Wolfsburg  Bundestrainer Hansi Flick entlassen - nach Verkennung großer Probleme

Benjamin Kraus
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Von Benjamin Kraus
| 10.09.2023 16:43 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Leitete am Sonntag noch das Training der Nationalelf: Hansi Flick. Foto: IMAGO/Kirchner/David Inderlied
Leitete am Sonntag noch das Training der Nationalelf: Hansi Flick. Foto: IMAGO/Kirchner/David Inderlied
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Die 1:4-Pleite gegen Japan war ein Offenbarungseid der deutschen Fußball-Nationalmannschaft - und zeigte die Probleme der Nationalelf wie unter einem Brennglas. Bundestrainer Hansi Flick verkennt eine Reihe von Problemen - und ist am Tag nach dem Spiel von seinen Aufgaben entbunden worden.

Es versprach eigentlich, ein so schöner lauer Spätsommerabend zu werden in Wolfsburg: Mit den angenehmen Strahlen des beginnenden Sonnenuntergangs im Rücken liefen beseelte Fußballfans mit Trikots der Nationalmannschaften aus Deutschland und Japan am mondänen Flussufer des Mittellandkanals in Richtung Volkswagen-Arena, vorbei an den Glasfassaden und klobigen Betonbauten rund um die Autostadt. Ein übermütiger Kapitän unterbrach allerdings die heimelige Atmosphäre, indem er die Musik auf seinem Ausflugsdampfer plötzlich auf volle Lautstärke drehte. So schallte es plötzlich ähnlich ohrenbetäubend über die Uferpromenade wie später durchs Stadion - wo der DJ mit dem bewusst erzeugten Lärm die Pfeifkonzerte der Zuschauer zur Halbzeitpause und nach Schlusspfiff zu unterdrücken versuchte.

Dabei setzten beide Musikmacher auf Lieder aus den 90er-Jahren. Die Analogie zur Lage des örtlichen Autobauers, Hauptsponsor der Nationalelf, dessen Verbrenner-Technologie zwar das vergangene Jahrhundert dominierte, ehe man nun den Anschluss zu verlieren droht, liegt nahe - und auch zur Flick-Elf selbst lässt sich in diesem Sinne ein passender Vergleich ziehen. Gegen Japan war es ja irgendwie schon eine Art Untergang mit Pauken und Trompeten.

2014 schaffte die Nationalelf den letzten großen Triumph mit dem WM-Titel - die letzten drei großen Turniere aber endeten mit großen Enttäuschungen. Dazu hat die Nationalelf die letzten drei Spiele verloren, aus fünf Partien nur ein Remis geholt und im Prinzip seit dem Vorrunden-Aus in Katar kein einziges wirklich überzeugendes Spiel mehr gezeigt. Die nach den enttäuschenden Pleiten im Juni gegen Polen (0:1) und Kolumbien (0:2) wortgewaltige Wende für diesen September ist nicht nur ausgeblieben, sondern hat sich komplett ins Gegenteil verkehrt - die Krise ist noch schlimmer geworden.

Auf den Tiki-Taka-Stil - durch Kurzpässe im Mittelfeld den Gegner auseinanderspielen - setzt Flick im Grundsatz nach wie vor. Das seit spätestens 2018 bekannte Problem der fehlenden Zielstrebigkeit und Durchschlagskraft in vorderster Front ist allerdings geblieben. Vergessen wird mit Blick auf den Triumph in Brasilien gerne, dass damals neben Bastian Schweinsteiger als Abräumer und Agressive Leader im Mittelfeld auch Miroslav Klose als echter Mittelstürmer noch eine tragende Rolle spielte. Beide standen für gradliniges Spiel nach vorn, nicht für die aktuell viel zu vielen Quer- und Rückpässe.

Dafür gibt es falsche Neuner, die abtauchen (Kai Havertz), indisponierte Sechser, die Zweikämpfen hinterherlaufen (Emre Can) und in Joshua Kimmich einen halb degradierten Leader, der zugleich rechts verteidigen und durchs Zentrum nach vorn spielen soll - und mit dieser Doppelrolle zumindest am Samstag eher Chaos als Gewinn stiftete. Ähnliches galt für den gelernten Innenverteidiger Nico Schlotterbeck als Linksverteidiger, der bei den ersten beiden Toren schlecht aussah, ehe der für ihn hereingekommene Robin Gosens das 1:3 mit einem katastrophalen Ballverlust einleitete.

