Analyse Was AfD-Wahlergebnisse mit dem Konzert in der Krummhörn zu tun haben
Bewegen sich die Veranstalter des Nazi-Konzerts in der Krummhörn losgelöst von allem anderen? Nicht nur die Wahlergebnisse der AfD legen nahe, dass rechtes Gedankengut weiter verbreitet ist.
Krummhörn/Emden - Die Zahl derer, die auf Sozialen Netzwerken das von Neonazis organisierte Konzert in der Gemeinde Krummhörn verteidigen, ist groß. Das wirft Fragen auf. Vor allem: Wie rechtsoffen oder gar rechts ist die Bevölkerung in der Krummhörn?
Was und warum
Darum geht es: Rechtes Gedankengut ist auch in der Krummhörn und der Stadt Emden weiter verbreitet, als mancher denken mag.
Vor allem interessant für: diejenigen, die sich für die Hintergründe rund um das von Neonazis organisierte Konzert in der Krummhörn interessieren.
Deshalb berichten wir: Wir haben uns die Wahlergebnisse der AfD in der Krummhörn und in Emden genauer angesehen, nachdem viele AfD-Wähler das Konzert in Sozialen Netzwerken verteidigten. Den Autor erreichen Sie unter: c.hock@zgo.de
Ein Indiz dafür sind die vergangenen Wahlen: Sowohl bei der Kommunal- als auch bei der Landtagswahl hat die Alternative für Deutschland (AfD) in den Krummhörner Dörfern teils hohe Wahlergebnisse geschafft. Das deutet darauf hin, dass die ideologisch eindeutig zur rechten Szene gehörenden Veranstalter sich nicht völlig losgelöst von Teilen der Krummhörner und Emder Bevölkerung bewegen. Wie wir zu dieser Einschätzung gelangen, zeigen wir anhand einer Analyse. Bei einer Analyse handelt es sich – ähnlich wie bei einem Kommentar – um einen Meinungsbeitrag.
„Ich warne davor, die Wahl der AfD noch als Protest zu begreifen“
Lange war die Protestwahl eine gern genommene Erklärung für das Erstarken der Rechtsaußen-Partei AfD. Doch es mehren sich die Stimmen, die diese Erklärung infrage stellen. So warnte vergangenen Monat der Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung, Thomas Krüger, davor, die hohen Zustimmungswerte zur AfD in Umfragen als ostdeutsches Phänomen zu begreifen. Und: „Ich warne davor, die Wahl der AfD noch als Protest zu begreifen“, so Krüger gegenüber dem Redaktionsnetzwerk Deutschland.
Der Politologe und Politikberater Johannes Hillje geht sogar noch weiter. „Ich glaube, die Protestwähler-These ist eine bequeme Erzählung der demokratischen Kräfte, um sich einzureden, es sei nicht der Rechtspopulismus oder gar Rechtsextremismus, der die Wähler anspreche, und sie seien allesamt rückholbar für die anderen Parteien“, sagte er Anfang August im Interview mit dem Bayerischen Rundfunk.
In Freepsum mehr Stimmen für AfD als für CDU, Grüne und FDP
Nimmt man diese These an, dann erscheinen die vergangenen Wahlergebnisse in der Krummhörn in einem neuen Licht. Denn: Sowohl bei der Kommunalwahl im September 2021 als auch bei Landtagswahl im Oktober 2022 gab es in einzelnen Orten der Krummhörn eine recht hohe Zustimmung zur AfD.
Am deutlichsten wird dies bei der Landtagswahl. Rund 15 Prozent der abgegebenen Erst- und Zweitstimmen fielen im Schnitt auf die AfD, bei einer Wahlbeteiligung von fast 63 Prozent. In Woltzeten bekam die AfD fast 30 Prozent der Zweitstimmen, in Freepsum knapp 25 Prozent. Hier lagen die Erststimmen, also die Stimmen für den Kandidaten Harald Kutscher, gar bei fast 26,5 Prozent. Kutscher erhielt damit nur eine Stimme weniger als die Direktkandidaten von CDU, Grüne und FDP zusammen – und auch nur 24 Stimmen weniger als SPD-Direktkandidat Matthias Arends.
Die Wahlbeteiligung in Freepsum lag bei knapp 55 Prozent – und bei den Zweitstimmen gab es sogar ein paar Stimmen mehr für die AfD als für CDU, Grüne und FDP zusammen. In Woltzeten ein ähnliches Bild, wobei hier die Zweitstimmen deutlich über denen der Erststimmen lagen.
