Historische Rede vor 75 Jahren „Völker der Welt“ schaut auf diesen Ostfriesen
Vor 75 Jahren appellierte der in Leer aufgewachsene Ernst Reuter in Berlin an die Westmächte, die Stadt nicht im Stich zu lassen – und rettete damit vermutlich Tausenden das Leben. Seine ostfriesischen Wurzeln vergaß er nie.
Leer/Berlin - Es ist 1948. Die sowjetischen Streitkräfte haben West-Berlin von der Außenwelt abgeschnitten. Kein Strom, kein Rein- oder Rauskommen – seit mehr als zwei Monaten. Der Winter naht, Hunger und Kälte drohen. Die Bevölkerung von Berlin hat Angst. Die westlichen Alliierten versorgen die Bevölkerung via Luftbrücke. Doch wie lange werden sie das noch tun? Wie lange wird die Sowjetunion die Blockade aufrechterhalten? Die Berliner damals haben auf diese Fragen keine Antwort und fühlen sich nicht sicher.
Was und warum
Darum geht es: Am Sonnabend vor 75 Jahren hielt der Leeraner Ernst Reuter eine der bedeutsamsten Reden der Nachkriegszeit in Berlin. Wir haben sein Leben in Leer nachgezeichnet.
Vor allem interessant für: Geschichtsinteressierte
Deshalb berichten wir: Ernst Reuters Rede „Völker der Welt“ ist sehr bekannt. Dass er Leeraner war, dagegen weniger. Die Autorin erreichen Sie unter: n.nording@zgo.de
In dieser Zeit stellt sich Ernst Reuter bei einer Kundgebung vor rund 300.000 Berlinerinnen und Berliner. Es ist nicht die erste Demonstration dieser Art. Doch die Worte von Ernst Reuter, gewählter, aber nicht anerkannter Bürgermeister von Berlin, gehen in die Geschichte ein: „Ihr Völker der Welt, ihr Völker in Amerika, in England, in Frankreich, in Italien, schaut auf diese Stadt! Und erkennt, dass ihr diese Stadt und dieses Volk nicht preisgeben dürft und nicht preisgeben könnt!“ An diesem Sonnabend jährt sich die Rede zum 75. Mal. Er appelliert an die westlichen Regierungen, Berlin nicht aufzugeben und setzt sich damit auch einer Gefahr aus. „Damals konnte man nicht wissen, wie es ausgeht. Hätten die westlichen Alliierten Berlin aufgegeben, hätte Reuter vermutlich mit lebensgefährlichen Konsequenzen der Sowjets rechnen müssen“, sagt Dr. Michael Bienert, Geschäftsführer der Stiftung Ernst-Reuter-Archiv in Berlin. Doch der Appell fruchtet, Berlin und Reuter überstehen die Blockade. „Man könnte sagen, dass ein Ostfriese damals West-Berlin gerettet hat“, sagt Bienert. Denn Ernst Reuter wuchs in Leer auf.
Hobby-Fotograf mit Liebe zur ostfriesischen Landschaft
Geboren wurde er zwar in Apenrade (Nordschleswig) im heutigen Dänemark, mit drei Jahren kam er 1892 mit seiner Familie nach Leer. „Über seine Zeit in Leer ist gar nicht so viel bekannt“, sagt Reuter-Experte Bienert. Die Familie sei unter sich geblieben. Viele Fahrradtouren habe er in der Umgebung von Leer gemacht. Die Landschaft prägte ihn. Reuter wurde auch früh zum Hobby-Fotografen: „Es gibt zahlreiche Aufnahmen von ihm aus der Umgebung von Leer“, so Bienert. Für eine Ausstellung würde es reichen, meint er.
Reuters Vater Karl leitete die Navigationsschule in der Bergmannstraße, im nördlichen Flügel des Gebäudes lebte die Familie. Als Lehrer gehörten die Reuters weder zu den reichen Kaufmannsfamilien der Stadt noch zu den ärmeren Klassen. „Darauf hat man auch sehr geachtet“, sagt Bienert.
In seiner Schulzeit verliebte sich Reuter zum Beispiel in die Tochter eines Briefträgers. In einem Brief schildert Reuter seinem Bruder Karl damals, wie sehr er in Gertrud verliebt sei, dass aber bloß seine Mutter davon nichts erfahren dürfe. Beim Abtanzball forderte Gertrud ihn nämlich mehrfach zum Tanz auf: „Glücklicherweise war Mama schon weg. Sonst hätte es entschieden was gegeben. Jedenfalls bin ich furchtbar verliebt“, schreibt er in dem Brief, den Johann Weers, ehemaliger stellvertretender Bürgermeister von Leer, in der Festschrift zur Einweihung des Ernst-Reuter-Platzes, zitiert. Die Broschüre ist noch immer im Stadtarchiv Leer einsehbar.
Die ostfriesischen Wurzeln von Ernst Reuter sind trotz seines Geburtsortes nicht zu übersehen: Sein Großvater Wilhelm leitete bis 1871 das Ulricianum in Aurich, in dieser Zeit wurde auch Ernst Reuters Vater Karl in Aurich geboren. Seine Großeltern lebten bis zu ihrem Tod in Aurich und sind dort auch begraben. Daher kam sein Vater zurück in seine Heimat, als er die Arbeit in Leer aufnahm. Trotzdem eilte der Familie immer der Ruf der „Zugezogenen“ voraus, weshalb sie sich eher auf sich besannen, so Bienert.
Ernst Reuter war gut in der Schule – außer im Turnen
Reuter machte am Ubbo-Emmius-Gymnasium, damals noch Gymnasium für Jungen, Abitur. Sein Zeugnis konnte sich sehen lassen: Überall schnitt er mit der Note „Gut“ ab, nur fürs Turnen bekam er ein „Mangelhaft“. Danach ging er studieren, blieb aber seiner Heimat Leer weiterhin treu. Regelmäßig besuchte er die Stadt, sogar nachdem seine Eltern zunächst nach Aurich gezogen und dann gestorben waren. „Er soll durch die Straßen der Stadt spaziert sein und seine Heimatstadt in sich aufgenommen haben. Freunde und Bekannte haben dies bestätigt. Offiziell im Rathaus ist er nie vorstellig geworden. Es war eben nicht seine Art, von seiner Person viel Aufhebens zu machen“, schrieb Johann Weers.
Diesen Eindruck bestätigt Dr. Michael Bienert. Reuter habe eine sehr nüchterne Art und Weise gehabt, sei dabei aber authentisch und nicht übertrieben auffällig gewesen. „Vielleicht hat seine Rede auch deswegen so viel Aufsehen erregt, weil dieser sonst so norddeutsch-kühle Mann plötzlich so emotional wurde“, sagt Bienert.
Heute ist seine Rede „Völker der Welt, schaut auf diese Stadt“ eine der bedeutendsten Reden der Nachkriegszeit. Sie steht auf einer Stufe mit „Mister Gorbatschow, tear down this wall!“ von US-Präsident Ronald Reagan und „Ich bin ein Berliner“ von US-Präsident John F. Kennedy. Reuter brachte es mit seiner Rede übrigens sogar auf die Titelseite des legendären „Times“-Magazin.
In Leer erinnert der Ernst-Reuter-Platz an den berühmten Sohn der Stadt. Zum 25. Todestag Ernst Reuters, am 25. September 1978, beschloss der Rat ihn mit dem Platz zu ehren. Mitten in Zeiten des Kalten Krieges wollten die Leeraner Politiker damals ein Zeichen setzen: Dem Ostfriesen zu Ehren, aber auch zur Solidarität mit Berlin, das noch immer zweigeteilt war.