Links ging sein Experiment komplett in die Hose, auf der Problemposition Mittelstürmer wagte Flick hingegen keines. Der Kader bot hier angesichts der Verletzung von Niclas Füllkrug keinerlei Alternativen, wobei Kevin Behrens von Union Berlin prinzipiell eine ähnliche Rolle zuzutrauen wäre wie jene, die Füllkrug etwa bei der EM spielte - auch als Typ in einer in weiten Teilen offenbar sehr stillen Mannschaft mit zurückhaltenden Charaktären.

Denn viel mehr als positionsbezogene Probleme erschreckte die Lethargie und Gleichgültigkeit, die das Spiel der Mannschaft nach vorn abseits des engagierten Leroy Sané prägte. Dass von Serge Gnabry kein einziges gefährliches Dribbling in Erinnerung bleibt, ist bezeichnend, dass der für ihn eingewechselte Kevin Schade in der 88. Minute die erste halbwegs gefährliche Flanke der Nationalelf überhaupt vor das Tor brachte, ebenso. Wenn ein Innenverteidiger keine Anspielstation findet, weil vor ihm kein einziger Teamkollegen die Initiative ergreift, spricht man von Standfußball - Feind jedes Kombinationsspiels, das auch der neue Kaptiätn Ilkay Gündogan nicht entscheidend prägen konnte.

Das sah auch das zu Spielbeginn noch überraschend wohlgesonnene Publikum im mit 24980 Zuschauern längst nicht ausverkauften Stadion in Wolfsburg - und reagierte später nachvollziehbarerweise mit Pfiffen. Und am Ende sogar mit höhnischem Applaus nach den Toren der Japaner in der Schlussphase - deren leidenschaftliche Verteidigungshaltung gepaart mit den überfallartigen Schnellangriffen begeisterte in der Tat mehr als das träge Spiel der Deutschen.

Die über weiteste Strecken fehlende Leidenschaft bei Deutschlands Nationalspielern muss eigentlich Bundestrainer Hansi Flick auch gesehen haben - in den Statements von ihm nach der Partie sprach er den Punkt mangelnde Einstellung jedoch nicht an. Stattdessen thematisierte er die starke Ausbildung der Japaner, monierte das Fehlen von Qualität bei seinem eigenen Team und sagte: „Ich finde, wir im Trainerteam machen es gut. Wir sind überzeugt von dem, was wir machen. Deswegen geht es auch so weiter für mich.“

Das tut es allerdings nun nicht mehr: Am Sonntagnachmittag gab der DFB bekannt, dass Hansi Flick von seinen Aufgaben entbunden wird. Dazu werden auch die beiden Co-Trainer Marcus Sorg und Danny Röhl mit sofortiger Wirkung von ihren Aufgaben entbunden. „Wir brauchen mit Blick auf die Europameisterschaft im eigenen Land eine Aufbruchstimmung und Zuversicht. Für mich persönlich ist es eine der schwierigsten Entscheidungen in meiner bisherigen Amtszeit. Denn ich schätze Hansi Flick und seine Co-Trainer als Fußballexperten und Menschen. Der sportliche Erfolg hat für den DFB aber oberste Priorität. Daher war die Entscheidung unumgänglich“, wird DFB-Präsident Bernd Neuendorf zitiert.

Beim Länderspiel am kommenden Dienstag in Dortmund gegen Vize-Weltmeister Frankreich werden Rudi Völler, Hannes Wolf und Sandro Wagner die Nationalelf einmalig betreuen. Ziel sei es, möglichst zeitnah die Nachfolge von Hansi Flick zu regeln, teilte der DFB mit.

Die Debatte um mögliche Nachfolger ist längst eröffnet - neben dem früheren Bayern-Trainer Julian Nagelsmann (36) und Wunschkandidat Jürgen Klopp (56), der aber beim FC Liverpool unter Vertrag steht, kursieren die Namen Ralf Rangnick (65, aktuell Nationaltrainer Österreich), Stefan Kuntz (60, aktuell Trainer Türkei), Oliver Glasner (49, zuletzt Eintracht Frankfurt) - und Matthias Sammer (56), der in der DFB-Task-Force sitzt, aber ein Trainer-Comeback immer ausgeschlossen hat. Die nächsten Tage dürften spannend werden bei der Nationalelf.

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