Radladen statt Saalbetrieb  Noch ein großer Dorfkrug weg – warum de Wall in Holtrop fehlt

Ole Cordsen
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Von Ole Cordsen
| 07.09.2023 11:58 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 8 Minuten
Am Giebel hängt noch ein Brauerei-Schild der einstigen Gaststätte. In den neuen Fenstern hängen schon Fahrradsymbole. Fotos: Cordsen
Am Giebel hängt noch ein Brauerei-Schild der einstigen Gaststätte. In den neuen Fenstern hängen schon Fahrradsymbole. Fotos: Cordsen
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Fast neun Jahrzehnte lang wurde bei de Wall in Holtrop gefeiert. Die Gaststätte war weithin bekannt. Doch wo einst getanzt wurde, stehen jetzt Fahrräder. Wie kam es dazu?

Holtrop - Niemand hat gezählt, wie oft in all den Jahrzehnten Brautpaare beim Eröffnungstanz auf ihren Hochzeiten in Holtrop geschwitzt haben. Wie viele Rouladen, Suppen-Bottiche oder Mettbrötchen auf den Tischen auf Feiern verteilt wurden, im Saal der Gaststätte de Wall. Das Haus, das Gerhard de Wall Anfang der 1930er Jahre errichten ließ, genoss über Jahrzehnte einen Ruf weit über die Grenzen des Ortes hinaus. Das ostfriesische Landvolk richtete dort seine Delegiertenversammlungen aus, Betriebe und Familien feierten dort. „In den ganz frühen Jahren wurden in der Schankwirtschaft vorn auch noch die Lohntüten der Arbeiter ausgeteilt, das war der Dorfmittelpunkt, hier erfuhr man alles“, sagt Günter de Wall rückblickend.

Einst spielte sich reges Dorfleben in der Kneipe bei de Wall ab. Foto: privat
Einst spielte sich reges Dorfleben in der Kneipe bei de Wall ab. Foto: privat

Die Kneipe hat schon lange ihre besten Zeiten hinter sich gehabt. Der Saal war weiterhin gut gefüllt, das Clubzimmer auch. Dennoch ist mit Günter de Wall das fast neun Jahrzehnte währende Kapitel der bekannten Gaststätte zu Ende gegangen. Denn vor gut einem Jahr hat der 57-Jährige das Gebäude verkauft, der Tresen im Saal ist abgebrochen worden, längst gibt es im Gebäude keine Küche mehr. Die Geräte sind vor Monaten schon verkauft und ausgeräumt worden.

Deutlich heller wirkt der einstige Festsaal. Hier werden letzte Arbeiten erledigt, damit ab dem 12. September die Fahrräder einziehen können.
Deutlich heller wirkt der einstige Festsaal. Hier werden letzte Arbeiten erledigt, damit ab dem 12. September die Fahrräder einziehen können.

Radladen statt mongolischem Buffet

Wo zuletzt noch Gäste an Tischen tafelten, Bauernpräsidenten oder Minister Reden schwangen oder Menschen in Ausgehzwirn übers Parkett schwoften, werden gerade Podeste für E-Bikes aufgebaut. Wo im Clubzimmer um den Kamin der legendäre Spargel serviert wurde, hängen jetzt bunte Helme an der Wand und stehen Kinder- und Lastenräder zum Verkauf. Nur noch blass erkennbar sind die Namen Gaststätte de Wall und Günter de Wall auf einer abgeschrubbten Leuchtreklame erkennbar, die an der Straßenseite zum Postweg hin über dem Eingang hängen. Aus dem Saalbetrieb wird ein Fahrradladen, während eine weitere traditionelle Gaststätte mit Saalbetrieb in Ostfriesland Geschichte ist. „Ich habe auch mit Interessenten aus der Gastronomie verhandelt, so gab es einen Interessenten aus Bremerhaven, der bei uns auch mit Gastronomie in den Betrieb wollte“, sagt Günter de Wall. Man einigte sich aber nicht. „Weitere Interessenten, die beispielsweise ein mongolisches Restaurant mit Riesenbuffet eröffnen wollten, wollten nur pachten. Ich wollte aber selbst loslassen. Und dann bin ich mit Stephan Oltmanns ins Gespräch gekommen“, sagt er.

Günter de Wall blättert noch einmal in der kleinen Chronik seiner ehemaligen Gaststätte.
Günter de Wall blättert noch einmal in der kleinen Chronik seiner ehemaligen Gaststätte.

