Frankfurt  Flicks Job steht auf dem (Test)Spiel - wirklich?

Udo Muras
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Von Udo Muras
| 05.09.2023 16:39 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Unter Druck vom Boulevard: Bundestrainer Hansi Flick Foto: IMAGO/Christian Schroedter
Unter Druck vom Boulevard: Bundestrainer Hansi Flick Foto: IMAGO/Christian Schroedter
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Unser Autor hat viele Bundestrainer kommen und gehen sehen - aber noch nie wurde einer nach einem Testspiel gefeuert. Kann sich das ändern?

Die Zeiten, als man sich auf Länderspiele freute, sind ja längst vorbei. In meinem Bekanntenkreis werden Pläne für verlängerte Wochenendausflüge gemacht - es ist ja keine Bundesliga. Und wie Deutschlands vermeintlich Beste gegen Japan spielen? Also bitte.

Wobei das nichts mehr mit der geübten Arroganz vergangener Dekaden zu tun hat, als nur die Höhe des Sieges in Frage stand, sondern vielmehr mit einer gehörigen Portion Verdrossenheit. Im Moment ist es eben schick, keinen Bock auf unsere Nationalelf zu haben, hat sie uns doch nach Jahrzehnten großer Erfolge und heroischer Niederlagen zuletzt nur noch enttäuscht oder zu Tode gelangweilt. Zu allem Übel handelt es sich gegen Japan und vier Tage später, immerhin gegen den WM-Zweiten Frankreich, nur um „Testspiele“. Dabei geht es ja doch um was, wenn man einem Teil der Medien glauben darf – Hansi Flicks Job steht auf dem Spiel. Vom DFB hat das zwar niemand behauptet, aber es wird zumindest von den Freunden beim Boulevard als gegeben hingestellt. Wenn er diese Spiele auch noch in den Sand setzt nach  – dann muss er ja wohl gehen, weil wir sonst unsere Heim-EM vor die Wand fahren.

Nun kann ich mich nicht erinnern, dass jemals ein Bundestrainer nach einem schwachen Testspiel gefeuert worden wäre. Allerdings warf der statistisch besser als alle anderen Trainer gelistete Berti Vogts vor ziemlich genau 25 Jahren nach einer verkorksten Malta-Reise hin, bei der Aufbruchsstimmung nach einer noch verkorksteren WM (damals traf das noch auf ein Aus im Viertelfinale zu) erzeugt werden sollte. Weniger wegen des uninspirierten Gebolzes gegen Malta und Rumänien, sondern mehr wegen der Grundstimmung im Lande. Sein Rücktritt war ein Novum der DFB-Historie, denn er erwischte den Verband auf dem falschen Fuß, wie das Chaos um seine Nachfolgesuche bewies.

Jupp Derwall war nach der EM 1984 zwar offiziell auch zurücktreten, aber die Bild-Zeitung, die schon Franz Beckenbauer in Stellung gebracht hatte mit einem sehr zurechtgebogenen Zitat (Franz: „Bin bereit!“) und der DFB-Präsident Hermann Neuberger ließen ihm keine Wahl. Gegen die öffentliche Meinung die Nationalelf, damals noch der Deutschen liebstes Kind, zu trainieren war aussichtsloser als ohne Torwart gegen Brasilien zu spielen. Das kapierte auch ein Erich Ribbeck anno 2000 nach der schlechtesten EM aller Zeiten.  

Von daher kann es schon sein, dass Flick, dem das Vorrunden-Aus in Katar nicht allein angelastet werden kann, in einer Woche im Sturm steht. Es wäre jedoch einer, der in Redaktionsstuben erzeugt würde und hätte mit Fair Play nichts zu tun. Seinen Kurs hat nicht jeder verstanden. Aber jeder der Augen hat, muss auch sehen, welche Nachwuchssorgen unser Fußball hat und welche Planstellen kaum adäquat zu besetzen sind. Diejenigen, die jetzt eine Trainerdebatte anzetteln, wo es bis zur EM sowieso nur Testspiele gibt, auf die weder Vereine noch Spieler besonders großen Bock haben, sollten nicht so tun als täten sie das nur für den deutschen Fußball.

Sie tun es zuvorderst für die Auflage und Klickzahlen. Die steigen natürlich, wenn schon Kandidaten für eine Nachfolge gehandelt werden. Aber Franz Beckenbauer steht nicht mehr zur Verfügung.

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