Leonie Landherr gewinnt Wahl Wiesmoors neue Blütenkönigin packt schonmal die Grätsche aus
Nein, im ersten Anlauf hat Wiesmoor keinen neuen Blütenkönig bekommen. Aber wie ist die Wahl gelaufen, was war trotzdem historisch – und was wissen wir über das neue Königshaus?
Wiesmoor - Wer Gesprächsfäden im weiten Rund der Wiesmoorer Freilichtbühne aufschnappte, hörte am Sonntag immer wieder Fragen wie: „Was meinst du, wie historisch wird das heute?“ Waren doch erstmals auch drei Männer zur Wahl ins Königshaus beim Blütenfest zugelassen – und stand doch die Frage im Raum, ob die Zeitung am Montag etwa mit Schlagzeilen wie „Es ist ein Junge!“ titeln könnte. Seit Wochen wurde quer durch die Stadt spekuliert, wessen Haupt am Ende denn gekrönt werden könnte. Ein von Anspannung gezeichneter, mitfiebernder Bürgermeister Sven Lübbers (parteilos) sagte: „Die Spannung ist so riesig, man könnte die Luft zerschneiden.“ Schirmherrin und Landtagspräsidentin Hanna Naber (SPD) sagte: „Ich habe mich anstecken lassen und richtig mitgefiebert.“
Die Wiesmoorer haben sich indes für eine sanfte Revolution entschieden – und erstmals einen Prinzen als Teil des Königshauses gewählt. Doch weiterhin gibt es eine Blütenkönigin: Mit Leonie Landherr begeisterte eine 23 Jahre alte Frau das Publikum besonders. Sie bekam die meisten Stimmen und vertritt die Stadt künftig als Calendula I. – also als Ringelblume. Auch wenn sie zuvor in der Vorstellung noch das Vergissmeinnicht als Lieblingsblume benannt hatte, die in ihrer Lieblingsfarbe – Blau – blüht.
Die grätschende Blüten-Majestät
Freudentränen aus den Augenwinkeln wischend trat sie auf die Bühne, winkte gerührt ins Publikum. Gewitzt, nahbar und geerdet hatte sie sich in der Vorstellung mit Moderator Ludger Abeln geschlagen. Der nannte sie im Scherz „Leonie, die Blutgrätsche“, weil die 23-jährige Altenpflegerin seit 16 Jahren begeistert Fußball spielt und als Innenverteidigerin versucht, gegnerische Stürmerinnen zu stoppen. Am liebsten bei Regen, auf nassem Rasen. „Das ist mein Wetter“, sagte sie. Jubel im Publikum.
Nun stand die sanfte Revolution sogar schon vor Beginn der Veranstaltung alternativlos fest: Denn mit Pia Weseler (22) aus Holtland hatte eine Kandidatin kurzfristig krankheitsbedingt absagen müssen. So blieben fünf Kandidaten – zwei Frauen, drei Männer – für drei Plätze im Königshaus.
Das Prinzendiadem auf der schwarzen Kappe
Von den drei Männern schaffte es Yannik Willms, nach eigenem Bekunden „seit neun Jahren 23 Jahre alt“, sich in den Ortsgeschichtsbüchern als erster Prinz zu verewigen. Er, der wegen spärlicher gewordener Haarpracht Mütze trägt, nahm das Prinzendiadem am Ende auf seine Kappe. Wäre es nach Lautstärke des Unterstützerkreises gegangen, der Einzelhandelskaufmann hätte die Nase vorn gehabt. Kollegen, Familie, Freunde feierten ihn frenetisch.
Viel umjubelt war auch der Auftritt der begeisterten Theater-Schauspielerin und Jägerin Kim Schlüter (21), mit der auf der Bühne Ludger Abeln frotzelte, wie man denn eigentlich Schrotkugeln aus einem erlegten Kaninchen zupft, um keine „Abenteuergastronomie“ zu erleben, indem man auf ein Kügelchen beißt. Konter: „Sorgsam suchen!“ Gelächter auf den Rängen. Die 21-Jährige wird Königin Calendula I. neben Prinz Yannik im nächsten Jahr als Prinzessin begleiten.
Rekordverdächtig weite Anreise aus Australien
Wie knapp die Abstände am Ende waren, wie eng dahinter etwa der DLRG-Rettungsschwimmer Ole Leister (19) landete, der in einer Umfrage unserer Redaktion die meisten Stimmen bekam? Wie nah am Königshaus Kevin Janssen (21) war, der vor zwei Jahren einen Herzinfarkt erlitt, gehörlose Eltern hat und das Publikum in Gebärdensprache begrüßte? Bleibt geheim. Und spielt am Ende ebenso wenig eine Rolle wie die Frage, ob Yannik Willms als einziger Mann auch ins Königshaus gewählt worden wäre, wenn mit Pia Weseler die dritte Frau als Kandidatin hätte antreten können.
Wenn schon nicht revolutionär, so aber doch zumindest rekordverdächtig wurde das Blütenfest in diesem Jahr, weil mit Deborah und Christian Dymock ein Paar extra mehr als 16.000 Kilometer als Teil seiner Flitterwochen bis zum Blütenfest gereist war. Beide leben im Dorf Haddon, anderthalb Autostunden von Melbourne entfernt, in Australien, auf einer Farm. Und Deborah Dymock, gebürtige Wiesmoorerin, die hier 2013 ihr Abitur machte, wollte „unbedingt zum Blütenfest in diesem Jahr“, sagte sie.
Prinzessin kam mit gebrochener Schulter
Bis zur großen Krönungsentscheidung gab es auch in diesem Jahr musikalische Einsprengsel: Bläser-Arrangements von großen Hits vom Stadtorchester Wiesmoor, Tanzdarbietungen der Trachten- & Volkstanzgruppe mit den Line-Dancers zu „Cotton Eye Joe“, viel Hüftschwung der Hula-Hoop-Tänzer der TG Wiesmoor um Henry Aden. Am längsten füllte der Sohn des Schlagerstars Matthias Reim, Julian Reim, die Pause während des Auszählens. Er, der in Florida geboren wurde und am Bodensee lebt, ließ in seinen Anmoderationen erkennen, nicht ganz so genau zu wissen, auf was für einer Veranstaltung er dort singt – und wo genau er war, denn verlaufen hatte er sich in Wiesmoor auch. „Der König ist anscheinend die repräsentative Person für Wiesmoor, habe ich gerade erfahren“, gab er zu Protokoll, sang einige Schlager, doch echte Stimmung wallte kaum auf.
Publikum und Sänger schienen einander fremd zu bleiben – im Gegensatz zu den drei Frauen im bisherigen Königshaus: Blütenkönigin Jana Gerdes und ihre Prinzessinen Justine Brazda und Finja Krause verabschiedeten sich wehmütig. „So eine tolle Zeit werde ich nie wieder haben“, schwärmte Justine Brazda, die unbedingt kommen und mitfeiern wollte, obwohl sie sich am Mittwoch voriger Woche bei einem Motorradunfall Arm und Schulter gebrochen hatte. Auch Jana Gerdes sagte: „Dass es ein so schönes Jahr werden und wir so eng zusammenwachsen würden, hätte ich nie gedacht.“ Eben darauf kann sich jetzt das neue Königshaus freuen – erstmals zwei Frauen und ein Mann.
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