AfD Niedersachsen in Teilen rechtsextrem
Bei aktuellen Umfragen zur „Sonntagsfrage“ zur Bundestagswahl liegt die AfD bei Werten um die 20 Prozent. Diese 20 Prozent wurden, auch wenn dies nur bedingt vergleichbar ist, bei der vergangenen Landtagswahl in Woltzeten, Freepsum und Canum bereits überschritten. Aber auch in Visquard und Loquard erreichte die AfD mehr als 18 Prozent der Zweitstimmen im vergangenen Jahr.
Die AfD ist, nachdem rechte Parteien wie die NPD/Die Heimat oder Die Rechte nahezu in der Bedeutungslosigkeit verschwunden sind, für viele rechte und rechtsoffene Menschen die einzige „wählbare“ Partei. „Laut den Wahlforschern [von Infratest dimap] geben knapp drei Viertel der Wählenden an, ihre persönlichen Grundüberzeugungen seien sehr nah an denen der Partei. Knapp jeder Dritte, der der AfD seine Stimme gibt, hat laut Infratest dimap ein geschlossen rechtsextremes Weltbild“, berichtet BR24.
Der Verfassungsschutz Niedersachsen beobachtet Teile der AfD Niedersachsen, bezeichnet die Partei noch im Verfassungsschutzbericht 2022 als „in Teilen rechtsextrem“. Dirk Pejril, seit 2022 Präsident des Niedersächsischen Verfassungsschutzes, erklärte in einem am Wochenende veröffentlichten Interview mit der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung (HAZ): „Im Landtag sitzen gewählte Abgeordnete einer Partei, die wir als Verdachtsfall beobachten. Darunter befinden sich Personen, die dem mittlerweile aufgelösten, als rechtsextremistisch eingestuften sogenannten Flügel zugeordnet werden konnten.“ Die AfD trete in Niedersachsen zwar gemäßigter auf, distanziere sich aber nicht von den radikalen Kräften der Gesamtpartei.
Emden und Krummhörn über dem Landesschnitt
Insgesamt erhielt die AfD bei der vergangenen Landtagswahl in Niedersachsen rund elf Prozent der abgegebenen Zweitstimmen. In der Krummhörn unterschritten wurde dieser Schnitt nur in Woquard (9,3 Prozent) und Hamswehrum (8,24 Prozent). In Emden kam sie auf 12,81 Prozent der Zweitstimmen.
Krummhörner Rat positioniert sich gegen Rechts
Was in Schleswig-Holstein rechtsextrem ist, ist es in Niedersachsen nicht
„Scheiß Antifa!“ und besondere Tanzhinweise
Den Kampf gegen Rechts nicht aufgeben
Frakturschrift und Schwarz-Weiß-Rot
Krummhörn und Emden sind unterdessen die beiden Orte, die bei der Recherche zum Neonazi-Konzert in der Krummhörn immer wieder auftauchen. Einer der Organisatoren wohnt in der Krummhörn, einer in Emden. Mindestens ein weiterer Neonazi aus Emden half in der Crew – hinzu kommen die Auswärtigen mit eindeutiger politischer Gesinnung.
Von AfD bis „Kampf der Nibelungen“
Die Wahlergebnisse sind ein Indiz dafür, dass sich die Veranstalter des Konzerts nicht in einem „luftleeren Raum“ losgelöst von der restlichen Bevölkerung bewegen. Sie als isolierte Einzelfällen zu betrachten, greift zu kurz. Rechtes Gedankengut ist auch in der Krummhörn und der Stadt Emden weiter verbreitet, als mancher denken mag.
Das zeigt sich auch beim genaueren Blick auf das Umfeld der Konzerts und der Veranstalter. Hier finden sich weitere lokale Akteure, die entweder offen AfD wählen und unterstützen, rechtsoffen oder auch rechtsextrem sind. „Ich wähle AfD“ ist da beispielsweise auf einem Profilfoto zu lesen, während im Profil rechtsradikale Musik verbreitet wird. Da ist der ältere Mann, der zwar keinen AfD-Bezug im Profil hat, aber ein propagandistisches Weihnachtsgedicht von 1943 mit „Gefällt mir“ markiert. Auch auf eindeutige, wenn auch nicht verbotene Tätowierungen wie Schwarze Sonnen stößt man im Umfeld der Veranstalter. Auch die rechtsextreme Kampfsportveranstaltung „Kampf der Nibelungen“ wird auf einem Profil beworben, das Verbindungen zur hiesigen „Crew“ des Konzertes hat – um nur ein paar Beispiele zu nennen. Diese Verbindungen gehen auch deutlich über die Krummhörn und Emden hinaus in andere Teile der Region.