Oltmanns, Geschäftsführer von Zweirad Müller in Ostgroßefehn, hat schon vor etwa zwei Jahren das direkt angrenzende Nachbargebäude und frühere Getränkelager der Gaststätte gekauft – einstmals das Bekleidungsgeschäft Meinhard Post – und darin unter dem Namen Olvelo einen Lastenrad-Handel mit Werkstatt etabliert. Ein gutes halbes Jahr lang haben er und seine Mitarbeiter den Saal entkernt, Holzvertäfelungen abgenommen, Wände weiß getüncht. Ab dem 12. September zieht der bisherige Standort im Fehntjer Zentrum in die Räume der einstigen Gaststätte, der Name Zweirad Müller wird verschwinden. Am 15. September soll Eröffnung gefeiert werden. In den Räumen des Zweiradhandels in Ostgroßefehn wird ab Januar eine Zahnarztpraxis einziehen.

Die rustikalen Holzvertäfelungen im Saal sind gewichen, die Lampen und der Boden sind geblieben.
Die rustikalen Holzvertäfelungen im Saal sind gewichen, die Lampen und der Boden sind geblieben.

Bud-Spencer-Filme und ungezählte Feiern

Großefehns Bürgermeister Erwin Adams (parteilos) sagt: „Wir als Gemeinde freuen uns, dass es hier eine sinnvolle Nachnutzung gibt. Es ist gut, dass der anerkannte Zweirad-Laden so eine Entwicklungsmöglichkeit hat.“ Adams sagt zugleich aber: „Da geht schon auch ein Stück Großefehn verloren. Ich bin ja im Nachbarort Akelsbarg aufgewachsen, und in den 1970ern als Kinder sind wir schon immer zu de Wall geradelt, weil da Filme mit Bud Spencer und Terrence Hill auf Super 8 im Saal gezeigt wurden. Da hatten wir unsere ersten Kino-Erlebnisse. Das war wirklich besonders“, sagt er. „Und die Gaststätte war wirklich anerkannt, ein echter Anlaufpunkt weit über Gemeindegrenzen hinaus, eine wirklich große Nummer. Von der Taufe über Konfirmationen, grüne, silberne, goldene Hochzeiten, Weihnachts- und Silvesterbälle bis hin zu Vereins- und Betriebsfesten und Ratssitzungen: Da war immer was los, es war immer voll. Auch das Landvolk hat die Gaststätte ja gern genutzt, und ich glaube, es gibt keinen Landwirtschaftsminister Niedersachsens, der nicht da im Saal gesprochen hat.“

Von hinten wirkt der Saal, in dem jetzt E-Bikes aufgebaut werden, noch weitgehend unverändert.
Von hinten wirkt der Saal, in dem jetzt E-Bikes aufgebaut werden, noch weitgehend unverändert.

Dass dieser Ort des Zusammenkommens nun fehlt, „das schmerzt natürlich“, sagt Adams. „Jeder Saalbetrieb, der verloren geht, ist ein Verlust, weil damit auch ein Stück Zusammenleben verloren geht.“ Das sagt auch Erich Hinrichs (Funnix), der 18 Jahre lang Präsident des ostfriesischen Landvolks war. „Das tut mir schon leid: Schon wieder ein guter Laden weniger“, sagt er. „Die Größe des Saals passte, der Service war ideal, in der Mitte Ostfrieslands gelegen, war das wirklich ein wichtiger Ort für uns mit wunderbaren Vortragsmöglichkeiten.“

Geschluckt nach der finalen Entscheidung

Auch Günter de Wall selbst hat „ schon manches Mal geschluckt, nachdem die Entscheidung gefallen war“, sagt er. „Weil da hängt ja auch ein Lebenswerk mit dran, etwas, das meine Familie über drei Generationen aufgebaut und entwickelt hat“, sagt Günter de Wall. Sein Opa Gerhard hatte das Haus 1933 errichten lassen, „erst als Schankwirtschaft mit Tante-Emma-Laden, und dann ist das Ganze nach und nach gewachsen“, sagt der 57-Jährige. 1965 übernahm sein Vater – ebenfalls mit Namen Gerhard – den Betrieb, ließ 1972 den Saal für etwa 250 Gäste errichten, 1976 folgte der Bau einer großen Küche, um entsprechend große Festgemeinden auch bekochen zu können. 1983 aber starb sein Vater. „Ich war damals 17, wollte eigentlich zur See fahren, Nautiker werden. Und dann hieß es plötzlich: Komplette Kehrtwende, denn ich wurde gebeten, den Betrieb zu übernehmen, und habe eine Lehre zum Koch im renommierten Hotel Brems Garten in Aurich begonnen“, sagt er.

