Zu Fuß von Bayern bis ans Meer 17-Jähriger wandert 830 Kilometer in 26 Tagen
Mit Kurs Nordwest lief Maximilian Nesslauer Tag für Tag bis zu 47 Kilometer. Allein und quer durch Deutschland: Bei München trat er aus der Haustür und wanderte los – bis nach Harlesiel.
Harlesiel - Die Blasen an den Füßen von Maximilian Nesslauer erzählen die Geschichte einer außergewöhnlichen Reise. Er ist zu Fuß von seinem Heimatort Hallbergmoos im oberbayerischen Landkreis Freising nahe München nach Harlesiel gegangen. Spurlos ging das nicht an ihm vorbei. „Die Füße haben schon Theater gemacht. Immer während der letzten Kilometer.“ Jeden Tag habe er einen Teil der Strecke unter Schmerzen zurückgelegt. „Die Füße haben wirklich wehgetan.“ Die 830 Kilometer Strecke legte der 17-Jährige in 26 Tagen zurück. Unzählige davon im Regen. Allein. Ende August erreichte er sein Ziel. Dafür wanderte er täglich im Schnitt 32 Kilometer. Die längste Etappe betrug allerdings 47 Kilometer. Mehr als zwölf Stunden war er dafür auf den Beinen, überschlägt er im Gespräch mit der Redaktion.
Was und warum
Darum geht es: Der 17 Jahre alte Maximilian Nesslauer wanderte in 26 Tagen quer durch Deutschland, von München an die Nordsee.
Vor allem interessant für: Reiselustige
Deshalb berichten wir: Die Videos, mit denen Maximilian Nesslauer seine Wanderung dokumentierte, erfreuten teilweise Tausende. Bei Tiktok teilte er unter Namen „Wandern mit Max“ täglich seinen Fortschritt. Die Autorin erreichen Sie unter: s.ullrich@zgo.de
Trotz seiner Blessuren hat der junge Mann es durchgezogen: Tag für Tag lief er genau so weit, wie er es sich zuvor bei der Planung seiner Tour überlegt hatte, berichtet er. Rund 20 Kilo Gepäck trug er dabei auf dem Rücken. „Ich hatte einen dicken Rucksack“, stellt er fest. Denn neben Kleidung transportierte er Zelt, Isomatte, Schlafsack und Kochgeschirr. Vermutlich würden nur wenige Gleichaltrige ihre Ferien freiwillig so verbringen: Maximilian Nesslauer sagt, er sei manchmal um 5 Uhr morgens aufgestanden, um die jeweilige Etappe rechtzeitig vor Einbruch der Dunkelheit zu schaffen. Meist brach er gegen 7 Uhr auf und erreichte sein Ziel am späten Nachmittag oder frühen Abend. Manchmal habe er schlichtweg „keinen Bock“ gehabt: „Die größte Herausforderung war: einfach laufen.“ Umplanen oder aufgeben kam für ihn nicht infrage. „Die Disziplin war dann da“, verrät er lachend. „Ich dachte nur: Dann dauert es halt länger.“
Angespornt vom unbedingten Willen, abzuliefern
Nesslauer wollte vor allem sich selbst beweisen, dass er zu Fuß von Bayern bis an die Nordsee gehen kann. Und auch seinem Umfeld. „Ich habe gesagt: Ich mach das.“ Also wollte er abliefern, Wort halten. Seine Freunde hätten die Idee zwar gefeiert, meint er. Freiwillig begleitet hätte ihn jedoch nur einer. Der hatte jedoch bereits Pläne für den Sommer. Mehr oder weniger dabei sein konnten dann aber alle, die es wollten: Der Bayer hat seine Erlebnisse unterwegs über das Videoportal Tiktok geteilt. Im Schnitt wurden die Videos „Wandern mit Max“ bislang 3000 bis 5000 Mal angeschaut, viele auch häufiger. Seine Vorstellung hat es in nur einem Monat auf weit mehr als 40.000 Klicks gebracht. Fast 3000 Abonnenten hat sein Kanal. Beim Lesen der Kommentare wird deutlich, dass er viele mit seinem Projekt erreicht und mitgenommen hat. „Dankeschön, dass ich dich auf deinem Weg begleiten durfte“, schreibt ein Nutzer. Ein anderer schwärmt: „Ach was war das schön mit dir auf Wanderschaft zu sein.“
