Mann mit Messer  Nach Warnschüssen in Emden folgt der Netz-Rassismus

Mona Hanssen
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Von Mona Hanssen
| 04.09.2023 16:52 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Bei der Eisdiele Venezia wurde der Mann, der zuvor zwischen dem Restaurant "La Vie" und der Kneipe "Kulisse" randaliert hatte, von der Polizei festgenommen. Dort fielen auch zwei Warnschüsse der Beamten. Foto: Hanssen
Bei der Eisdiele Venezia wurde der Mann, der zuvor zwischen dem Restaurant "La Vie" und der Kneipe "Kulisse" randaliert hatte, von der Polizei festgenommen. Dort fielen auch zwei Warnschüsse der Beamten. Foto: Hanssen
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Am Sonntag gab es einen Schreckmoment in der Emder Innenstadt. Ein junger Mann mit Messer wurde von der Polizei überwältigt. Zu dem Bericht darüber gab es viele rassistische Kommentare. Wir zeigen einige auf.

Emden - Am Sonntagnachmittag haben Polizeibeamten einen jungen Mann in der Emder Innenstadt festgenommen. Er hatte zuvor zwischen dem Restaurant „La Vie“ und der Kneipe „Kulisse“ randaliert und ein Messer in der Hand gehalten. Zeugen hatten die Behörde alarmiert. Die Polizei gab zwei Warnschüsse ab, als der Mann das Messer auf wiederholten Befehl nicht fallen lassen wollte und Richtung Stadtgarten flüchtete.

Was und warum

Darum geht es: um eine Festnahme in Emden, die im Video festgehalten wurde und für viel Diskussion sorgt

Vor allem interessant für: Emderinnen und Emder sowie allgemein Sicherheits- und Medieninteressierte

Deshalb berichten wir: Unter unserer Berichterstattung zu der Festnahme in Emden am Sonntagnachmittag sammelten sich schnell rassistische Kommentare an. Während wir versuchen, alle zu löschen, ist es uns trotzdem wichtig, aufzuzeigen, welchen erschreckenden Wortlaut einige haben.

Die Autorin erreichen Sie unter: m.hanssen@zgo.de

Der junge Mann in den Videos, die am Sonntagnachmittag in Emden und darüber hinaus schnell die Runde machten, hat eine dunklere Haut. Laut der Polizei stammt der 29-Jährige aus „dem Bereich Oldenburg“. Das sind die Fakten.

Welchen Migrationshintergrund er haben könnte, spielt in dem Moment für die Berichterstattung keine Rolle. Im Pressekodex heißt es: „In der Berichterstattung über Straftaten ist darauf zu achten, dass die Erwähnung der Zugehörigkeit der Verdächtigen oder Täter zu ethnischen, religiösen oder anderen Minderheiten nicht zu einer diskriminierenden Verallgemeinerung individuellen Fehlverhaltens führt.“ Sprich: Steht die Tat nicht in einem direkten Zusammenhang mit der Herkunft eines Täters, bleibt sie in der Berichterstattung außen vor. An diese Richtlinie aus dem Pressekodex halten sich die meisten Medienhäuser.

Einige Nutzer wittern Verschwörungen

In den sozialen Medien wie etwa auf der Plattform Facebook sieht es ganz anders aus. Dort wittern Nutzer Verschwörungstheorien und äußern sich rassistisch. Einige Kommentare sind als menschenverachtend und strafbar zu deuten. Die Redaktion löscht solche Kommentare unter den Beiträgen rigoros. Dennoch werden aktuell alle Posts archiviert, auf strafrechtliche Inhalte untersucht und gegebenenfalls einer Strafverfolgung zugeführt.

Um zu veranschaulichen, wie groß der Anteil an Hass und Hetze im Netz ist, zeigt dieser Text im Folgenden in Ausschnitten einige der Kommentare, die gelöscht wurden. Die Kommentare werden in Rechtschreibung und Grammatik nicht korrigiert, sondern im Original gezeigt; Nutzernamen werden gekürzt, liegen der Redaktion aber in Gänze vor.

