Jens Peter Grohn geht  Wiesmoorer Rats-Chef zieht sich überraschend aus der Politik zurück

Ole Cordsen
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Von Ole Cordsen
| 05.09.2023 17:54 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Jens Peter Grohn an der Teetafel zu Hause. Dort wird in Kürze umgebaut, dort möchte er mehr Zeit mit Kindern und Enkeln verbringen. Foto: Archiv/Cordsen
Jens Peter Grohn an der Teetafel zu Hause. Dort wird in Kürze umgebaut, dort möchte er mehr Zeit mit Kindern und Enkeln verbringen. Foto: Archiv/Cordsen
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Mitten in der Wahlperiode, zwei Jahre nach der Kommunalwahl zieht sich der Ratsvorsitzende und stellvertretende Bürgermeister von Wiesmoor, Jens Peter Grohn, komplett aus der Politik zurück. Warum?

Wiesmoor - Ich bin dann mal weg. Knapp 22 Jahre lang hat Jens Peter Grohn als Ratsherr für die SPD die Entwicklung der Stadt Wiesmoor mitgeprägt, etwa neun Jahre lang hat er den Rat der Stadt geführt, ebenso lange war er Stellvertreter der Bürgermeister. Erst von Friedrich Völler (SPD), seit 2021 von Sven Lübbers (parteilos). Und jetzt plötzlich geht er. Zieht sich aus der Politik zurück. Macht es ein wenig wie Hape Kerkeling in seinem bekannten Buch über die Jakobsweg-Wanderung und geht. Legt sein Ratsmandat nieder, stellt seine politischen Posten im Rat und als Bürgermeister-Vize zur Verfügung. Von außen betrachtet plötzlich, öffentliche Anzeichen dafür waren rar, „auch wenn ich mir schon geraume Zeit Gedanken darüber gemacht habe und das Ganze wohl überlegt ist“, sagt er. Gab es einen Knall, hat er sich mit den politischen Mitstreitern überworfen, mit dem Bürgermeister in die Haare bekommen? „Mitnichten“, sagt er. „Ich gehe komplett im Guten. Ich finde nur: Jetzt ist es gut gewesen.“

Gut ein Jahr ist es her, als Rückzugsgedanken in ihm zu keimen begannen. „Ich habe im Garten gearbeitet, und während ich da etwas monoton vor mich hin geschuftet habe, kam mir die Frage: ,Was hast du noch mit dem Leben vor?ʻ“, sagt er. „Ich war gerade 60 Jahre alt geworden, und in mir wuchs die Entscheidung, dass es nach mehr als 20 Jahren im Rat, nach ungezählten Terminen als stellvertretender Bürgermeister noch einmal Zeit für etwas Neues ist – und dafür, anderen Leuten die Chance zu geben, sich an meinen Stellen einzubringen. Ich selbst habe politisch alles erreicht, was ich mir vorgenommen hatte. Aber ich habe noch einiges im Leben vor.“

„Da wird es garantiert nicht langweilig“

Und was? „Ich habe drei wundervolle Kinder und sieben Enkel. Ich freue mich riesig darauf, mehr Zeit für sie zu haben. Wir werden auch unser Haus zu einem Mehrgenerationenhaus umbauen. Unser ältester Sohn mit seiner Frau und seinen zwei Kindern wird bei uns einziehen. Das ändert vieles, da wird es garantiert nicht langweilig – und ich freue mich darauf“, sagt er und setzt hinterher: „Ich habe mich immer gern für Wiesmoor eingesetzt, habe den Ort auf dem Weg zum Meilenstein der Stadtrechte 2006 begleitet, engagiere mich ja auch weiter vielfältig.“

Privat begeistert er sich seit vielen Jahren fürs Laufen, ist Dauergast beim Ossiloop, hat mit dem Ottermeer-Lauf in diesem Jahr eine ganz eigene Lauf-Veranstaltung auf die Beine gestellt, die sich etablieren soll. Auch beim Tanzsport blüht der 60-Jährige auf, ist begeistert bei der Line-Dance-Gruppe „Lightning Boots“ in Wiesmoor dabei, setzt sich im Vorstand des Verkehrs- und Heimatvereins für touristische Belange ein und ist dabei quasi im Hintergrund der Programmdirektor des Blütenfests. „All das braucht über die Politik hinaus auch Zeit. Das mache ich unglaublich gern. Aber gerade deshalb ist es wichtig und an der Zeit, dass meine Familie und auch meine Frau jetzt, wo alles gut ist, mehr von mir haben. Die haben lange Zeit zurückgesteckt.“ Auch wenn seinem Lebensmotto zufolge Politik in allem ist, gilt für ihn jetzt der erste Halbsatz des Sprichworts: „Politik ist nicht alles.“