Die Wanderung war kein spontaner Einfall: Bei einer Zugfahrt vor eineinhalb Jahren nach Minden habe er sich gedacht, zu Fuß würde er deutlich mehr von der Gegend sehen können. Mit 16 Jahren ließ er die Bombe bei seinen Eltern platzen. Die sahen im Laufe der Zeit, wie ernst es ihm damit war, und unterstützten den Plan. Sie ließen ihn allein ziehen, obwohl er noch minderjährig ist. Ihn zu begleiten, war kein Thema: Er wollte allein wandern, seine Grenzen austesten. „Ich wollte es richtig anstrengend und habe die Herausforderung gesucht.“ Luxus gönnte er sich unterwegs nicht: Er schlief im Zelt. Das stand meist auf einem Zeltplatz. Doch nicht immer gab es den. Auch in privaten Gärten oder auf Bauernhöfen schlug er es auf. Wo immer er fragte, sei er mit offenen Armen empfangen worden. Es habe viele Gespräche und einige Einladungen zum Essen gegeben.
„Der Weg ist das Ziel“
Gemeinsam mit seinem Stiefvater hatte der Schüler seine Wanderroute geplant. Am Ende jedes Tages sollte er einen bestimmten Ort auf seiner Liste erreichen. Zu Beginn und zum Ausklang der Reise planten sie kürzere Strecken von rund 20 Kilometern. Zwischendrin durfte es auch deutlich mehr sein. Meist waren es um die zehn Stunden, die Maximilian Nesslauer lief. Und das auf möglichst grader Strecke. In Ermangelung von Wanderwegen führte die Route den 17-Jährigen mal entlang vielbefahrener Hauptstraßen, mal quer durch den Wald. Mit dem Smartphone navigierte er. Große Touren, so sagt er selbst, habe er davor nie gemacht. „Ich war das erste Mal so richtig wandern.“ Vorher sei er nur ab und zu spazieren gegangen. „Sonst nix.“
Ausgehend vom Startpunkt in Bayern wollte Maximilian Nesslauer drei Freunde auf der Strecke besuchen, erzählt er. Somit standen Neuburg an der Donau, Bad Eilsen und Minden als Zwischenetappen fest. Seinen Zielort Carolinensiel-Harlesiel kannte er vorher nicht und wählte ihn ganz pragmatisch aus: Er wollte zur Nordsee und in keiner großen Stadt ankommen. Auch wollte er auf seiner Route lieber ländlich und in kleineren Orten unterwegs sein. Zuvor war er nicht einmal in der Nähe Ostfrieslands gewesen. Auf Entdeckungsreise ging er nach seiner Ankunft an der Küste dennoch nicht: Am Freitagabend erreichte er das Meer bei Gewitter. „Es hat heftig geschüttet.“
Am Tag darauf schon machte er sich mit der Bahn auf den Heimweg. Immerhin hatten sich die Gewitterwolken da verzogen. Umgestimmt und zum Bleiben animieren konnte ihn auch der blaue Himmel über dem Wattenmeer nicht. Für ihn war die Reise hier zu Ende. „Der Weg ist das Ziel“, stellt er klar. „Ich wollte keinen Urlaub machen.“ Den Rest seiner Sommerferien will er nun vor allem dazu nutzen, sich und seine geschundenen Füße zu entspannen. Seinen nächsten Urlaub wird Maximilian Nesslauer nicht mit einem Gewaltmarsch verbringen, soviel steht für ihn bereits fest. „Direkt nochmal so eine Tour muss vielleicht nicht sein. Es war schon geil. Aber die Zeit war zu lang“, resümiert er. Seine Wanderschuhe hängt er nicht an den Nagel: „Kürzere Touren ja, mal ein Wochenende oder vielleicht vier, fünf Tage.“