battefeld zwei Kinder hat, habe er es damals geschafft, aus der kurhessichen Landeskirche in die hannoversche zu wechseln und nach Vertretungen in der Lüneburger Heide und einigen Jahren in Barnstorf (Kreis Diepholz) geschafft, nach Ostfriesland, nach Strackholt zu wechseln. „Ins Pfarrhaus mit seinem wunderschönen Garten haben wir uns direkt verliebt“, sagt Battefeld. Aus dem werden er und seine Frau bald ausziehen. „Und dann schrauben, lesen, reisen. Ich habe noch einen alten Wohnwagen von 1975, ein Erbstück. Mit dem wollen wir gern öfter auf Tour gehen.“ Dann wird Battefeld über Brücken fahren, die andere gebaut haben – während vorerst unklar bleibt, wer ihm als Pastor in Strackholt nachfolgt.