Laufen ist eine der großen Leidenschaften von Jens Peter Grohn. 2017 war er als Teil des Stadtrats mit seinem Fraktionskollegen Jürgen de Buhr beim Benefiz-Staffellauf „Lopen und helpen“ von Großefehn nach Wiesmoor dabei. Foto: Archiv/Wolters
Laufen ist eine der großen Leidenschaften von Jens Peter Grohn. 2017 war er als Teil des Stadtrats mit seinem Fraktionskollegen Jürgen de Buhr beim Benefiz-Staffellauf „Lopen und helpen“ von Großefehn nach Wiesmoor dabei. Foto: Archiv/Wolters

„Man muss auch loslassen können und Zutrauen schenken“

Deswegen wird die kommende Ratssitzung am Dienstag ab 19 Uhr im Forum der KGS Wiesmoor die letzte sein, die Jens Peter Grohn leitet. Mutmaßlich einmal mehr in seiner typischen Art: ruhig, besonnen, aber mitunter auch Langrednern und Abschweifern entschieden die Ausführungen abgrätschend. „Ich bin sicher, dass der Moment für mich unglaublich emotional wird, wenn er gekommen ist. Wenn es vorbei ist. Damit sind ja auch viele entscheidende Jahre meines Lebens verbunden“, sagt Grohn, der nach 30 Jahren als Berufssoldat bei der Luftwaffe als Stabsfeldwebel vor zehn Jahren aus dem aktiven Dienst ausgeschieden ist. „Aber noch habe ich es in der Hand, selbst zu gehen, kann mich auf dem Höhepunkt verabschieden. Das ist würdiger. Ich möchte nicht irgendwann gegangen werden. Man muss auch loslassen können und anderen das Zutrauen schenken.“

Eben dies tut der 60-Jährige. Wer den Ratsvorsitz übernehmen und wer stellvertretender Bürgermeister wird? „Da wird die SPD dem Rat Kandidaten vorschlagen, dem werde ich aber nicht vorgreifen“, sagt er. „Wobei ich mir gut vorstellen kann, dass die Ämter auf zwei Personen verteilt werden.“ Sein Ratsmandat wird per Nachrücker-Liste an Heiner Eisenhauer gehen. Der Industriemeister Metall hat für die SPD schon von 2014 bis 2021 im Rat gesessen „und ist ein toller Mensch“, sagt Grohn.

Beim Blütenfest hält Jens Peter Grohn als Programmdirektor hinter den Kulissen viele Fäden in der Hand. 2020 nahmen er und die damalige Blütenprinzessin Vanessa Habben den aus Blüten gesteckten Zitronenfalter von Jasper Ukena unter die Lupe. Foto: Behrends
Beim Blütenfest hält Jens Peter Grohn als Programmdirektor hinter den Kulissen viele Fäden in der Hand. 2020 nahmen er und die damalige Blütenprinzessin Vanessa Habben den aus Blüten gesteckten Zitronenfalter von Jasper Ukena unter die Lupe. Foto: Behrends

„Das war wie in einer guten Ehe“

Das sagt umgekehrt auch Bürgermeister Sven Lübbers über den scheidenden Ratschef. „Er ist ein toller Kerl, wir haben einen sehr engen Draht gehabt – und mir tut es wahnsinnig leid, dass er geht. Ich hatte gehofft, dass er diese Wahlperiode noch komplett durchzieht, aber ich kann den Zeitpunkt und die Entscheidung absolut nachvollziehen.“ Grohn habe Wiesmoor als Stadt mit weiterentwickelt, „hat sie mit vielen weiteren Menschen maßgeblich geprägt, und auch mit ihm als Stellvertreter wird etwas wegbrechen“, sagt Lübbers. „Im Trio mit mir, ihm und Friedhelm Jelken hat es hervorragend geklappt.“

Den CDU-Politiker Jelken und Grohn verbindet inzwischen „eine Freundschaft, ganz unabhängig von politischen Parteien“, sagt Grohn. „Überhaupt rückt Parteidenken auf der Ortsebene ja ganz nach hinten, weil es darum geht, etwas für den Ort zu bewegen. Das ist wichtig und da war mir immer wichtig, dass möglichst viele an einem Strang ziehen.“ Jelken seinerseits lobt „das hervorragende Miteinander“ mit Grohn: „Das war wie in einer guten Ehe: Man hat auch mal verschiedene Meinungen, hat das aber ganz ruhig und sachlich ausdiskutiert – und was rauskam, war etwas Gutes und galt dann auch. Mir tut es auch leid, dass er geht.“ So ganz geht Grohn aber nicht: „Ich ziehe mich ja nur aus der Politik zurück. Beim Blütenfest engagiere ich mich weiter, werde mich auch sonst in der Stadt einbringen – nur mit ein bisschen mehr Privatleben als zuletzt.“

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