Ein bisschen Glitzer und Show konnte beim kalt-warmen Buffet von Günter de Wall schonmal dabei sein. Foto: privat
Ein bisschen Glitzer und Show konnte beim kalt-warmen Buffet von Günter de Wall schonmal dabei sein. Foto: privat

Im Jahr 1986 stieg er ein, führte und entwickelte das Haus mit seiner Mutter Christin gemeinsam weiter, vor etwa zwölf Jahren übernahm er dann die Hauptverantwortung. „16 Stunden pro Tag, sechs Tage die Woche: Das ist nicht von Pappe“, sagt Günter de Wall. Er kaufte ein, machte Buchhaltung, half im Service aus, kochte selbst – ungezählte Rouladen, Schweinebraten, Spargel und mehr – gemeinsam mit bis zu zwei angestellten Köchen, für Saalveranstaltungen, lieferte Essen aber auch außer Haus. „Es brummte. Wir hatten immer gut zu tun – und die Auftragslage war es auch nicht, die mich bewogen hat, hier aufzugeben und das Ganze zu verkaufen“, sagt der Holtroper.

Wo einst im Clubzimmer getagt oder diniert wurde, drapiert Stephan Oltmanns jetzt in hellen Räumen Kinderräder auf ein Regal.
Wo einst im Clubzimmer getagt oder diniert wurde, drapiert Stephan Oltmanns jetzt in hellen Räumen Kinderräder auf ein Regal.

Demütig nach dem Burnout

Offen spricht er darüber, wie er bei aller Begeisterung für den Job und der Freude am Trubel im vollen Saal an die Grenzen seiner Kräfte und darüber hinaus kam. „Vor sechs, sieben Jahren bin ich in ein Burnout geraten. Dann liegst du morgens im Bett, und der Verstand sagt: ,Aufstehen!‘ Aber du kannst nicht. Der Körper streikt. Nichts geht mehr.“

Mühsam und vorsichtig habe er sich aus dem Loch der Entkräftung zurückgekämpft. „Aber der Blick ist plötzlich ein anderer. Man ist demütiger. Die Gesundheit ist einem kostbarer, man wird vorsichtiger. Und auch die Ärzte haben mir sehr nachdrücklich nahegelegt, kürzer zu treten“, sagt der 57-Jährige. „Dann habe ich irgendwann meinen Sohn gefragt, er ist heute 14 Jahre alt: ,Möchtest du den Betrieb irgendwann mal übernehmen?‘ Und er sagte: ,Nein. Du hast so viel gearbeitet.‘ Der Junge hat andere Pläne und Ziele. Und dadurch ist dann die Entscheidung gewachsen, die Gaststätte zu verkaufen, zumal durch Corona zusätzlich noch die personellen Schwierigkeiten gewachsen waren.“ Es sei ja so: „Wenn die Familie nicht mehr möchte, fehlt die Perspektive. Und weil ich noch was vom Leben haben will, war es Zeit zu handeln.“

„Ich weiß das Haus in guten Händen“

Nachdem der Verkauf besiegelt war, „bin ich schon auch traurig durch die Räume gelaufen – man verbindet ja unzählige Erinnerungen damit, hat wahnsinnig viel hier erlebt“, sagt de Wall. „Aber man muss auch loslassen können, und das kann ich. Ich habe mich früh um eine gute Altersvorsorge gekümmert, habe gespart und mir im Jahr 2000 ein Haus selbst gebaut. Bis dahin haben wir als Familie immer auch in der Gaststätte gelebt. Das macht jetzt den Abschied auch einfacher.“ So ganz lässt Günter de Wall indes nicht los, ist weiterhin regelmäßig in seinem alten Betrieb, denn der neue Eigner Stephan Oltmanns hat ihn als Mitarbeiter eingestellt. „An drei Tagen pro Woche fahre ich jetzt und liefere Räder aus“, sagt der Holtroper. „Und so schade es auch ist: Ich weiß das Haus in guten Händen. Ich selbst kann jetzt mit Freunden feiern gehen, mich wieder mehr bei der Feuerwehr und in der Dorfgemeinschaft einbringen, kann das nachholen, was ich vorher nicht konnte. Das ist auch schön“, sagt er.

Die Lampen an der Einfahrt zum Parkplatz sind mit Radfahrer-Silhouetten beklebt worden.
Die Lampen an der Einfahrt zum Parkplatz sind mit Radfahrer-Silhouetten beklebt worden.

Stephan Oltmanns freut sich ebenfalls: „Es war schon ein wirklich komisches, auch beklemmendes Gefühl, den Tresen im Saal abzureißen, die Kneipe, das Clubzimmer zu entkernen. Da steckt so viel Geschichte drin. Wir lassen im Saal auch einige Elemente, etwa die Lampen und den Fußboden, als Erinnerungszeichen ans Vorherige.“ Für seinen Betrieb sei der Standort „optimal, weil wir keine karge Halle in einem Gewerbegebiet haben wollten und weil wir hier alles zentral auf einem Fleck haben mit ausreichend Platz und Parkflächen“. Oltmanns sagt: „So schade es um die Gaststätte ist, ich glaube und hoffe, hier wird eine neue, gute Geschichte weitergehen.“

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