Zu einem Polizeieinsatz, bei dem Warnschüsse abgegeben wurden, kam es am Sonntag in Emden. Die Polizei stellte einen Mann, der ein Messer in der Hand hatte, zunächst Höhe „La Vie“, ungefähr dort, wo Fass und Fahrrad links im Bild zu sehen sind. Foto: Hanssen
Zu einem Polizeieinsatz, bei dem Warnschüsse abgegeben wurden, kam es am Sonntag in Emden. Die Polizei stellte einen Mann, der ein Messer in der Hand hatte, zunächst Höhe „La Vie“, ungefähr dort, wo Fass und Fahrrad links im Bild zu sehen sind. Foto: Hanssen

„Nur nicht verraten wo der Mann wirklich her kommt weiter so“, schreibt beispielsweise A. F. unter dem Beitrag. „Ich weiß zwar nicht wo dieses Oldenburg liegen soll aber sicher nicht in Deutschland. Zum kotzen wenn man hier offensichtlich von Medienseite, Informationen vorenthaltenbekommen, nur damit die ‚political correctness‘ gewart bleibt“, schreibt F. B.. Diese Kommentare sind noch relativ harmlos und bewegen sich im Bereich der Verschwörungstheorien.

Rassismus ist teilweise erschreckend

Andere Kommentare richten sich nicht gegen die Berichterstattung, sondern an den Sachverhalt selbst: „Schade dass ein Warnschuss ihn nicht ‚ausversehen‘ getroffen hat“, schreibt K. M. dazu. A. U. schreibt: „wer sagt schießen drauf schlagen“. Eine andere Nutzerin - I. P. - meint: „Der Luftpumpe hätte ich in der Bar schon mit nen Barhocker umgehauen, das alle so ruhig bleiben.“ An anderer Stelle auf Facebook, wo der Vorfall gepostet wurde und wo rassistische Kommentare bislang nicht aussortiert wurden, liest man auch: „Die 2 Schüsse hätten sitzen müssen dann wäre das Problem erledigt“, schreibt F. F..

„Tja Emder Polizei sei dank es geht doch sollte ein Warnschuss für alle sein wie man Sie auch nennen mag ,hier ist es glücklich abgelaufen den Beamten sei dank ,toll reagiert einen Handkuss an die Ladys und Jungs an die Wache der Schicht Topy gemacht ,hier stimmt das alte Wort noch von dein Freund und Helfer ,wenns auch nicht immer sonst so ist bleibt gesund ihr auf der Wache thanks von mir bin stolz auf Euch !!“, schreibt S. S.. Hinweise auf „Früher war alles besser“-Niveau sind dort noch das harmloseste.

Es gibt auch klare Gegenstimmen zum Rassismus

„Der Mann in dem Video, das kursiert, ist offensichtlich psychotisch. Das macht ihn nicht weniger gefährlich und die Situation nicht weniger bedrohlich. Dass Menschen jetzt ihre erbärmlichen rassistischen Ressentiments bestätigt sehen und die öffentlich breit treten müssen, ist widerwärtig. Anstatt sich zu freuen, dass alle mit dem Schrecken davongekommen sind, was nicht selbstverständlich und dem Eingreifen der Polizei zu verdanken ist, kotzen diese Menschen lieber ihre blau-braune Kleingeistigkeit ins Netz“, schreibt indes H. G. und bekommt dafür von Nutzern Lob. Auch der Nutzer H. S. bezieht klar Position. Es sei „richtig“, dass die Herkunft nicht weiter benannt wurde, „weil es ein Mensch war, unabhängig seiner Herkunft. Dies hätte genauso ein deutscher , Asiate, Grieche oder sonst wer sein können. In jeder Nationalität gibt es faule Äpfel.“

Während viele der Polizei für ihr Einschreiten danken, gibt es auch kritische Stimmen gegen die Schüsse: „Naja, ich weiß ja nicht ob es das richtige Verhalten der Polizei war. Gerade weil die Stadt voll war! Aber mit 2 Mann nach dem Gas zu greifen und dann noch 2 Warnschüsse? Da kommt doch noch mehr Panik auf. Wo ist den die Nahkampf Erfahrung? Bei 4 gegen einen wäre ein Eingriff doch im Normalfall besser gewesen. Egal, Hauptsache es wurde niemand verletzt!“, schreibt M. G..

Während einige das ruhige Verhalten der Passanten loben - die Gäste der Restaurants, Kneipen und Eisdielen blieben größtenteils ruhig sitzen, während der Mann auffällig wurde -, kritisieren andere die Leichtsinnigkeit der Handy-Filmer: „Habe mir das Video nun das zweite Mal angesehen und mich schockiert eher, es fallen Schüsse...alles rennt hinterher, Hauptsache Handy draufhalten“, bemerkt S. H..

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